Bundesliga

Wie Hertha BSC die vielen Verletzungen reduzieren will

Hertha BSC hat sich im Bereich Fitness und Prävention neu aufgestellt. Auch Mittelfeldspieler Tolga Cigerci soll davon profitieren.

Tolga Cigerci fehlte in der vergangenen Saisonwegen einer  Zehenverletzung. Im März zog er sich einen Ermüdungsbruch zu

Tolga Cigerci fehlte in der vergangenen Saisonwegen einer Zehenverletzung. Im März zog er sich einen Ermüdungsbruch zu

Foto: imago/Bernd König / IMAGO

Berlin.  Das Handgelenk stützt die Erinnerung. Sollte Tolga Cigerci in einem schwachen Moment innerhalb der vergangenen 14 Monate seiner ständig wiederkehrenden Fußverletzungen kurz vergessen haben, warum er sich das alles antut, brauchte er nur an sich herunter zu schauen. Da, oberhalb des Handwurzelknochens, ist das Ziel in dunkler Farbe unter die Haut tätowiert: "Football".

Herthas Mittelfeldakteur konnte in jener zähen Zeit kein Fußball spielen, weil sein Zeh seit Ende April 2014 kaputt war und nicht heilen wollte. Reha, Rückschlag, Reha. Und als dann alles gut zu sein schien, im März diesen Jahres, war die Belastung zu schnell zu hoch, und Cigerci fiel nach nur zwei Kurzeinsätzen mit einem Ermüdungsbruch wieder bis zum Saisonende aus.

Cigerci will sich keinen Druck machen

Wer so etwas erlebt hat, ist dankbar für die profanen Dinge. Als der 23-Jährige nach erneut fast drei Monaten Pause jetzt erstmals wieder mit seiner Mannschaft von Hertha BSC auf dem Trainingsplatz stand und zumindest die Passübungen mitmachen durfte, rief ihm sein Trainer Pal Dardai grinsend zu: "Na Tolga? Ist cool, was?" Cigerci strahlte: "Ja, danke, Trainer!"

Aber nach den Passübungen war Schluss: Cigerci musste wieder rüber aufs Nebenfeld, wo Fitnesstrainer Henrik Vieth für ihn ein individuelles Aufbautraining vorbereitete. "Bisher läuft es ganz gut", sagte Cigerci danach. Er habe zwar noch Beschwerden, aber das sei normal.

Ob er sich ein konkretes Datum gesteckt habe, wann er wieder voll einsatzfähig sein will? "Ich mache mir keinen Druck", antwortete Cigerci. "Für mich zählt nur, dass mein Zeh wieder besser wird. Ich bin guter Dinge."

Fitnesstrainer Henrik Kuchno ist zurück in Berlin

Herthas Mannschaftsarzt Dr. Ulrich Schleicher geht davon aus, dass es bei Cigerci noch ein bis zwei Wochen dauern wird, bis er wieder ins Mannschaftstraining einsteigen kann. Cigerci selbst sagte, er habe sich zwar ein festes Ziel gesetzt, "aber das behalte ich für mich". Das mag Aberglaube sein, doch es steckt ebenso eine Erkenntnis dahinter: Man muss mit Weitsicht den eigenen Körper behandeln, vorbeugen, und nicht zu früh wieder einsteigen.

Auch bei Hertha hat es diesbezüglich Erkenntnisse gegeben. Cigerci ist ja nur der krasseste Fall von außergewöhnlich vielen Verletzungen in der vergangenen Saison. Der Blog "fussballverletzungen" hat errechnet, dass die Berliner Profis insgesamt 1858 verletzungsbedingte Fehltage aufwiesen. Im Durchschnitt sind das rund 66 Tage pro Spieler. Nur vier Teams hatten mehr Verletzungsprobleme: Bremen, Bayern, Frankfurt und Schalke.

Menschliche Materialschlacht im Abstiegskampf

Dardai hat deshalb vornehmlich nur einen Wunsch für die neue Spielzeit : "Ich brauche gesunde Spieler. Das ist das Wichtigste. Ich will nicht wieder 120 verletzte Spieler haben, wie im letzten Jahr, als es schwierig war, überhaupt ins Spiel zu gehen", sagte der Ungar.

Im Abstiegskampf wirkte es bei Hertha manches Mal wie eine menschliche Materialschlacht um die eigene Existenz: Angeschlagene Spieler wie Cigerci und auch Änis Ben-Hatira wurden schnell wieder gebraucht und verletzten sich prompt erneut. Letzterer ist immer noch nicht wieder fit und trägt einen Schutzschuh. Hinter seiner Rückkehr stehe ein "riesiges Fragezeichen", sagte Dardai.

Bei Flügelspieler Roy Beerens war es so, dass er sich nach einer schweren Sprunggelenksverletzung kurz vor der Winterpause mit Schmerzen durch die Spiele quälte und sein Niveau aus der Hinrunde nicht mehr erreichte. Auch die vielen Verletzungen waren ein Grund, warum Hertha eine schwache Saison spielte.

Auch der FC Bayern rüstet nach

Beim Verein haben sie deshalb erkannt, dass sich etwas ändern muss. Mit Henrik Kuchno wurde auf Wunsch Dardais ein zweiter Fitnesstrainer von Schalke 04 zurückgeholt. Kuchno hatte den Klub 2013 verlassen. Nun will sich Hertha mit ihm und Vieth im Bereich Athletik und Prävention besser aufstellen und die Ausfallzeiten der Spieler reduzieren. "Ich wollte mehr Erfahrung", sagte Dardai über Kuchno.

Ähnliches haben sie beim FC Bayern vor: Die Münchner verpflichteten gerade mit Andreas Schlumberger vom Rivalen Borussia Dortmund einen neuen Teamleiter Rehabilitation und Prävention. Auch der Deutsche Meister muss seine hohen Ausfallzeiten reduzieren.

Man hätte mit Kuchno gern darüber gesprochen, wie genau Hertha die Ausfallzeiten reduzieren will. Aber der Verein teilte auf Nachfrage mit, dass nur Dardai und sein Co-Trainer Rainer Widmayer dazu Auskunft geben.

Ab Freitag Lauftrainingslager in Bad Saarow

Dardai sagte: "Es geht darum, die Belastung zu regulieren. Fitness und Prävention ist heute manchmal wichtiger als das eigentliche Training." Muskuläre Verletzungen sollen vermieden werden. Er wolle Cigerci dabei helfen, wieder zu alter Stärke zu finden. "Aber Tolga muss auch wieder Vertrauen in seinen eigenen Körper haben."

Am Freitag bricht Hertha für fünf Tage ins Lauftrainingslager nach Bad Saarow auf. Ob Tolga Cigerci mitfahren wird, ist noch nicht entschieden.

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