Zweite Liga

Hertha hofft auf Aufstiegsparty vor eigenem Publikum

Die Berliner können in einer Woche im Heimspiel gegen Sandhausen die Rückkehr in die Bundesliga im Olympiastadion schaffen. Mittelfeldspieler Änis Ben-Hatira sagt: „Das wäre etwas ganz Besonderes“.

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Mit leerem Blick und hängenden Schultern sitzt Jos Luhukay am Sonnabendmorgen auf einem Hocker im Medienraum von Hertha BSC. Die Stimme, mit welcher der Cheftrainer des Berliner Zweitligaklubs über das Remis seiner Mannschaft nur gut 14 Stunden zuvor in Ingolstadt parliert, ist leise und brüchig.

An dem seltsam blutleeren Auftreten seines Teams, das gegen die zuvor heftig kriselnden Schanzer nur mit Mühe ein schmeichelhaftes 1:1 erringen konnte, liegt das jedoch nicht: „Das passiert nun mal. Wir hatten zuvor einen fantastischen Abend gegen Braunschweig und nur drei Tage Pause. Da ist es schwer, wieder so gut zu spielen“, sagt der Niederländer.

Auch die verpasste Chance, mit einem Sieg bereits am Montagabend auf dem Sofa vor dem Fernseher sitzend die direkte Rückkehr in die Bundesliga feiern zu können, falls Verfolger Kaiserslautern sein Spiel gegen Aue nicht gewinnen sollte, ist nicht der Grund für das schlaffe Dasein des 49-Jährigen.

Kaiserslautern muss schwächeln

Nein, Luhukay ist erkältet und müde. Erschöpft von einem anstrengenden Betriebsausflug nach Bayern, der erst in der Nacht sein Ende fand. Vor allem aber von einer kräftezehrenden Spielzeit, deren Anstrengungen allerdings schon in einer Woche mit dem frühzeitigen Erreichen des großen Saisonziels belohnt werden könnten.

Denn im Heimspiel gegen den abstiegsbedrohten SV Sandhausen am Sonntag (Olympiastadion, 13.30 Uhr) bietet sich dem Tabellenführer die Gelegenheit, mit einem Sieg vor eigenem Publikum den Wiederaufstieg in die höchste deutsche Spielklasse zu feiern. Voraussetzung dafür ist das Schwächeln der Konkurrenz.

Kaiserslautern auf Platz vier (derzeit 15 Punkte Rückstand auf Hertha) müsste dafür in mindestens einer der beiden Partien (Montag gegen Aue, Sonnabend gegen Paderborn) Punkte liegen lassen.

Zwar könnte der FCK bei optimaler Ausbeute mit Hertha nur noch punktgleich ziehen, und die Blau-Weißen verfügen über das deutlich bessere Torverhältnis (derzeit 16 Treffer vor den Pfälzern). Doch rechnerisch wäre der Aufstieg für Luhukays Team erst endgültig geschafft, wenn Kaiserslautern strauchelt und es selbst im Olympiastadion siegt: „Für meine Mannschaft, die so lange auf dieses Ziel hingearbeitet hat, und unsere Fans im Stadion wäre der Aufstieg zu Hause eine tolle Sache“, sagt Luhukay.

Noch nie zu Hause aufgestiegen

Vor allem aber wäre es für den Klub eine Premiere: Keinen der fünf Bundesligaaufstiege der Vergangenheit konnten die Berliner vor eigener Kulisse perfekt machen. 1968 hatten die Herthaner in der Aufstiegsrunde spielfreien und stiegen durch eine 0:1-Niederlage von Rot-Weiß Essen in Göttingen „auf dem Sofa“ auf. 1982 gelang der Aufstieg am 38. Spieltag in Worms, 1990 in Aalen, 1997 durch ein 2:1 in Unterhachingen und 2011 durch einen 1:0-Erfolg in Duisburg.

Änis Ben-Hatira, der Hertha erst mit seinem Ausgleichstreffer in Ingolstadt in die komfortable Ausgangssituation gebracht hat, will dafür sorgen, dass es diesmal zu Hause klappt: „Ich hoffe, dass wir es zu Hause schaffen, denn vor den eigenen Zuschauern wäre es etwas ganz Besonderes.“

Insbesondere die Ostkurvengänger, Herthas treueste Anhänger, hätten einen solchen Höhepunkt verdient: „Sie sind immer da und unterstützen uns wahnsinnig. Vor diesem tollen Publikum verneige ich mich“, so der tunesische Nationalspieler.

Wesentlich weniger emotional sieht es Herthas Schlussmann Thomas Kraft: „Eigentlich ist es doch so: Wie, wo und wann wir aufsteigen, ist mir scheißegal. Wichtig ist, dass wir aufsteigen.“ Dass es aber für den stets um Contenance bemühten Kraft ein besonderes Erlebnis wäre, die Freude über die Rückkehr in die Bundesliga mit einer Vielzahl eigener Anhänger im Olympiastadion zu teilen, muss auch er zugeben: „Das wäre natürlich viel schöner.“

Früher als jemals zuvor

Doch nicht nur der Ort des Aufstiegs wäre eine Premiere für Hertha BSC, sondern auch der Zeitpunkt. Erreicht der Klub am 30. Spieltag tatsächlich das große Ziel, wäre es zudem der früheste aller dann sechs Aufstiege in die Bundesliga.

Dass sich Luhukays Team überhaupt so zeitig aus der Zweiten Liga verabschieden kann, haben sie auch der für den Erfolg unerlässlichen Kompetenz zu verdanken, selbst aus schwachen Partien mit einem Punktgewinn hervorzugehen. Das war vor der Begegnung mit Ingolstadt bereits durch die Saison hindurch zu beobachten (im Hinspiel gegen Duisburg 2:2, in der Rückrunde gegen Frankfurt 2:1, Aalen 1:1, 1860 München 0:0 und den 1. FC Union 2:2).

„Unsere Schwächephasen konnten die Gegner nie nutzen“, sagt Luhukay. Und das spreche gleichsam für sein Team, das selbst bei schlechten Auftritten zumindest immer Charakter bewiesen habe. Der Trainer hat diese Eigenschaft seiner Mannschaft oft als „Mentalität“ beschrieben, und dies ist eine entscheidende Verbesserung zur Abstiegssaison.

„Das müssen wir beibehalten“, fordert Kraft. „Ich glaube, dass wir auch in der Bundesliga so stabil sein werden.“ Bis Hertha dorthin zurückkehrt, dauert es nicht mehr allzu lang. Vielleicht nur noch eine Woche.