Champions League

Handball-Füchsen gelingt das Wunder von Berlin

Die Berliner Handballer konnten gegen Leon einen Rückstand von elf Toren drehen und stehen nun im Final Four der Champions League.

Foto: DPA

Iker Romero konnte gar nicht genug bekommen. Auch die dritte Ehrenrunde legte der Rückraumstar der Füchse Berlin im Sprint über das Parkett zurück, dabei riss sich der Spanier sein Trikot vom Leib und küsste es innig. Ein paar Meter weiter lud Linksaußen Ivan Nincevic seinen Sohn auf die Schultern und hüpfte mit dem Filius wie ein Flummi auf und ab. Im Mittelkreis der Schmeling-Halle lachten und tanzten seine Teamkollegen und feierten das Wunder von Berlin.

Mit einer leidenschaftlichen und mitreißenden Leistung haben die Füchse am Sonntag im Rückspiel des Champions-League-Viertelfinals die Sensation geschafft und durch ein 29:18 (13:6) vor 9000 Zuschauern gegen Ademar Leon den Einzug in Final Four Ende Mai in Köln geschafft. Das Hinspiel hatten die Berliner mit 23:34 verloren, das Weiterkommen war dadurch in weite Ferne gerückt. Doch die Füchse nutzten ihre minimale Chance und erfüllten sich dank einer überragenden Energieleistung und einem taktischem Meisterstück von Trainer Dagur Sigurdsson ihren großen Traum.

Lauter Helden auf dem Platz

Der Füchse-Coach musste selbst nach Worten suchen, um das soeben Erlebte zu beschreiben. „Das ist einfach unglaublich, wir sind überglücklich, und unsere Fans haben uns sensationell unterstützt“, sagte der Isländer und zollte jedem seiner Spieler großen Respekt: „Da waren heute alles Helden auf dem Platz, alle haben einen super Job gemacht. Das war eines meiner größten Erlebnisse im Handball.“

Zum ersten Mal überhaupt spielen die Füchse im Europacup und dann gleich in der Champions League. „Dass wir jetzt bei der Endrunde dabei sind, ist ein großer Traum“, jubilierte Geschäftsführer Bob Hanning und war sichtlich ergriffen: „Das war das emotionalste Erlebnis der letzten Jahre.“ Neben den Füchsen beim Final Four am 26./27. Mai dabei sind auch Madrid, Kopenhagen und Kiel. „Naja, nicht unbedingt Mannschaften, die wir mal locker schlagen“, sagte Sigurdsson und lachte. Die Auslosung für die Finalspiele findet am 2. Mai statt.

Auf wen die Füchse bei der Endrunde treffen, war Iker Romero egal. Jetzt wolle er sich ein Bier mit seinen Teamkollegen gönnen. Die Flüssigkeitsspeicher der Füchse mussten auch dringend aufgefüllt werden, waren sie doch 60 Minuten lang so viel gerannt wie lange nicht mehr. „Wir sind so ein super Team, da passt alles“, schwärmte der Spanier, „und Dagur ist ein begnadeter Trainer. Jetzt ist beim Final Four alles möglich.“

Dass die Füchse zu jeder Überraschung bereit sind, steht spätestens seit dem Erfolg am Sonntag fest. Die Marschroute vor dem entscheidenden Spiel war klar. „Wir müssen jede Viertelstunde mit drei Toren Vorsprung gewinnen“, hatte Sigurdsson vor dem Anwurf die einfache Rechnung aufgestellt. Und dass er ein gewiefter Taktiker ist, zeigte er gleich zu Beginn. Da schickte er im Angriff sieben Feldspieler aufs Parkett, nahm dafür Torhüter Silvio Heinevetter heraus. Diese Überzahl nutzte Sven-Sören Christophersen zum 1:0. Im Zurücklaufen riss der Nationalspieler beide Arme hoch und forderte die Anhänger damit auf, sie zu unterstützen. Das taten die Fans auch nur allzu gern. Gleich war ordentlich Stimmung unterm Hallendach, und die Füchse zeigten eine aggressive Körpersprache, da war jede Faser auf bedingungslosen Kampf eingestellt.

Die Überraschungstaktik der Füchse zeigte Wirkung. Rasch konnten sich die Platzherren auf 4:1 (9. Minute) absetzen. Die Gäste aus Kastilien waren sichtlich beeindruckt, guckten teils mit offenen Mündern auf das engagierte Treiben der Berliner. In Wurflaune zeigte sich vor allem Alexander Petersson, der Linkshänder tankte sich immer wieder vehement durch die kompakte Abwehr der Spanier durch und ließ sich auch von der rüden Gangart seiner Gegner nicht stoppen. Er war am Ende mit neun Treffern bester Berliner Werfer. Romero erzielte nach knapp zwölf Minuten das 6:3 und schlug sich dabei mit den Fäusten auf die Brust.

Immer wieder schrien sich die Füchse-Spieler gegenseitig Mut zu, sie jubelten nach Toren gestenreich – und ließen dem Gegner freiwillig keinen Zentimeter Platz. Auf dem Feld ging es leidenschaftlich zur Sache, das war Männer-Handball in Reinkultur. Und im Tor zeigte Silvio Heinevetter brillante Reflexe. Allein in der ersten Hälfte gelangen ihm 14 Paraden, das ist weltklasse. Der Nationalspieler schien mit jedem gehaltenen Ball ein bisschen größer zu werden und ermöglichte mit seinen Paraden Gegenstöße, die seine Vorderleute dankbar annahmen. Genau so hatte es Trainier Sigurdsson sich erhofft. „Silvio war überragend, der hat einfach alles gehalten“, lobte der Coach.

21:10 schon nach 41 Minuten

Tor um Tor bauten die Berliner ihren Vorsprung aus, die Sensation wurde mehr und mehr zum Greifen nah. Nach 20 Minuten stand es schon 10:4, in der Halbzeit waren die Füchse mit dem 13:6 gar ein Tor über Soll. Das viel beschworene Wunder von Berlin schien in der Schmeling-Halle wahr zu werden. Per Siebenmeter erzielte Romero das 20:10 für die Füchse, Ivan Nincevic nach einem Gegenstoß das 21:10 (41.). Die elf Tore aus dem Hinspiel waren jetzt aufgeholt, nun hieß es, diesen Vorsprung zu halten oder gar noch einen drauf zu setzen. Aber natürlich kämpften auch die Spanier verbissen um ihren großen Traum vom Erreichen des Final Four.

Drei Minuten vor dem Ende erzielte Füchse-Kapitän Laen das 29:18, jetzt hielt es keinen der Zuschauer mehr auf seinem Sitz, der Lärmpegel erreichte die Schmerzgrenze. Wieder wehrte Heinevetter einen Angriff der Spanier ab. In einer Auszeit gab Sigurdsson noch einmal letzte Anweisungen – es waren die richtigen Worte für das Wunder von Berlin.