Bundesliga

Wie Wolfsburgs Diego Hertha ausgetrickst hat

Der Schwung vom Saisonstart ist vergangen. Wolfsburgs Star schindet clever einen Elfmeter, doch die Berliner verlieren dennoch zu Recht. Nun sind die Jungs in der Realität angekommen.

Foto: JOHN MACDOUGALL / AFP

Die Nachspielzeit lief, die Partie war längst entschieden. Aber einmal noch wurde Hertha BSC vorgeführt. Im Fünfmeterraum des VfL Wolfsburg schoss Adrian Ramos, der Ball wurde abgeblockt. Ronny, immer noch im Fünfer, nahm den Abpraller auf, und schoss, diesmal war VfL-Torwart Diego Benaglio dazwischen. Den nächsten Abpraller brachte Ramos aus mittlerweile zwei Metern zwar am Schlussmann vorbei, diesmal stand Naldo auf der Linie und klärte. Es war zum Haareausraufen, Hertha brachte den Ball nicht im Tor unter und unterlag letztlich verdient 0:2 (0:2) beim VfL Wolfsburg.

Nach geglücktem Saisonstart mit sieben Punkten musste sich der Aufsteiger am vierten Spieltag zum ersten Mal geschlagen geben, Saison- und Liga-übergreifend war dies die erste Niederlage seit 182 Tagen(0:1 bei Dynamo Dresden).

Übers Tor geköpft

Im strömenden Regen am Mittellandkanal ging die Taktik der Gäste nur eine knappe Halbzeit lang auf. Trainer Jos Luhukay hatte auf die gleiche Startelf wie in der Vorwoche gesetzt. Hertha überließ dem VfL das Feld und die Initiative. Das Spielgeschehen spielte sich meist rund 30, 35 Meter vor dem Berliner Tor ab. Doch die Wolfsburger verfingen sich eins ums andere Mal im engmaschigen Netz der Berliner Defensive. Auch Herthas Bester, Hajime Hosogai, erfüllte seine Spezialaufgabe mit Bravour – die Kreise von VfL-Spielmacher Diego zu stören. Die 28.625 Zuschauer staunten, denn Hertha konterte überfallartig. Im besten Spielzug flankte Änis Ben-Hatira scharf in die Mitte, Adrian Ramos köpfte jedoch übers Tor (19.).

Hertha schien mit einem 0:0 in die Pause zu gehen – und musste in 180 Sekunden viel Lehrgeld zahlen. VfL-Innenverteidiger Naldo nahm sich 30 Meter vor dem Berliner Tor den Ball, tanzte Ben-Hatira aus und zog einfach mal ab. In den Schuss rutschte Ivica Olic hinein und bugsierte den Ball aus sechs Metern ins Tor, 0:1 (42.). Während bei Hertha noch darüber nachgedacht wurde, ob das ein genialer Spielzug oder ein verunglückter Torschuss war, nahte das nächste Unheil.

John Anthony Brooks unterlief im Strafraum ein Stockfehler. Der Ball sprang zu Diego und Brooks auf den Brasilianer zu, der abhob und dahinsank. Schiedsrichter Robert Hartmann entschied auf Elfmeter. Eine Fehlentscheidung. Diego war es egal. Er beschenkte sich in seinem 150. Bundesligaspiel mit einem sicher verwandelten Elfmeter, 0:2 (45.+1). „Nicht ungeschickt von mir. Brooks kam zu spät und ich nutze das clever aus“, meinte Diego hinterher.

„Erfahrung gegen Unerfahrenheit“

Luhukay wusste, dass dies wohl der Knackpunkt der Partie war. Nach dem Abpfiff sagte der 50-Jährige: „Als Abwehrspieler muss man den Ball und den Gegner sehen. Wenn John vorher guckt, kann er in Ruhe klären. Aber John war hektisch, trifft den Ball nicht richtig, der Ball springt Diego vor die Füße. Und dann war es eine Situation von Erfahrung gegen Unerfahrenheit. Da hat Diego das eiskalt genutzt.“

Die Folge des Doppelschlages: „Wir haben in drei Minuten die Kontrolle über das Spiel verloren. Es war sauschwer in der Kabine, die Mannschaft wieder aufzurichten“, sagte Luhukay. Die gute Nachricht für die Gäste im zweiten Durchgang: Der Aufsteiger ist nicht eingebrochen. Andrerseits vermochte Hertha auch nicht, Druck aufzubauen.

Bei den Berlinern blieben zu viele Spieler unter Normalform. Brooks leistete sich im Aufbau immer wieder leichtfertige Ballverluste. Bei Fabian Lustenberger und Ben-Hatira fehlte die Präzision, Sami Allagui war ohne Durchschlagskraft. Vorn hatte es Ramos fast durchgehend mit zwei Verteidigern zu tun. Und die wenigen Torgelegenheiten wurden vertan. Als VfL-Torwart Benaglio Sebastian Langkamp den Ball vor die Füße faustete, zog der Hertha-Verteidiger überhastet ab, übers Tor (51.).

Fehlende Cleverness

Auch die Einwechslungen von Sandro Wagner und Ronny nach 63 Minuten änderten nichts an diesem Bild. Die Wolfsburger ließen in der Schlussphase mehrfach klare Chancen liegen. Weshalb Wolfsburgs Trainer Dieter Hecking rügte: „Ich hätte mir ein drittes oder viertes Tor gewünscht.“ Hertha-Kapitän Lustenberger sagte: „Insgesamt müssen wir uns cleverer anstellen. Wie etwa Diego den Elfmeter rausgeholt hat. Er hat ihn gesucht und bekommen. Das ist clever.“

Luhukay sagte: „Wolfsburg ist in allen Mannschaftsteilen gut aufgestellt. Sie haben kaum etwas zugelassen. Wir haben alles versucht, aber hier war der Gegner besser. Wenn ich schon verliere, dann wie in Wolfsburg: Glückwunsch Dieter, Euer Sieg geht in Ordnung.“