Zweite Liga

Alfredo Morales – Von Klinsmann zum Aufstiegshelden mit Hertha

Das Talent Alfredo Morales profitiert von einem Lehrgang beim US-Nationalteam und spielt seither bei Hertha. Am Freitag gegen den FC Ingolstadt wird Morales den verletzten Hertha-Kapitän Peter Niemeyer ersetzen.

Foto: Oliver Mehlis / picture alliance / dpa

Der Trainer legte sich ungewohnt früh fest. Beim Auswärtsspiel in Ingolstadt (18 Uhr) fällt Kapitän Peter Niemeyer wegen einer schweren Gehirnerschütterung aus. „Diese Position übernimmt Alfredo Morales“, sagte Jos Luhukay schon am Mittwoch. Es ist nicht lange her, da hätte diese Entscheidung für Aufsehen gesorgt. Kein Profi aus dem Hertha-Kader war in der Hinserie so weit weg von einem Einsatz wie Morales. Doch innerhalb weniger Wochen ist aus dem 22-Jährigen eine Alternative im Mittelfeld geworden, die mehr als eine Verlegenheitslösung ist.

Spätestens im Spitzenspiel gegen Braunschweig (3:0) bewies Morales nach seiner Einwechslung, dass er den Mannschaftskapitän gut vertreten kann. Schon wenige Minuten nach Anpfiff wurde er eingewechselt, während der Kollege, der kurzzeitig bewusstlos war, ins Krankenhaus gefahren wurde. „Es gibt schönere Gründe für einen Einsatz, aber damit muss man rechnen. Wir sind Profis.“ Morales spricht ruhig, ohne die Stimme zu heben. Nichts besonderes, sagt seine Körpersprache.

Keine Minute Einsatzzeit bis Weihnachten

Dabei spulte er gegen Verfolger Braunschweig ein beeindruckendes Pensum ab. Im zentralen Mittelfeld gewann er 70 Prozent seiner Zweikämpfe, brachte es auf 10,8 Kilometer Laufleistung. Mit 70 Ballkontakten zeigte er sich immer anspielbereit. „Die Werte waren schon gut“, sagt er. Er hat sie selbst schon auf der App des Statistikdienstleisters Impire abgerufen. Seine Leistung kann er selbst einschätzen, eine besondere Erdung braucht der junge Familienvater nicht. Dafür hat die Erfahrung der Hinrunde schon genügt. Ohne einen einzigen Liga-Einsatz ging er in die Winterpause.

Vier Monate später sieht die Welt anders aus. In Ingolstadt wird Morales zum dritten Mal von Beginn an im Mittelfeld auflaufen. Zusammen mit dem Team kann er dafür sorgen, dass mit einem Sieg in Bayern der Bundesliga-Aufstieg sogar an diesem Spieltag möglich wird. Dafür dürfte der Drittplatzierte Kaiserslautern dann am Montag in Aue nicht gewinnen. Statt sich selbst zu fragen, warum ihm der Durchbruch bei Hertha nicht gelingt, wird Morales jetzt gefragt, ob er lieber am Montag vor dem Fernseher auf der Couch oder eine Woche darauf im Heimspiel gegen Sandhausen aufsteigen möchte. Er lächelt. „Mir wäre es natürlich lieber, mit den Fans zu feiern. Im Olympiastadion wäre es eine Riesenparty. Zu Hause vor dem Fernseher freue ich mich kurz mit meiner Frau und gehe dann schlafen.“ Morales sagt es so unaufgeregt wie er spielt.

Morales wird einen Bundesliga-Vertrag erhalten

Dabei hätte er jeden Grund, etwas aus sich herauszugehen. Sein im Sommer auslaufender Vertrag steht vor der Verlängerung. Für Manager Michael Preetz angesichts der Stagnation in der Hinrunde keine Selbstverständlichkeit:. „Alfredo positioniert sich seit der Winterpause deutlich anders. Das zeigt, dass es sich grundsätzlich lohnt, junge Spieler nicht zu schnell aufzugeben.“

Der Manager lässt durchblicken, dass es aber auch eine Altersgrenze gibt, bei der Spieler den Entwicklungsschritt vom Talent zum Profi gehen müssen: „Da hat er die Kurve bekommen und wir haben ihm deshalb signalisiert, dass wir gerne mit ihm weitermachen wollen.“ Für Morales, der seit 13 Jahren bei Hertha BSC kickt, wird es der nächste Schritt.

Der Richtungswechsel in seiner Karriere hängt mit einem dreiwöchigen Lehrgang bei US-Nationaltrainer Jürgen Klinsmann im Januar zusammen. „Aber das hat nicht nur mit ihm zu tun“, sagt Morales. Auch wenn er sich dort viel Selbstvertrauen geholt hat. Hertha-Trainer Jos Luhukay analysiert: „Der große Unterschied zwischen Hin- und Rückserie bei Alfredo ist seine Position. Er hat vorher als rechter Verteidiger bei uns trainiert. Seit der Rückrunde versuchen wir, ihm im zentralen Mittelfeld seine Chance zu geben.“

Klinsmann treibt Morales die Leichtsinnsfehler aus

Damit ist Morales auf seine persönliche Wunschposition gerückt. In die wenig geliebte Rechtsverteidiger-Rolle sei er so hineingerutscht. „Meine Stärken habe ich im Mittelfeld. Da ist zwar die Konkurrenz am größten, aber ich brauche mich nicht zu verstecken. Ich will da rein.“ Den letzten Satz sagt Morales fast mehr zu sich selbst, als dass er eine Kampfansage machen würde. Das würde angesichts der Stammspieler dort wie Kapitän Peter Niemeyer und Vize-Kapitän Peer Kluge auch merkwürdig ankommen. Jos Luhukay freut sich dennoch sehr über die Entwicklung: „Seit seiner Rückkehr aus den USA spürt man mehr innere Überzeugung bei ihm und die Freude über die Rückkehr ins Mittelfeld. Beides hat ihm sehr, sehr gut getan.“

An einer Schwäche hat er gearbeitet, die ihm schon Nachwuchstrainer Karsten Heine auszutreiben versuchte. Bei allem Talent unterliefen ihm immer wieder Leichtsinnsfehler. „Jürgen Klinsmann hat mir auch gesagt: Spiel einfach. Mach keine verrückten Sachen“, erzählt Morales.

Lob von Trainer Jos Luhukay

Jetzt sieht sein Matchplan so aus: „Ich erledige einfach meine Aufgabe. So wie gegen Braunschweig als defensiver Mittelfeldspieler vor Lustenberger und Brooks zu stehen und etwas zum Aufbauspiel beizutragen.“ Den Beweis für die gelungene Umsetzung bringt wieder die Statistik. Sie zeigt über 85 Prozent geglückter Pässe zum Mitspieler. „Er spielt ein Stück erwachsener“, findet Trainer Luhukay über seinen Aufstiegshelden.