Zweite Liga

Herthas Rekord-Saison ist Kobiashvilis persönlicher Erfolg

Aus der tiefsten Krise zurück zum Erfolg: Herthas Routinier Levan Kobiashvili steht stellvertretend für das Jahr der Berliner, das am Abgrund begann und mit einer triumphalen Rückkehr endet.

Foto: Oliver Mehlis / picture alliance / dpa

Wenn Levan Kobiashvili über seine Mannschaftskollegen von Hertha BSC spricht, klingt das, als schwärme ein Vater vom eigenen Nachwuchs. „Die Jungs“, nennt er sie dann. Mit ihnen zusammen zu sein „macht einfach wahnsinnig Spaß“, sagt der 35-Jährige. Diese Jungs haben eine beeindruckende Zweitligasaison gespielt. Diese Jungs haben sich mit dem Erreichen des Aufstiegs nicht zufrieden gegeben und durch den 2:1-Erfolg gegen den 1. FC Köln am Sonntag selbst zum Meister des deutschen Unterhauses gekrönt.

„Die Jungs“ aber meint auch: sie und nicht ich. Das mag Kobiashvili, der schon Bundesliga spielte, als sein Abwehrkollege John Anthony Brooks (20) gerade erst eingeschult wurde, aufgrund seines fortgeschrittenen Fußballeralters und seiner langen Abstinenz in dieser Spielzeit bisweilen so vorkommen. Doch zutreffend ist es nicht.

Rückkehr nach Rekordsperre

Denn der Erfolg der Berliner in dieser rekordträchtigen Saison ist auch der persönliche Erfolg des Levan Kobiashvili. Der Georgier steht geradezu stellvertretend für ein Jahr des Hauptstadtklubs, das im Moment der tiefsten Krise begann und mit einer triumphalen Rückkehr endet. Für Kobiashvili kulminierte dieses Jahr am Sonntag in seinem Treffer vom Elfmeterpunkt zum zwischenzeitlichen 1:0 gegen die Domstädter. Es war sein allererstes Saisontor. Die bösen Geister der Vergangenheit hat er damit endgültig vertrieben.

Gekommen waren diese Geister zu Kobiashvili und seinem Klub vor fast genau einem Jahr. Am 15. Mai 2012 ging Hertha im Chaos des Relegationsrückspiels gegen Fortuna Düsseldorf unter, stieg nach einer Saison voller Intrigen und Turbulenzen ab, und Kobiashvili wurde vom Deutschen Fußballbund (DFB) zur längsten Sperre der Bundesligageschichte verurteilt (siebeneinhalb Monate). Er soll Schiedsrichter Wolfgang Stark in den Katakomben des Düsseldorfer Stadions attackiert haben.

Sein Image als fairer Sportsmann, das sich der Vater von zwei Kindern in 336 Bundesligaspielen für den SC Freiburg, Schalke 04 und Hertha aufgebaut hatte, war beschädigt. Die bis dahin so außergewöhnliche Karriere des ausländischen Profis mit den meistern Einsätzen im deutschen Oberhaus und Rekordnationalspielers seines Landes schien auf die unwürdigste Weise zu enden.

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„Damals haben ich lange überlegt, ob ich noch weitermachen kann“, sagt Kobiashvili heute. „Doch ich dachte: So darf ich nicht aufhören. Das habe ich nicht verdient. Und ich habe mir damals gesagt, dass ich weitermachen muss, um für mich selbst, meinen Verein und seine Fans etwas zurückzugewinnen.“

Kobiashvili hat diese Zeit oft als die „schwierigste seines Fußballerlebens“ beschrieben, doch sie war es auch für seinen Verein. Durch den unnötigen zweiten Abstieg innerhalb von nur drei Jahren, dem medialen Gewitter nach der Entlassung von Trainer Markus Babbel und dem juristischen Nachspiel der Relegation stand Hertha nicht nur sportlich vor einem Scherbenhaufen, sondern sah vor allem auch die eigene Reputation beschädigt.

„Der Verein und ich standen am Abgrund“, sagt Kobiashivili. „Ich wollte meinen kleinen Beitrag dazu leisten, dass wir wieder dahin zurückkehren, wo wir hingehören.“

Neue Motivation aus dem Moment der tiefsten Krise

Hertha ebenso wie Kobiashvili schöpften aus dem Moment der tiefsten Krise neue Motivation. Die Berliner wagten mit dem neuen Cheftrainer Jos Luhukay und die von ihm propagierte Siegermentalität einen Neuanfang und spielten nach anfänglichen Problemen eine Saison, die am Sonntag im Zweitligameistertitel und der Rückkehr in die Bundesliga mündete.

Dabei überraschten sich die Blau-Weißen sogar selbst: „Diese Saison ist besser verlaufen, als ich gedacht habe“, gab Luhukay kürzlich zu. Die Entwicklung der Mannschaft, die nach dem Abstieg tief verunsichert war, sei viel schneller vorangeschritten, als gehofft.

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Ebenso unverhofft schnell wie Hertha kam auch Kobiashvili nach seiner abgesessenen Sperre zurück. Nach der Winterpause erkämpfte er sich seinen an den jungen Fabian Holland verloren gegangenen Stammplatz zurück, machte ab dem 24. Spieltag acht von zehn Spielen von Beginn an links in der Viererkette und überzeugte dort mit starken Werten: Er gewann knapp 70 Prozent seiner Zweikämpfe, brachte 78 Prozent seiner Pässe und jede seiner Flanken an den eigenen Mann.

„So zurückzukommen war nicht leicht“, sagt Kobiashvili. „Ich habe mich nie aufgegeben und dafür gekämpft, noch einmal so schöne Momente wie den Gewinn der Meisterschaft am Sonntag mit den Jungs zu erleben.“ Das sei auch eine Genugtuung, so Kobiashvili. „Alles hat sich am Ende gelohnt.“

Doch an Levan Kobiashvili lässt sich nicht nur der Verlauf dieses für Hertha so erstaunlichen Jahres erzählen. An ihm lassen sich überdies die Zweifel darüber verdeutlichen, ob es für die Herthaner auch in der kommenden Bundesligasaison reichen wird. Denn im Juli wird der Routinier bereits 36 Jahre alt, und er hat sich vorgenommen, seinen bis 2014 gültigen Vertrag zu erfüllen.

Hertha als Überraschungsteam der Bundesliga?

„Solange ich gebraucht werde und es mir weiterhin Spaß macht, werde ich weiter machen.“ Die Vorbehalte darüber, ob Kobiashvili auch im Spätherbst seiner Karriere mit dem wesentlich höheren Niveau in Liga eins wird mithalten können, gelten gleichermaßen für den Kader der Berliner. Mancher Fan ist noch skeptisch, ob die Herthaner diesmal genügend Erstligatauglichkeit in ihren Reihen haben.

„Jeder weiß, dass die Bundesliga in den vergangenen Jahren immer besser geworden ist“, sagt Kobiashvili. „Für mich steht aber fest, dass diese Mannschaft auch in der ersten Liga eine gute Rolle spielen wird.“ Sie sei mental stark genug, um vielleicht sogar eine Überraschung zu schaffen. „Wenn Freiburg und Frankfurt das schaffen, warum dann nicht auch wir?“, fragt Kobiashvili.

Ob er selbst noch auf Einsatzzeit kommen wird, darüber mache er sich keine Gedanken. „Ich bleibe jedenfalls optimistisch. So, wie ich es immer war.“