Ein kleines Bettlaken hing am Tag nach Herthas 3:2 (3:0) gegen Erzgebirge Aue am Trainingsplatz und flatterte im Wind. Zwei Fans hatten es angebracht, um ihrer Freude über die außerordentlich erfolgreiche Saison der Berliner Ausdruck zu verleihen: „Danke Hertha für 1. Liga“ war mit blauem Filzstift sparsam auf das Laken gekritzelt.

Doch so wenig der weiße Stoff samt Grußwort im Halbschatten am Schenckendorffplatz von den Hertha-Profis wahrgenommen wurde, so wenig versetzt die Rückkehr in die Bundesliga die Mannschaft noch in Ekstase.

Zu lange schon steht fest, dass Hertha den erneuten Betriebsunfall Bundesligaabstieg aus der Vorsaison wieder korrigieren hat können. Zu sehr beschäftigen sich die meisten im Klub schon mit der kommenden Spielzeit im deutschen Oberhaus. Hertha ist der Zweiten Liga entwachsen. Dass dies nicht nur gedanklich sondern auch sportlich geschehen ist, war am Freitagabend wieder einmal zu beobachten.

Den Blau-Weißen reichte eine starke Halbzeit, um den abstiegsbedrohten Konkurrenten aus Aue soweit zu distanzieren, dass selbst eine weniger inspirierte Leistung im zweiten Durchgang den Sieg nicht mehr gefährdete. „Das Ergebnis hat am Ende gestimmt“, befand Cheftrainer Jos Luhukay trocken. Die drei Punkte habe sich sein Team eben in der ersten Hälfte verdient. Daher brauche man auch an der ideenlosen zweiten Halbzeit nichts zu kritisieren, in der die Sachsen mit zwei Toren noch einmal heranrückten. Das sei eben Fußball. Punkt.

Die Konkurrenz kann nicht mithalten

Der Fußball schließlich, den der Niederländer in dieser Saison spielen lässt, ist für die Ligakonkurrenz meist zu stark. Selbst an durchwachsenen Tagen wie zuletzt gegen Sandhausen (1:0), St. Pauli (3:2) und nun eben Aue ist Hertha für den Rest der Spielklasse eine Nummer zu groß. Das spricht einerseits für die Berliner, denen es gelungen ist, aus dem besten und teuersten Kader auch das beste Team zu formen.

Anderseits aber spricht es der Zweiten Liga ein hohes Leistungsniveau ab, was in der Vergangenheit anders war. Das hat dazu geführt, dass Hertha die Mitabsteiger und einstigen Konkurrenten um den direkten Wiederaufstieg Kaiserslautern und Köln auf Platz drei und vier nun schon auf 20 beziehungsweise 21 Punkte distanzieren konnte.

Darüber hinaus hat die fast schon Bayern-ähnliche Dominanz der Berliner in Liga zwei einen schönen Nebeneffekt: Hertha kann eine Saison der Rekorde mit einem weiteren krönen. Sammelt Luhukays Team (72 Punkte) in den verbleibenden zwei Partien gegen Köln und Cottbus mindestens vier Punkte, übertrumpft es nicht nur die Vereinsbestmarke von 74 Zählern aus der Spielzeit 2010/11.

Auch die Messlatte der besten Punktausbeute aller Zeiten in der Zweiten Liga, die Hannover 96 mit 75 Punkten 2001/02 aufgelegt hat, kann Hertha noch überspringen. Der Tabellenführer ist also im Begriff, Geschichte zu schreiben. Für Begeisterung aber sorgt das in der Mannschaft kaum.

Ben-Hatira will den Punkterekord

„Ehrlich gesagt, ist mir das egal“, kommentierte Herthas Torwart Thomas Kraft die Frage nach seiner Lust auf die Rekordjagd. „Wichtig ist für mich nur, dass diese Saison jetzt endlich zu Ende geht und wir alle gesund bleiben, um nächste Saison in der Bundesliga angreifen zu können.“

Zwar sei das natürlich ein schöner Randaspekt und für die Fans eine nette Sache. „Aber für mich persönlich ist das unwichtig“, so Kraft, der nie einen Hehl aus seiner Überzeugung gemacht hat, dass nicht nur sein Verein sondern auch er selbst für die Zweitklassigkeit zu gut ist.

Nur einer bei Hertha scheint noch Lust auf die letzten Zweitligapartien zu haben und will eine neue Bestmarke aufstellen: „Wir haben noch zwei tolle Spiele vor uns. Da wollen wir den Punkterekord knacken. Darauf sind wir jetzt heiß“, sagte Änis Ben-Hatira. Es sei doch Wahnsinn, wenn man nun Geschichte schreiben könnte, so der 24-Jährige. „Dann hätten wir das Maximum für den Verein erreicht.“ Vielleicht gibt es dann ein neues Bettlaken von den Fans. Und vielleicht ist es dann größer.