Fußball

Hertha BSC feiert die Rückkehr in die Bundesliga

Hertha zitterte sich beim 1:0 gegen SV Sandhausen zum Sieg und zur Rückkehr in die höchste Liga. Für Trainer Luhukay gab es eine Bierdusche.

Das Aufstiegsfinale war seit zehn Minuten vorbei, dann seit 15 Minuten. Die Mannschaft vertrieb sich das Warten vor der Ostkurve mit Bierduschen. Ronny legte den schnellsten Sprint an diesem Nachmittag hin, um dem Fünf-Liter-Glas von Marcel Ndjeng zu entgehen, Änis Ben-Hatira wurde trotz diverser Ausweichversuche von oben bis unten übergossen.

Aber eigentlich warteten alle auf einen: „Wir wollen den Trainer sehen“, donnerte es ein ums andere Mal aus der Fankurve. Der stand am Fernseh-Mikrofon und gab Interviews.

Doch irgendwann war es nicht zu überhören: „Wir wollen den Trainer sehen“ – und Jos Luhukay kam. Begleitet vom tosenden Jubel der Anhänger. Peter Niemeyer, der wegen einer Gehirnerschütterung zuschauen musste, kam zum wichtigsten Einsatz dieses Sonntags: Der Kapitän leerte ein randvolles Bierglas über dem Trainer aus – begleitet von frenetischem Applaus der Ostkurve.

Jos Luhukay wischte sich die klatschnassen Haare aus dem Gesicht, erzielte mit einer kurzen Ansprache am Stadion-Mikrofon maximale Wirkung. „Wir sind wieder zurück!“ rief er. „Ich bedanke mich für Eure tolle Unterstützung. Nie mehr . . .“ – diesen Refrain wusste das ganze Stadion auswendig: „Zweite Liga, nie mehr, nie mehr…“

Hertha hatte sich schlechteste Heimleistung aufgehoben

Die Feier war fröhlich, aber bei weitem nicht ausgelassen. Hertha hatte sich ausgerechnet für die entscheidende Begegnung zum Aufstieg die schlechteste Heimleistung aufgehoben. Am Ende zitterte man sich Hertha beim 1:0 (0:0) gegen den Vorletzten SV Sandhausen zum 19. Sieg.

Mit nunmehr 66 Punkten ist damit die Rückkehr in die Bundesliga perfekt. Bei vier ausstehenden Spielen beträgt der Vorsprung auf Relegationsrang drei (Kaiserslautern/52) 14 Zähler – das reicht. Und auch im Rennen um die Zweitliga-Meisterschaft baute Hertha seinen Vorsprung aus. Verfolger Braunschweig kommt nach einem 1:1 gegen Aue auf 62 Punkte.

Das Spiel, das die Befreiung bringen sollte, hing dem Hauptstadt-Klub zunächst wie Blei in den Knochen. Sandhausen verschanzte sich mit einer Fünfer-Abwehrkette vor dem eigenen Tor und nahm Spielmacher Ronny in Doppel-Manndeckung. Hertha rannte, aber nichts passte zusammen. Nach 25 Minuten schon nahm Trainer Luhukay Manndecker John Brooks vom Platz, brachte mit Sandro Wagner eine zweite Sturmspitze. Ronny spielte, um der Manndeckung zu entgehen, eine Art Libero vor der eigenen Defensive.

Allein, es änderte sich nichts. Das Kombinationsspiel lief nicht, Nico Schulz wirkte hypernervös. Ramos und Allagui rackerten, brachten aber zu wenig Bälle zum eigenen Mann. 52.135 waren in Erwartung einer rauschenden Party gekommen – je länger das 0:0 hielt, desto größer wurde der Unmut. Die Entscheidung brachte der dritte Wechsel von Luhukay.

Aufstiegs-Glückwünsche ehemaliger Herthaner

Der Trainer nahm Wagner nach 72 Minuten wieder vom Feld und brachte Pierre-Michel Lasogga. „Das ist bitter für Sandro“, sagte Luhukay. Lasogga war sofort präsent. Und entschied die Wackelpartie. Schulz flankte von links in den Strafraum, Ramos köpfte den Ball an den rechten Pfosten, Lasogga staubte aus drei Metern ab, 1:0 – in Minute 85 entluden sich die Emotionen im Olympiastadion. Lasogga rannte an allen Gratulanten vorbei zur Ostkurve und genoss den spielentscheidenden Moment.

Direkt nach dem Schlusspfiff spielte die Stadion-Regie Aufstiegs-Glückwünsche ehemaliger Herthaner ein: Von Thorben Marx (jetzt Borussia Mönchengladbach), Nikita Rukavytsya (Mainz 05), Jaroslav Drobny (Hamburger SV). Den größten Jubel erntete hier Raffael (FC Schalke). Wagner trug seinen Kurzarbeit-Einsatz mit Fassung: „Klar war das schwer für mich. Aber Hauptsache gewonnen. Ich stecke mein Ego zurück. Ich freue mich für Pierre und das gesamte Team, ich bin kein neidischer Spielern.“

Lustenberger verlängert seinen Vertrag bis 2017

Fabian Lustenberger durfte zweimal strahlen. Vor dem Anpfiff hatte Hertha per Videoeinspieler bekannt gegeben, dass der Schweizer seinen Vertrag in Berlin vorzeitig um drei Jahre bis 2017 verlängert hat. Nach dem Spiel sagte Lustenberger: „Wir freuen uns in der Bundesliga auf große Spiele, große Gegner und noch mehr Zuschauer hier im Stadion.“

Torwart Thomas Kraft bezog die Fans mit in die Feier-Rituale ein. Getreu dem Motto „In der ersten Reihe zu stehen, ist immer etwas Besonderes“ rannte Kraft mit seinem Bierglas auf die Ostkurve zu und verteilt den Inhalt weiträumig unter den Fans. Später sagte er: „Das Spiel war nicht zufriedenstellend, aber am Ende ist das Ergebnis entscheidend.“

Die ekstatische Jubelstimmung blieb aus. Manager Michael Preetz schaute sich die Feierszenen in der Ostkurve von der Mittellinie aus an. Präsident Werner Gegenbauer hatte sich das blaue Aufstiegs-Shirt um den Hals gehängt und verfolgte von der Treppe hinunter zu den Katakomben die Szenerie gemeinsam mit Stadionpfarrer Gregor Bellin.

Gemeinsames Essen statt Polonaise

Auch der Trainer trat gefasst auf. Sein biergetränktes Shirt warf er hoch zur VIP-Tribüne. „Natürlich ist das schön, wenn man von den Fans gefeiert wird“, sagte Luhukay, „ja, ich bin Cheftrainer, aber ich finde meine Person nicht so wichtig. Ich bedanke mich bei allen, die mitgeholfen haben. Als erstes bei der Mannschaft, beim Verein und bei unseren Fans.“

Über seine Emotionen wollte der Aufstiegsexperte, Luhukay brachte zum fünften Mal einen Verein in die Bundesliga (drei als Trainer, zwei als Co-Trainer), nicht recht sprechen. „Meine Frau kritisiert immer, dass ich mehr den Augenblick genießen soll.“

Nach dem Sieg feierten der gesamte Hertha-Tross, alle mit ihren Frauen, Freundinnen und Kinder bei einem gemeinsamen Essen. Anders als sein Landsmann Louis van Gaal („Ich bin ein Feierbiest“) kündigte Luhukay an: „Ich werde ganz gesittet neben unserem Präsidenten, Herrn Gegenbauer, sitzen. Und, Gott bewahre, keine Polonaise machen oder den Tanzflur betreten.“