Fußball

Alexander Baumjohann will sich nun bei Hertha beweisen

Vor Jahren schon galt Alexander Baumjohann (26) als Riesentalent des deutschen Fußballs. Doch ob bei Schalke, in Mönchengladbach oder München: Beweisen konnte er es nicht. Bei Hertha soll sich das ändern.

Foto: Oliver Mehlis / pa/ZB

Dass die Fragen nach seiner Vergangenheit kommen würden, hatte Alexander Baumjohann geahnt. Mit verschränkten Armen sitzt der 26-Jährige nach dem zweiten Training der Saisonvorbereitung im Medienraum von Hertha BSC. Der Blick, der eben noch den Kontakt zum Gegenüber gesucht hat, geht nach unten, als er über das Gestern sprechen soll. Man meint, ein kleines Seufzen zu hören. „Ich denke, dass man im Fußball nicht so sehr zurückschauen sollte“, sagt Baumjohann wie vorbereitet. „Ich habe in den vergangenen Jahren sehr viel gelernt – auch, wenn nicht immer alles positiv gelaufen ist.“

Der Ruf ist ramponiert

Herthas neuer Mittelfeldspieler hat diese Fragen schon oft beantworten müssen. Er weiß, dass ihm ein ramponierter Ruf vorauseilt. Er war der letzte von vier Spielern, die Hertha in diesem Sommer verpflichtet hat. Über keinen wurde so kontrovers diskutiert wie über ihn. Sebastian Langkamp, Johannes van den Bergh und Hajime Hosogai werden als durchschnittlich talentierte Spieler wahrgenommen, die dank einer überdurchschnittlich guten Einstellung das Team von Trainer Jos Luhukay bereichern könnten.

Bei Baumjohann ist es umgekehrt. Er gilt als Profi, der zwar mit außergewöhnlichen Fähigkeiten gesegnet ist, aus diesen in der Vergangenheit aber viel zu wenig gemacht hat. „Ich weiß“, sagt Baumjohann, „dass es nach außen das Bild von mir gibt, dass ich nicht immer die richtige Einstellung mitgebracht habe. Aber diejenigen, die mich kennen, wissen, dass das nicht stimmt.“

Überzogene Erwartungen, die er nicht erfüllen konnte

Die Gründe für das Zerrbild des schlampigen Genies liegen in Baumjohanns rasantem Aufstieg, der überzogene Erwartungen weckte, die er nie erfüllen konnte. Mit 17 Jahren entdeckte ihn Jupp Heynckes in der B-Jugend des FC Schalke 04 und holte ihn ins Profiteam der Königsblauen. „Er ist das größte Talent, das Schalke jemals ausgebildet hat“, ließ sich Heynckes damals zitieren. Schalkes Manager Rudi Assauer nannte ihn gar den nächsten Michael Ballack. Sätze, die einem jungen Mann den Kopf verdrehen können. Das war 2004, und der Hochgelobte hatte noch kein einziges Profispiel bestritten.

Sein erstes Bundesligator aber war eine Verheißung. Am 30. August 2008, Baumjohann war zu Borussia Mönchengladbach gewechselt, lief er über 70 Meter mit dem Ball über den Platz, ließ die gegnerischen Spieler von Werder Bremen aussehen wie Schüler und erzielte das Tor des Monats. Mit einem Mal galt Baumjohann nicht mehr nur Insidern als eines der größten Talente des deutschen Fußballs. Ein solches Tor hatte in Mönchengladbach zuletzt Sebastian Deisler geschossen.

Luhukay hatte ihn schon in Mönchengladbach gewarnt

Dass Baumjohann nur wenige Wochen zuvor von seinem damaligen Trainer, einem gewissen Jos Luhukay, noch gewarnt wurde, „allein ein guter Fußballer zu sein reicht nicht. Dazu gehört auch Professionalität und Ernsthaftigkeit“, war vergessen. Luhukay musste die Borussia bald verlassen. Unter Hans Meyer spielte Baumjohann so groß auf, dass ihn der FC Bayern 2009 verpflichtete.

Zu jener Zeit entschied sich Horst Hrubesch, Trainer der deutschen U21-Nationalmannschaft, Baumjohann trotz starker Leistungen im Verein nicht mit zur Europameisterschaft in Schweden zu nehmen. „An den fußballerischen Möglichkeiten hat es bei ihm nie gelegen. Entscheidend ist, wie man mit seinem Talent umgeht, und das hat er lange schlecht gemacht“, sagte Hrubesch.

Viele Teams, aber wenig Einsätze in der Bundesliga

Der FC Bayern wollte ihn trotzdem, und Baumjohann wollte auf die große Bühne. Schnell ging der Aufstieg, schneller noch geriet er ins Stocken. Jürgen Klinsmann hatte ihn zum Rekordmeister gelotst. Unter seinem Nachfolger Louis van Gaal konnte sich Baumjohann jedoch nicht durchsetzen. Er verließ München nach nur sechs Monaten und drei Einsätzen wieder und kehrte zu Schalke 04 zurück. In Gelsenkirchen hoffte Baumjohann, die vorgeschriebene Karriere als Ausnahmespieler doch noch fortsetzen zu können.

Wirklich gelingen wollte es ihm nicht. In drei Saisons bestritt Baumjohann nur 28 Partien. Mit seinem Trainer Felix Magath überwarf er sich. Meist blieb er auch unter dessen Nachfolgern Ralf Rangnick und Huub Stevens Ersatzspieler. Als er Schalke im vergangenen Sommer verließ, hatte er in acht Jahren als Profi gerade einmal 65 Spiele in der ersten und zweiten Liga bestritten.

Umweg über Kaiserslautern zahlte sich aus

Um seine Karriere zu retten, machte der 1,78 Meter große Offensivspieler den Umweg über die Zweite Liga und wechselte zum 1. FC Kaiserslautern. In 25 Partien erzielte er für die Pfälzer fünf Tore und war mit elf Vorlagen der drittbeste Vorbereiter der Liga. „Für mich war das eine riesige Chance, mich zu beweisen“, sagt Baumjohann heute. „Es gab viele, die dachten, ich sei mir zu schade für die Zweite Liga.“ Weil Kaiserslautern aber den Aufstieg verpasste, konnte Hertha ihn ablösefrei verpflichten.

In Berlin will Baumjohann endlich beweisen, dass er das Zeug für die Bundesliga hat. Dieses Ziel eint ihn mit seinem neuen Klub. Auch Hertha will nach zwei Abstiegen in drei Jahren den Nachweis erbringen, auf Dauer bundesligatauglich zu sein. Für seine Entscheidung, nach Berlin zu wechseln, sei maßgeblich gewesen, wieder mit Luhukay arbeiten zu können – der Trainer, dem Mentalität wichtiger ist als Qualität, und der ihn als Shootingstar in Mönchengladbach noch aufgrund der mangelhaften Einstellung kritisiert hatte.

„Ich habe mich als Persönlichkeit weiterentwickelt“

Baumjohann lächelt. Auch diese Frage hat er erwartet: „Es ist inzwischen viel Zeit vergangen“, sagt er zum Abschluss. „Ich habe mich als Persönlichkeit weiterentwickelt. Mir war wichtig, dass der Trainer mich kennt und weiß, wie er mich anpacken muss.“