Torwart Thomas Kraft gab Schiedsrichter Bastian Dankert erst den Ball und dann die Hand. Schlusspfiff im Olympiastadion. Die Fans in der Ostkurve feierten singend: „Nie mehr Zweite Liga, nie mehr Zweite Liga“. Den Spielern von Hertha BSC war nicht recht nach feiern. Fabian Lustenberger ließ sich zu Boden sinken, Alfredo Morales ebenso. Es war ein merkwürdiges Spiel, das die 33.157 Zuschauer da gesehen hatten. In einer Partie mit zwei komplett verschiedenen Halbzeiten gewann Hertha gegen Erzgebirge Aue mit 3:2 (3:0). Es war der 21. Saisonsieg, mit nun mehr 72 Punkten steuern die Berliner sowohl in Richtung Zweitliga-Meisterschaft als auch -Punkterekord.
Doch der zweite Durchgang wird die Mahner bestätigen, die seit längerem fragen, wie es um die Bundesliga-Tauglichkeit dieses Kaders bestellt ist.
Ronny und Pekarik nun gesperrt
„Die zweite Halbzeit war komisch“, sagte Änis Ben-Hatira, „Aber unterm Strich haben wir gewonnen. Das war wichtig, denn wir wollen den Punkterekord.“
Der Reihe nach: Die Hausherren legten eine gelungene erste Hälfte hin. Hertha dominierte nach Belieben und legte einen sehenswerten Spielzug nach dem nächsten hin. Wenn es etwas zu beanstanden gab, war es die Konsequenz im gegnerischen Strafraum. Aber drei saubere Tore bis zur Pause ließen die Anhänger auf ein Schützenfest hoffen. Begonnen hatte es mit dem zunächst glänzend aufgelegten Änis Ben-Hatira. Der schickte den quirligen Sami Allagui auf der linken Seite in den Auer Strafraum. Allagui passte nach innen, Adrian Ramos vollendete humorlos mit links, 1:0, das elfte Saisontor des Kolumbianers (10.). Ramos baute seine erstaunliche Serie aus. Es war bereits das zehnte Mal, dass Ramos den ersten Hertha-Treffer im Spiel erzielte.
Die Berliner machten weiter Druck. Ronny wollte Ramos nicht nachstehen. Der Brasilianer behauptete sich gegen zwei Auer Verteidiger, spielte Doppelpass mit Allagui, zog den Ball mit der Sohle am nächsten Gegenspieler vorbei und hielt aus 17 Metern aufs Tor – leicht abgefälscht senkte sich der Ball über Torwart Martin Männel hinweg ins Netz, 2:0 (35.). Ronnys 18. Saisontreffer, damit ist er bis auf ein Tor an den Führenden der Torschützenliste, Dami Kumbela (Braunschweig), herangerückt. Doch von der Torjäger-Krone wollte Ronny hinterher nichts wissen. „Ich bin nicht wichtig, es geht um Hertha.“
Ohnehin hat er nur noch eine Gelegenheit, um zu treffen: beim Saisonfinale gegen Cottbus. Am nächsten Spieltag in Köln ist Ronny nach der fünften Gelben Karte ebenso gesperrt wie Peter Pekarik.
Aus dem Tritt in der zweiten Halbzeit
Hertha blieb dennoch gut drauf. Roman Hubnik köpfte eine Ronny-Ecke aus sechs Metern ins lange Eck, 3:0 (44.). Falko Götz, der neue Trainer im Erzgebirge, sagte: „Es ist uns in der ersten Hälfte nicht gelungen, Zugriff zu bekommen. Das Halbzeitergebnis war deprimierend. Ich habe der Mannschaft zur Pause deutlich gesagt, dass wir im Abstiegskampf sind. Da geht es nicht, dass wir uns abschießen lassen.“
Götz fand scheinbar Gehör: 20 Sekunden waren im zweiten Durchgang gespielt, da lag der Ball bereits im Hertha-Tor. Die Berliner waren unsortiert auf der linken Seite, in der Mitte köpfte Aues Stürmer Jakub Sylvestre den Ball ins kurze Eck, 1:3 (46.). Die Gäste verteidigten höher und Hertha kam aus dem Tritt. Wie schon in der Vorwoche beim FC St. Pauli ging über weite Strecken die Ordnung dahin. Hertha hatte im Vorwärtsgang viel zu viele leichte Ballverluste. In der Defensive musste Fabian Lustenberger, der nominell im Mittelfeld spielte, viel zu oft als dritter Innenverteidiger aushelfen. Der eingewechselte Pierre-Michel Lasogga bekam im Sturm kaum Bälle.
Stattdessen machte der Schiedsrichter die Partie spannend. Herthas Pekarik klärte in einem Laufduell den Ball klar vor Aues Mike Könnecke, der dann zu Boden sank. Zur Überraschung aller pfiff Dankert Elfmeter. „Ärgerlich“, sagte Pekarik „ich spiele den Ball ohne Berührung mit dem Gegenspieler.“ Sylvestre nahm das Geschenk an und verkürzte auf 2:3 (66.).
Kraft rettet mit toller Parade
Nun wurde die Partie des Tabellenführers gegen die abstiegsbedrohten Gäste noch spannend. Zum Glück für die Gastgeber spielte Thomas Kraft konzentriert mit. Der Hertha-Torwart nahm dem frei vor ihm auftauchenden Sylvestre im letzten Moment den Ball vom Fuß (82.).
So ging die Zeit wie beim Armdrücken dahin, jede Seite versuchte es noch mal, aber niemand hatte mehr die Kraft für eine entscheidende Aktion. „Wir freuen uns über den Sieg“, sagte Hertha-Trainer Jos Luhukay. „Wir haben eine hervorragende erste Halbzeit gespielt. In der zweiten Hälfte haben wir nicht mehr in den Rhythmus gefunden. Aber wir sind jetzt in Wartestellung. Vielleicht taugt dieser Sieg, dafür, dass wir am Montag Meister auf der Couch werden.“ Das passiert in dem Fall, in dem Verfolger Braunschweig seine Partie gegen Energie Cottbus verliert.
Fragen zum schwachen Durchgang nach der Pause hörte Luhukay nicht so gern. „Wir können lang und breit über die zweite Halbzeit reden. Aber wenn ich auf die Tabelle schaue: Wir stehen 20 Punkte vor Platz drei. Diesen Abstand haben wir uns verdient.“




