Verhandlung

Hertha BSC - ein Klub kämpft um seinen Ruf

Formaljuristisch hat Herthas Einspruch gegen das Düsseldorf-Spiel gute Chancen. Doch drohen Fakten emotional überlagert zu werden.

Die Zeit der Ungewissheit kann lang geraten. Gerade dann, wenn eine sportliche Entscheidung nicht auf dem Fußballplatz herbeigeführt wird, sondern im Gerichtssaal. Jeder nutzt da die Stunden des Ausharrens anders. Während sie in Düsseldorf ihre geplante Saisonabschlussfahrt nach Mallorca absagten und die Spieler hinnehmen mussten, die verplanten 20.000 Euro aus der privaten Mannschaftskasse bezahlen zu müssen, entschlossen sie sich bei Hertha BSC zu einer Entschuldigung. In einer Mitteilung ließ der Berliner Klub wissen, dass er die Vorfälle nach dem Skandalspiel bei der Fortuna bedauere. Unsportlichkeiten seien „nicht mit den Grundsätzen und Werten unseres Klubs in Einklang zu bringen“, hieß es. „Wir entschuldigen uns deshalb offiziell und ausdrücklich für alle Verfehlungen unserer Spieler bei allen Beteiligten, insbesondere auch bei den Schiedsrichtern.“ Ein Eingeständnis, keine Frage – und doch genau richtig.

Ungeheuerlich Anschuldigungen

Bei Hertha haben sie an diesem Tag realisiert, dass der Einspruch gegen die Spielwertung in Düsseldorf und damit die allerletzte Chance auf den Klassenerhalt erhebliche Störgeräusche mit sich bringt. Die Anschuldigungen gegen Berliner Profis sind ungeheuerlich und werden bundesweit wahrgenommen. Ein hoher Preis, den der Klub nun zu drücken versucht. Zugleich ist der Verein bemüht, das am Freitag unterbrochene Verfahren auf die wesentlichen Dinge zu reduzieren: Nämlich die Statuten. Schon im Gerichtssaal hatte Hertha-Anwalt Christoph Schickhardt moniert, die Vorsitzenden hätten sich mehr für die Verfehlungen der Hertha-Spieler als für den Platzsturm interessiert. Von einem „unfairen“ Verfahren hatte er gesprochen. Da hat er freilich überzogen, Hertha bekam alle Zeit der Welt, die eigene Sicht zu schildern.

Im Kernpunkt aber hat Schickhardt Recht: Es geht nicht darum, ob – wie von Schiedsrichter Wolfgang Stark dargelegt – einige Hertha-Spieler den Unparteiischen nach Spielende tätlich angegriffen, beleidigt und bedrängt haben. Dies alles wird noch geklärt. Nein, Hertha möchte das Augenmerk auf §17, Absatz 2.b) der DFB-Rechts- und Verfahrenordnung lenken. Darin wird als Grund für einen Einspruch genannt: „Schwächung der eigenen Mannschaft durch einen während des Spiels eingetretenen Umstand, der unabwendbar war und nicht mit dem Spiel und einer dabei erlittenen Verletzung im Zusammenhang steht.“

Letzten Minuten ohne Elfmeterpunkt

Die DFB-Statuten führen weiter aus, in welchen Fällen dies noch gilt. Und da tauchen Umstände auf, die Fußballfans nur zu gut bekannt sind: Einsatz eines nicht spielberechtigten Spielers etwa, Regelverstoß eines Schiedsrichters oder Doping. In jeder dieser Kategorien hat es bereits erfolgreiche Einsprüche gegeben, wie es Schickhardt auch in seinem Plädoyer betont hatte. Formaljuristisch hat Hertha also gute Karten, denn niemand kann bestreiten, dass der Elfmeterpunkt vor Torwart Kraft fehlte und dass die Eckfahnen sowie Teile der Tornetze abgeschnitten waren. Nein, regulär war das alles nicht.

Und doch: Die von Stark monierte „Hetzjagd“ droht die simplen Fakten emotional zu überlagern, selbst im eigenen Klub: So trat Bundesliga-Schiedsrichter Felix Zwayer mutmaßlich aus Solidarität mit seinem Kollegen aus dem Verein aus.

Ramsauer nimmt Klubs in die Pflicht

In Frankfurt geht es inzwischen aber um mehr als nur die Frage, wer ab- und wer aufsteigt. Nie zuvor hat ein einziges Spiel Verband und Liga derart in die Zwickmühle getrieben. Folgt das DFB-Sportgericht unter dem Vorsitz von Hans Lorenz dem Berliner Einspruch, macht man einem am Pranger stehenden Klub möglicherweise zum Opfer der auch von eigenen Fanteilen herbeigeführten Entwicklung rund um das Skandalspiel in Düsseldorf. Argumentiert das Gericht, das Spiel sei angesichts der Begleitumstände zwar ungewöhnlich, aber im Rahmen vertretbar zu Ende geführt worden, sind Ausschreitungen künftig Tür und Tor geöffnet.

Doch gerade das können sich der DFB und die Deutsche Fußball-Liga nicht erlauben. Zu Wochenbeginn erst war es nach dem Zweitliga-Relegationsspiel zwischen Karlsruhe und Regenburg (2:2) zu massiven Krawallen zischen KSC-Anhängern und Ordnungskräften gekommen. Die Bilanz: 75 Verletzte, darunter 18 Beamte. 109 Personen wurden vorübergehend in Gewahrsam genommen, acht Personen festgenommen. Zuvor hatte es in dieser Saison ein vorzeitiges Spielende bei der Partie 1. FC Köln gegen Bayern München gegeben, weil Chaoten auf der Tribüne Rauchbomben gezündet hatten.

Rauchbomben in Dortmund

In Dortmund nutzten im Oktober 2011 einige hundert Dynamo-Randalierer die durch die Live-Übertragung im Fernsehen gesicherte bundesweite Aufmerksamkeit, zündeten Bengalos und Rauchbomben im Stadion, prügelten auf Einsatzkräfte ein. Nur drei von einem guten Dutzend Krawallfällen rund um Spiele der ersten und Zweiten Liga. Auch die Herthafans reihten sich nach der verlorenen Relegation ein, als sie ihren Sonderzug völlig zerstörten. Demnächst könnten solche Chaoten damit ihrem Verein direkt Schaden: Wie Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) dem „Focus“ sagte, will er die Klubs bei Krawallen künftig haftbar machen. Der Zerstörungswut auf Bahnhöfen und in Zügen müsse Einhalt geboten werden, sagte er. „Die Bahn darf nicht zum wehrlosen Objekt wütender Randalierer werden.“

Der besorgniserregenden Entwicklung will auch der Verband Rechnung tragen. Noch im Mai will der neue DFB-Generalsekretär Helmut Sandrock ein Spitzengespräch zwischen Verband und Liga zur Gewaltproblematik einberufen. „Niemand von uns hat Patentrezepte in der Tasche. Wir müssen aber gemeinsam die Instrumente, die wir haben, noch effektiver nutzen“, sagte Sandrock gegenüber Morgenpost Online.

Alle Hertha-Information im Morgenpost-Online-Blog immerhertha.de – hier