Zoff beim Training

Die Angst vor dem Abstieg entzweit Hertha BSC

Bei Hertha liegen die Nerven blank: Christian Lell geriet mit Teamkollegen Ben-Hatira aneinander - und keilte danach auch gegen die Trainer.

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So viele Fans wie lange nicht, schauten bei einer der seltenen öffentlichen Übungseinheiten von Hertha BSC zu. Gut 150 Anhänger hatten sich vor dem letzten und alles entscheidendem Saisonspiel am Dienstag bei Fortuna Düsseldorf (20.30 Uhr/ARD live) auf den Weg zum Schenkendorff-Platz gemacht. Und alle, die gekommen waren, erlebten, dass die Stimmung beim Hauptstadt-Klub dem Anlass entsprechend ist. In Düsseldorf geht es für Hertha um den Klassenerhalt in Liga eins oder um den Abstieg in Liga zwei. Es geht um die Alternativen Mario Götze oder Torsten Mattuschka, Borussia Dortmund oder den 1. FC Union, um TV-Einnahmen von 17 Millionen Euro oder von acht Millionen. Die Spieler wissen, dass die Existenz von Hertha BSC von den 90 (oder 120) Minuten in der Düsseldorfer Arena abhängt. Wie blank die Nerven liegen, verdeutlichte ein Eklat vor aller Augen. Christian Lell geriet mit Änis Ben-Hatira aneinander.

Tretschok schimpft lautstark

Lell trat den Stürmer in einem Zweikampf mehrfach von hinten, der drehte sich um und schubste Lell weg. Daraufhin trat der nochmal zu. Ben-Hatira stürmte auf Lell zu und wollte ihm einen Kopfstoß verpassen, dem Lell auswich, indem er den Oberkörper zurückzog. Im Spiel wäre das eine glatte Rote Karte gewesen. Doch als wahrer Bösewicht entpuppte sich Lell. Trainer Otto Rehhagel, der bis dahin nur zugeschaut hatte, ging sofort dazwischen und rief die gesamte Gruppe zusammen.

Was nun passierte, war für Zuchauer nicht mehr zu hören. Rehhagel rügte den Vorfall. Aber weder Ben-Hatira noch Lell lenkten ein. Irgendwann wurde es Mittelfeldspieler Peter Niemeyer zu bunt. „Änis, jetzt ist aber auch mal gut“, raunzte er den Kollegen an.

Noch krasser trieb es Lell. Der kommentierte laut Ohrenzeugen, die kurze Predigt, die von Rehhagel und Cotrainer Tretschok gehalten wurde: „Was ihr hier erzählt, ist doch alles Schwachsinn.“

Daraufhin wurde Tretschok laut. „Du hast mich schon verstanden, Christian Lell.“ Nun hatte auch Rehhagel die Nase voll und schimpfte: „Christian, das ist amateurhaft.“ Worauf Lell und Rehhagel sich mit jeweils abschätzigen Handbewegungen voneinander entfernten.

Die Trainingsübung ging weiter. Der Zoff auch. Lell legte sich nun mit Sascha Burchert an. Der Ersatztorwart wusste gar nicht, wie ihm geschah, aber Lell provozierte wieder und wieder.

Eine schwierige Situation für das Trainer-Team. Lell ist 27 Jahre alt, seit neun Jahren im Profigeschäft. Er hat die Erfahrung von 246 Bundesliga-Spielen, bei Hertha ist Lell Vizekapitän. Dass zwei Profis in der Hitze des Gefechtes aneinander rasseln, kann passieren. Wenn aber die Trainer den Vorfall unterbinden wollen, sie vor der Gruppe anzupöbeln und in ihrer Autorität anzugreifen, das ist etwas anderes. Wenn der gleiche Spieler nach diesen Vorfällen mit Burchert ein drittes Fass aufmacht, beschleicht den Beobachter ein ungutes Gefühl. Hat hier ein erfahrener Spieler seine Emotionen nicht unter Kontrolle? Bereits im Februar hatte es Gerüchte gegeben, Lell habe sich in der Kabine mit dem damaligen Trainer Michael Skibbe angelegt und dabei auf seine Herkunft vom FC Bayern verwiesen. Seit zwei Saisons spielt Lell mittlerweile in Berlin. Aber es hat relativ oft eine Lücke gegeben zwischen seinen eigenen Ansprüchen als vermeintlicher Führungsspieler und dem tatsächlichen Auftreten auf dem Platz.

Preetz spielt den Vorfall herunter

Eigentlich undenkbar ist folgende Auslegung der gestrigen Ereignisse: Versucht da jemand mit Vorsatz zu provozieren, um suspendiert zu werden? Damit er in Düsseldorf eben nicht zu der Mannschaft gehört, die dort vielleicht untergeht und den Abstieg besiegelt? Das ist schwer vorstellbar. Hertha bestreitet gegen die Fortuna ein Schlüsselspiel; eine Ansetzung, auf die jeder Profi hinfiebert: Wo ganz Fußball-Deutschland zuschaut und es um die Entscheidung geht. Bis hin zur Verlängerung und Elfmeterschießen ist alles möglich. Die Relegation zwischen Hertha und Düsseldorf wird definitiv nicht unentschieden ausgehen (Hinspiel 1:2).

Christian Lell gab nach dem Training Autogramme und ließ sich gemeinsam mit den Fans fotografieren. Er wirkte eine Viertelstunde nach den Vorkommnissen relativ gelassen. Er wartete mit einer ganz anderen Deutung der Vorfälle auf. „Ich wollte etwas Reibung erzeugen“, sagte er zur Morgenpost. Bei Ben-Hatira war der Puls auf dem Weg in die Kabine immer noch relativ hoch. Er geriet wegen einer Nichtigkeit mit einem Journalisten aneinander. Immerhin entschuldigte sich Ben-Hatira wenig später dafür.

Trainer Rehhagel wollte das Geschehen nicht kommentieren. Eskortiert von zwei Ordnern pflügte er durch die Schar der Anhänger in Richtung Kabine. Bleibt die Frage: Kann es sich Hertha überhaupt leisten, Lell für die wichtige Partie zu suspendieren? Das Statement von Manager Michael Preetz gab die Antwort. „Solche Vorfälle sollten auf dem Trainingsplatz nicht passieren. Aber sie zeigen: Die Truppe steht unter Hochspannung. Die Mannschaft weiß, dass wir um Alles oder Nichts spielen. Deshalb werden wir das Ganze auch nicht überbewerten.“ Das heißt, Lell bleibt im Kader für das Relegations-Rückspiel morgen bei Fortuna Düsseldorf.

Mehr zu Herthas Kampf gegen den Abstieg finden Sie auf unserem Blog Immerhertha.de