Ein bisschen wehmütig wird Änis Ben-Hatira am Dienstagabend den Fernseher anschalten. Er wird sich auf sein Hotelzimmerbett fallen lassen, die vom Trainingslager ermüdeten Beine ausstrecken und zusehen, wie ein Traum an ihm vorbeisaust. Denn am Dienstagabend bestreitet Tunesien sein erstes Spiel beim Afrika-Cup gegen Algerien. Eine Partie mit Brisanz, gleich zum Anfang.
Und Änis Ben-Hatira, Herthas tunesischer Nationalspieler, ist zum Zuschauen verdammt. „Ich wäre sehr, sehr gerne in Südafrika dabei gewesen“, sagt der 24-Jährige. Er hatte seine Hoffnungen darauf gesetzt, zum ersten Mal beim Afrika-Cup für das Land seiner Eltern spielen zu können. Nun aber wird er zusammen mit Sami Allagui, seinem Zimmerkollegen während Herthas Wintertrainingslagers in Belek und ebenfalls tunesischer Nationalspieler, am Fernseher „die Daumen drücken“.
Der Afrika-Cup, er ist eine von vielen verpassten Gelegenheiten für Änis Ben-Hatira in den vergangenen Monaten. Seit dem 19. Oktober hat der offensive Mittelfeldspieler kein einziges Spiel mehr für Hertha BSC absolvieren können. Eine mysteriöse Verletzung am rechten Sprunggelenk warf ihn immer wieder zurück. Zunächst ging man davon aus, dass die Blessur nach zwei Wochen verheilt sei. Doch daraus wurde ein Vierteljahr, in dem er immer wieder starke Schmerzen spürte und pausieren musste. Fast verrückt habe ihn das gemacht, sagt Ben-Hatira. „Ich wusste nicht, was los war. Während die anderen Verletzten wussten, was sie haben und wann sie wieder zurück sind, war bei mir immer die Unsicherheit.“
Behandlung beim Bayern-Doc
Doktor Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, der Mannschaftsarzt des FC Bayern, diagnostizierte einen Riss des Syndesmosebandes, der eine Abrissfraktur im Sprunggelenk zur Folge hatte (das sogenannte Volkmann’sche Dreieck), und behandelte ihn konservativ. Vielleicht habe seine Verletzung auch mit der Zweiten Liga zu tun, sagt Ben-Hatira.
Dort gehe es „eiskalt zur Sache“, und er habe schon vor der Saison gewusst, dass er mit seinen vielen Dribblings stärker noch als in der Bundesliga auf sich aufpassen müsse. Darüber hinaus sei auffällig gewesen, wie oft gerade sein lädierter rechter Knöchel attackiert wurde. Beschweren aber will er sich nicht: „Ich stelle mich jetzt nicht hin und sage: Niemand soll mich treten.“
Sein Glaube gab ihm Kraft
Seit vergangener Woche ist Ben-Hatira wieder zurück im Mannschaftstraining. „Ich bin einfach nur erleichtert, dass ich jetzt aus dem Gröbsten raus bin“, sagt er. Die Zeit des Zuschauens aber sei eine Qual gewesen: „Es gab Momente, da wäre ich am liebsten von der Tribüne auf den Platz gelaufen und hätte einfach mitgespielt.“ Während dieser Zeit hat der in Berlin geborene Sohn muslimischer Eltern sich wieder verstärkt mit seinem Glauben beschäftigt: „Er gibt mir Kraft und Halt.“
Auch in Belek, wo der Ruf des Muezzins bis zur Hotelanlage der Herthaner zu hören ist, betet Ben-Hatira fünfmal täglich. Doch auch von der Mannschaft und Trainer Jos Luhukay habe er Unterstützung bekommen: „Mir wurde immer gezeigt, wie sehr ich vermisst werde. Das hat mich aufgebaut und mich noch mehr motiviert, so schnell wie möglich wieder zurückzukommen.“
Es fehlen noch 30, 40 Prozent
Im Trainingslager in Belek will sich Ben-Hatira nun wieder an die Mannschaft herankämpfen. Dafür absolviert er täglich eine Einheit mehr als die Kollegen, geht Schwimmen, macht Lauf- oder Krafttraining. Denn er weiß: „Es fehlen mir noch 30, 40 Prozent.“ Ob er schon an diesem Dienstag beim ersten Testspiel der Herthaner in Belek gegen die Amateure des FC Bayern (16.30 Uhr Ortszeit) auflaufen wird, weiß er noch nicht. Im Training jedenfalls muss Ben-Hatira schon mal gebremst werden.
Auch Herthas Manager Michael Preetz versucht, die selbstgesteckten Erwartungen zu dämpfen: „Wir sind froh, dass Änis wieder zurück ist.“ Sein Ausfall sei ein „herber Verlust“ gewesen. Mit seiner Schnelligkeit und anarchischen Spielweise sei Ben-Hatira (drei Treffer und zwei Vorlagen) bis zu seiner Verletzung an einem Großteil der Tore in der Hinrunde beteiligt gewesen.
Und Preetz ist beeindruckt von der Vehemenz, mit der Ben-Hatira an seinem Comeback arbeitet. Dennoch sagt er: „Man kann ja mit den Hufen scharren und trotzdem Geduld haben.“ Außerdem dürfe man nicht vergessen, dass sich andere Spieler in Ben-Hatiras Abwesenheit ihren Platz im Team verdient hätten: „Die sind jetzt erst einmal in der Poleposition.“
Ben-Hatira will gegen Regensburg ran
Ebenso wie der Manager sieht es Cheftrainer Jos Luhukay. „Nach so einer langen Pause ist Änis noch auf der Suche nach seinem Timing und seinem Gefühl.“ Ben-Hatira brauche eine gewisse Selbstverständlichkeit für sein Spiel. Dafür aber benötige er Zeit und vor allem Spielpraxis.
Dass er von seinem Flügelspieler überzeugt ist, daran lässt der Niederländer jedoch keinen Zweifel: „Er ist ein Spieler mit einer außergewöhnlichen Qualität.“ Dennoch hat Luhukay angekündigt, beim ersten Spiel der zweiten Saisonhälfte gegen Jahn Regensburg am 3. Februar nicht mit dem Deutsch-Tunesier und den anderen Rekonvaleszenten zu planen.
Ben-Hatira aber hat freilich einen anderen Plan. „Ich werde alles dafür geben, in Regensburg wieder dabei zu sein“, sagt er. Deshalb habe es auch etwas Positives, dass er beim Afrika-Cup nicht dabei sei. „So kann ich mich voll auf die Rückrunde konzentrieren.“ Er wolle seinem Trainer die Entscheidung, ihn beim Auftakt in 13 Tagen noch zu schonen, so schwer wie möglich machen. Und eines kündigt Änis Ben-Hatira schon einmal an: „Ich habe mir vorgenommen, da weiterzumachen, wo ich vor der Verletzung aufgehört habe.“





