Relegationsspiel

Rehhagel muss bei Hertha wieder der Wunderspezialist sein

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Uwe Bremer

In Düsseldorf spielt der Hauptstadt-Klub die finale Schlacht gegen den Abstieg. Ben-Hatira und Lell sind trotz Querelen im Kader.

Die Fußballer von Hertha BSC haben am Dienstag in Düsseldorf ihre letzte Chance, doch noch den Abstieg zu verhindern. Auch die Basketballer von Alba stehen im Viertelfinale gegen Würzburg mit dem Rücken zur Wand und müssen am Dienstag gewinnen, wollen sie die Saison nicht frühzeitig beenden. Vorbilder gibt es genügend. In England wurde Manchester City in einem wahnsinnigen Schlussspurt dank zweier Tore in der Nachspielzeit Meister vor Lokalrivale Manchester United, der nach Ablauf der regulären Spielzeit als Titelträger festzustehen schien. Die Füchse vollbrachten vor kurzem das Handballwunder von Berlin, indem sie im Viertelfinale der Champions League einen Rückstand von elf Toren aufholten. Manager Bob Hanning erklärt wie. Nun ist Hertha an der Reihe.

5000 Fans unterstützen Hertha

Angeführt von einem Spezialisten in Sachen Fußball-Wunder: Otto Rehhagel. Der mittlerweile 73-Jährige hat sich in seiner gesamten Karriere wieder und wieder als Spezialist für scheinbar aussichtslose Lagen erwiesen. 1:2 hat der Bundesligist das Hinspiel der Relegation gegen Fortuna Düsseldorf verloren, den Dritten der Zweiten Liga. Zum Rückspiel ist die Arena in Düsseldorf mit ihren 51.000 Plätzen restlos ausverkauft (20.30 Uhr/ARD live), darunter werden 5000 Fans aus Berlin Hertha unterstützen.

Die Stimmungslage unter den Fußball-Experten vom Schlage Reiner Calmund oder Thomas Berthold ist so, dass darüber diskutiert wird, ob die Fortuna den Aufstieg vor dem Rathaus-Balkon feiern soll oder doch lieber im eigenen Stadion.

Hertha in Düsseldorf. Ein scheinbar aussichtsloser Fall. Kerze anzünden. Oder das Motto ausgeben: Otto Rehhagel, bitte übernehmen. Die erste Gegenmaßnahme, die der Hertha-Trainer ergriff, heißt: Runterpegeln, Normalität herstellen. „Jetzt haben wir Halbzeit“, sagte Rehhagel. „Im Moment steht es 2:1 für Düsseldorf. Aber wir haben noch eine zweite Hälfte, um das Spiel günstig für uns gestalten zu können.“ Bei der Formulierung, wie oft er bereits Kontakt mit dem Fußball-Gott aufgenommen habe, wird Rehhagel unwirsch. „Nächste Frage, bitte.“

Dabei hat Rehhagel in seiner langen Karriere für so viele Fußball-Wunder gesorgt, dass von Zufall längst keine Rede mehr sein kann. Das erste fand im November 1987 im Weserstadion statt. Werder hatte das Hinspiel im Uefa-Cup bei Spartak Moskau mit 1:4 verloren. Die Bremer antworteten mit einer imposanten Energieleistung über 120 Minuten – mit einem 6:2 nach Verlängerung zog Werder in die nächste Runde ein. Noch stärker beachtet wurde das Prestigeduell ein Jahr später im Europacup der Landesmeister gegen den BFC Dynamo. Nach einem 0:3 im Jahnsport-Park standen die Zeichen auf ultimativer Blamage für die deutsche Eliteliga. Wenn nicht die Mannen von Otto Rehhagel im Rückspiel wie aufgedreht aufgetreten wären – das 5:0 gegen den sichtlich überforderten DDR-Serienmeister im Oktober 1988 war mehr als ein normaler Sieg. „Wunder gibt es immer wieder“, zitierte Rehhagel im Trainingsanzug aus Ballonseide in der anschließenden Pressekonferenz den Schlager-Klassiker von Katja Ebstein. „Heute ist ein solches Wunder geschehen.“

Im Dezember 1993, mittlerweile wurde Champions League gespielt, sorgte Rehhagel erneut europaweit für Aufsehen. Im Zwischenrunden-Heimspiel gegen den RSC Anderlecht lag Werder nach einer guten Stunde scheinbar aussichtslos mit 0:3 zurück. Ehe sich die Bremer in einen 23-Minuten-Rausch spielten und nach Treffern von Wynton Rufer (2), Rune Bratseth, Bernd Hobsch und Marco Bode die Partie kurzerhand in einen 5:3-Triumph drehten.

Wer nun sagt, schön und gut, aber das alles ist verdammt lang her: Rehhagel war auf allen Stationen seiner Karriere für Wunder gut. Der Marsch mit dem 1. FC Kaiserslautern etwa, als Aufsteiger direkt zur Meisterschaft 1998 – das hat in der Bundesliga-Historie weder vorher noch nachher jemand geschafft. Noch höher einzuschätzen ist der Turniersieg 2004 von „Otto Rehhakles“. Als krasser Außenseiter angereist, düpierte Griechenland die gesamte Fußball-Elite und schnappte Gastgeber Portugal sensationell den Europameister-Titel weg. Griechenland dankte es Rehhagel mit dem Status „Nationalheld auf Lebenszeit“.

Die Ehrungen, die Prämien, die vielen Schlagzeilen – das alles hat das Leben des gelernten Malers aus Essen geprägt. Angesprochen auf die zu erwartende hitzige Atmosphäre in der Arena in Düsseldorf sagte Rehhagel: „Wir müssen den Verstand einschalten.“ Er erwarte, dass seine Mannschaft mit Leidenschaft an die Aufgabe gehe. Fügte jedoch mit Blick auf die diversen Platzverweise und Eigentore, die sich Hertha am laufenden Band geleistet hat, an: „Wir müssen aber von der ersten bis zur letzten Sekunde hellwach sein.“

Ottl und Torun nicht im Kader

Ungeachtet des Ballyhoos im Umfeld fokussiert sich Rehhagel komplett auf das Spiel. Er versuchte seine Gruppe zusammenzuhalten. Und selbst jene mit einzubinden, die nicht berücksichtigt werden. 18 Spieler saßen in dem Flieger, der den blau-weißen Tross am Montag von Tegel nach Düsseldorf flog. Es fehlten Andreas Ottl, Tunay Torun, Sebastian Neumann und Nico Schulz. „Das hat sportlich-taktische Gründe, aber auch diese vier Spieler gehören zur Mannschaft“, sagte Rehhagel. Das Quartett wird sich eigenständig auf den Weg nach Düsseldorf machen und die Kollegen im Stadion unterstützen. Ungeachtet der Trainingsauseinandersetzung vom Sonntag sind Änis Ben-Hatira und Christian Lell im Kader. Ben-Hatira wird in der Startelf erwartet. Bei Lell, der wegen einer Prellung seit Ende April nicht mehr gespielt hat, ließ der Trainer offen, ob dieser auf seine Position als rechter Außenverteidiger zurückkehren wird.

Grundsätzlich fordert Rehhagel von seinen Spielern, das Drumherum auszublenden. „Wir müssen unsere Fehlerquote reduzieren. Seitdem ich hier bin, haben wir davon zu viele gemacht. In Düsseldorf dürfen uns praktisch keine Fehler mehr unterlaufen. Und wir selbst müssen alles richtig machen.“ Nichts mehr wissen will er von der Diskussion über eigene Aussagen. Am vergangenen Donnerstag hatte der Hertha-Trainer gesagt, nach dem Rückspiel „gehe ich in den Urlaub“. Nun heißt es: „Papperlapapp“. Er werde am Mittwoch mit dem Team nach Berlin zurückfliegen. Aber das sei unerheblich. „Die Wahrheit liegt auf dem Platz.“

Düsseldorfs Trainer Norbert Meier, von 1980 bis 1990 Rehhagel-Zögling in Bremen, bewegt sich in der gleichen Spur wie sein ehemaliger Vorgesetzter. Angesprochen auf den dramatischen Einsatz – Bundesliga oder Zweite Liga – sagt Meier: „Morgen früh geht die Sonne auf – alles andere ist spekulativ.“

So wollen sie spielen

Düsseldorf: Ratajczak – Levels, Lukimya, Langeneke, J. van den Bergh - Bodzek, O. Fink - Beister, Ilsö, Lambertz – Bröker.

Hertha: Kraft – Janker, Niemeyer, Hubnik, Holland – Perdedaj, Kobiashvili – Rukavytsya, Raffael, Ben-Hatira – Ramos.

Schiedsrichter: Stark.

Mitarbeit: Udo Muras