DFB-Sportgericht

Schiedsrichter Stark wirft Hertha-Spielern "Hetzjagd" vor

Sechs Stunden wurden Zeugen befragt, darunter Schiedsrichter Stark - der fühlte sich von Hertha-Profis bedroht.

Um 19.52 Uhr verkündete Richter Hans Lorenz, dass es an diesem Tag keine Entscheidung mehr geben würde. „Wir wollen nichts über das Knie brechen“, sagte der Vorsitzende des DFB-Sportgerichtes. Zudem gab es ein ganz praktisches Problem: Sein letzter Flieger nach München ging um 21.30 Uhr. So vertagte das Gericht in Frankfurt die Entscheidung über den Einspruch von Hertha BSC gegen die Wertung des Relegations-Rückspiels in Düsseldorf (2:2), bei dem Tausende Fortuna-Fans vorzeitig den Platz gestürmt hatten. Gewissheit gibt es nun erst am Montag um 15 Uhr.

Sieben Stunden hatte das Gericht zuvor getagt. Es hatte mit zehn Zeugen versucht, die Ereignisse auf dem Platz und in den Katakomben zu rekonstruieren. Herthas Anwalt Christoph Schickhardt machte in seinem Schlussplädoyer deutlich, dass sich die Berliner auf eine unvermeidbare Schwächung durch äußere Einflüsse beriefen, die laut Statuten zu einer Neuansetzung führen müsste (Paragraf 17, 2b der Spielordnung). „Verlangen Sie einen Krankenhausaufenthalt eines Spielers, damit es zu einer Schwächung kommt? In der Zeit, die noch zu spielen war, waren die Spieler mit der Rettung ihrer eigenen Haut befasst. Die Trainerbank war nur noch ein Sprungbrett, um auf das Spielfeld zu kommen. Wo hat es das schon gegeben?“

Es war ein flammendes Plädoyer, das Schickhardt hielt. Einzig: Den Leiter des DFB-Kontrollausschusses, Anton Nachreiner, überzeugte er nicht. Nachreiner plädierte darauf, den Einspruch abzuweisen. „Der Schiedsrichter hat eine Kompetenz, die ihn mit Ermessensspielraum ausstattet. Man kann streiten, ob er das Spiel hätte abbrechen müssen. Man kann auch streiten, ob er das Spiel hätte abbrechen müssen, als Pyros aus dem Hertha-Block geflogen sind. Er hat vom Ermessensspielraum Gebrauch gemacht. Ein anderer Punkt ist die Schwächung. Von der Schwächung habe ich den Aussagen der Hertha-Spieler nichts entnommen, sondern nichts weiter als Frust.“

Es ist genau 13.19 Uhr, als der Hertha-Tross in mehreren Taxen vor der DFB-Zentrale in der Otto-Fleck-Schneise vorfährt. Als Erster betritt Anwalt Schickhardt das Gebäude, flankiert von Manager Michael Preetz und Präsident Werner Gegenbauer. Ihm folgen die Profis Thomas Kraft, Peter Niemeyer, Christoph Janker sowie Kapitän André Mijatovic. Auch Co-Trainer Ante Covic ist zugegen. Pünktlich um 13.30 Uhr bittet Richter Lorenz in den Raum „Sepp Herberger“, in dem so gerade alle Beobachter Platz finden, insgesamt sind es mehr als fünfzig.

Sie erleben, wie Hertha zu Beginn unter Druck gerät. Als erster Zeuge sagt Schiedsrichter Wolfgang Stark aus, der das Spiel geleitet hatte und wegen des Platzsturms 20 Minuten unterbrechen musste. Er widerspricht der Darstellung von Manager Preetz, Hertha sei nach dem Platzsturm zwei Minuten vor Ablauf der Nachspielzeit nur als „Teil einer Deeskalationsmaßnahme“ und auf Wunsch der Polizei wieder auf das Feld zurückgekehrt.

„Preetz fragte: Können Sie die Sicherheit der Spieler garantieren? Ich sagte: Das kann ich nicht, das kann kein Schiedsrichter. Das kann nur die Polizei, und die hat grünes Licht gegeben“, führte er aus. „Ich habe Preetz und Herrn Meier informiert, dass die noch zu spielende Spielzeit eine Minute und 30 Sekunden beträgt. Im Beisein meiner Assistenten haben wir beide Spielführer informiert: Es sind noch 1:30 zu spielen.“ Den Wiederanpfiff rechtfertigt er so: „Wir wurden von der Polizei unterrichtet, die Situation ist unter Kontrolle und die Sicherheit ist gewährleistet.“

Stark berichtete in einem wahren Horrorbericht vom Verhalten der Hertha-Spieler nach dem Abpfiff. Dieser Punkt, das machte Richter Lorenz zu Beginn deutlich, war eigentlich nicht Gegenstand der Verhandlung, die Vorwürfe werden gesondert geklärt. Da aber die Hertha-Seite vor allem auf die Angst der Profis abstellte, war auch auf deren Gemütslage einzugehen. Die beschrieb Stark als extrem feindselig. Nicht die Spieler hätten Grund zur Angst gehabt, sondern er: „Der Spieler Kobiashvili schlug mit der Faust in meine Richtung, ich duckte mich ab, wurde am Hinterkopf getroffen. Ich fiel leicht nach vorne, hatte Glück, dass links neben mir ein Treppengeländer war. Sonst wäre ich fünf, sechs Meter hinuntergefallen. Am Ende der Treppe wurde ich attackiert: Du feige Sau, du feiges Schwein, mehrere Spieler versuchten auf mich loszugehen.“ Kapitän Mijatovic soll ihn als „Wichser“ bezeichnet haben. Auch das Verhalten von Präsident Werner Gegenbauer kritisierte er scharf: Der habe alles gesehen und nur beschwichtigt, Kobiashvili sei „ausgerutscht.“ All dies wird Gegenstand einer anderen Verhandlung sein, auch die Behauptung, vier bis fünf Herthaner hätten versucht, gewaltsam die Tür zur Schiedsrichterkabine zu öffnen. Stark nannte die Attacken „eine Hetzjagd“ und gab an, in diesem Moment mental angeschlagen gewesen zu sein: „So bin ich noch nicht behandelt worden. Ich hatte Angst nach dem Spiel, und ich war den Tränen nah.“

DFL kritisiert Ordnungsdienst

Hertha dagegen setzte lange auf die Mitleids-Schiene und präsentierte nahezu identische Aussagen der Spieler: Ja, sie hätten sich unwohl gefühlt. Nein, Angst um sich selbst hätten sie nicht gehabt. Ja, um ihre Familien auf der Tribüne schon. Doch die Angstnummer zog nicht richtig.

Beeindruckender war die Aussage des DFL-Sicherheitsbeauftragten Ralf Ziewer. Er sagte, er habe keine Anstalten der Ordnungskräfte gesehen, den anstürmenden Mob aufzuhalten. „Ich habe da die letzte Energie vermisst.“ Er findet den Einspruch von Hertha „absolut nachvollziehbar“. Kein Wunder, dass Hertha-Anwalt Schickhardt besonders auf den mangelnden Schutz der Mannschaft abhob: „Ich hätte mir gewünscht, dass auch einmal Herr Stark in die Kabine kommt und sich nach dem Wohlbefinden der Spieler erkundigt. Das hat ihn überhaupt nicht interessiert, es ging nur darum, den Kick über die Bühne zu bringen. Wolfgang Stark hat sich seiner Verantwortung aus Sicht von Hertha BSC nicht gestellt.“ Harte Worte. Ob sie ihre Wirkung entfalten, wird sich erst am Montag erweisen.