Hertha BSC

Salomon Kalou und der Glaube an die eigene Stärke

Der neue Angreifer soll Hertha aus der Krise führen, denn er besitzt reichlich von dem, was den Berlinern derzeit fehlt: Selbstvertrauen. Geholt hat er es sich durch einen besonderen Lebensweg.

Foto: Maja Hitij / dpa

Die Narben sind toll. Damit lässt sich etwas anfangen. Überall auf den schokobraunen Füßen von Salomon Kalou sind sie verteilt. Und wenn man so will, dann sind diese Verletzungen aus der Vergangenheit gleichsam das Heilmittel für die Zukunft.

Es ist eine erstaunliche Geschichte, die Salomon Kalou von sich zu erzählen hat. Eine, die in der Elfenbeinküste Ende der 90er-Jahre spielt, und die bis in die Gegenwart hineinreicht. Mit zwölf Jahren zog der Ivorer aus seinem beschaulichen Geburtsort Oumé in die Vier-Millionen-Metropole Abidjan, um sich in einer Fußballakademie ausbilden zu lassen. Dort gab es drei Klassen, die oft gegeneinander spielten: die Kleinen, die Mittleren und die Großen.

Nur die Großen hatten Fußballschuhe. Kalou und die Kleinen mussten sie sich erst verdienen. Bis es soweit war, spielten sie barfuß. Und wenn sie sich in den Partien gegen die Großen anmaßten zu gewinnen, traten die Älteren ihnen mit den Stollen auf die Füße. Davon blieben jene Narben und die Erkenntnis zurück, „dass man sich alles, was man will, hart erarbeiten muss“, hat Kalou gerade dem RBB erzählt.

Mitläufer beim FC Chelsea

Heute ist er 29 Jahre alt. Eine Menge, von dem, was Kalou im Leben wollte, hat er sich in den Jahren nach jener schmerzhaften Erfahrung erarbeitet. Er spielte für Feyenoord Rotterdam in den Niederlanden – seine erste Station in Europa. Er gewann mit dem FC Chelsea den englischen Meister- und später den Champions-League-Titel. Dazu WM-Teilnahmen mit der Elfenbeinküste.

Wer ein Star ist, das hängt ja immer auch davon ab, von welchem Standpunkt aus man das beurteilt. Bei Chelsea war Kalou es nicht, eher ein Mitläufer neben den klanghaftesten Namen der Branche – Drogba, Lampard, Ballack. Bei Hertha BSC aber, wohin er kurz vor Ende der Transferperiode für 1,8 Millionen Euro plus mögliche Bonuszahlungen aus Lille wechselte, ist er es. Einen Champions-League-Sieger hatten sie in Berlin noch nie.

Und so bot sich für Kalou schnell die Kategorie „Superstar“ an – ein Superheld, der sich zur Überraschung auch der Verantwortlichen selbst für einen Klub im Bundesligamittelmaß entschied.

Luhukay: „Viele Spieler haben noch mit sich selbst zutun“

Doch es scheint so, dass die Superkraft des Salomon Kalou, die Hertha derzeit am meisten nötig hat, gar nicht in seinen Beinen steckt, sondern im Kopf. Die Geschichte von den Narben auf den Füßen ist ja nichts anderes als eine Erzählung über das unerschütterbare Gefühl der eigenen Stärke. Wer es barfuß gegen Stollenschuh tragende, größer gewachsene Gegner schafft, der glaubt irgendwann auch, dass er alle Hürden überwinden kann.

Wenn man sich mit Kalou in diesen Tagen unterhält, dann fällt auf, dass er gern zwei Begriffe verwendet: „Confidence“ und „Learning process“ – Selbstvertrauen und Lernprozess. „Im Fußball geht es um eins“, sagt er. „Um Vertrauen in sich selbst.“

Der Kopf spiele die größte Rolle. Er entscheide letztlich über Erfolg und Misserfolg. Der Kopf aber ist es derzeit, der bei Kalous neuem Klubs Hertha BSC nach vier sieglosen Spielen in der Bundesliga und der zunehmenden Kritik von außen nicht mehr frei ist. „Viele Spieler haben noch mit sich selbst zutun“, sagte der Cheftrainer der Blau-Weißen, Jos Luhukay, nach dem glücklichen 2:2 gegen den SC Freiburg am Freitag.

Seine Mannschaft suche noch nach dem Glauben an die eigene Klasse. Weil Kalou aber durch seinen besonderen Lebensweg reichlich von jenem Erfolg bringenden Elixier hat, ist es ihm zuzutrauen, Hertha aus der ersten Krise dieser Spielzeit zu führen. Anders als bei seinen Kollegen, wirkt es bei ihm nicht so, als verunsichere ihn der schlechte Saisonstart: „Manche Teams beginnen stark, andere brauchen Zeit. Wir suchen noch nach unserer Balance, aber wir werden sie schnell finden, da bin ich mir sicher“, sagt er.

In der Startelf gegen Wolfsburg

In einem Lernprozess, Kalous zweites Lieblingswort, stecken er und das im Sommer mit neun neuen Profis umgekrempelte Team gerade. Wie laufen die eigenen Mitspieler? Wohin müssen die Bälle kommen? Wer übernimmt wann Verantwortung? Ein Lernprozess sei es aber auch, dass man mit dem eigenen Tun und der eigenen Qualität in der Liga bestehen kann. „Wir haben viele Spieler, die noch jung sind“, sagt Kalou. „Sie brauchen jetzt ein paar Erfolgserlebnisse, dann geht vieles auch leichter.“ Dass das bald der Fall sein wird, glaubt Kalou fest: „Um uns muss sich keiner sorgen“, sagt er.

Nach seiner Verpflichtung wurde der Stürmer gegen Mainz und Freiburg zweimal nur eingewechselt und blieb in beiden Einsätzen ohne Wirkung – auch weil der Rest des Teams sich selbst und seinen neuen Starangreifer noch längst nicht gefunden hat. Ihm fehle noch die Bindung zu den Kollegen, begründete Luhukay.

„Er tut sich sehr schwer, aber das ist normal. Er ist keine Maschine, sondern ein Mensch“, sagte der Niederländer. Kalou sieht das ähnlich: „Es ist für mich nicht einfach, denn ich spreche die Sprache hier nicht und muss mich erst langsam an alles gewöhnen. Auch ich brauche Zeit“, sagt er. „Aber ich werde besser.“

Am Mittwochabend könnte Kalou erstmals in Herthas Startelf stehen, wenn mit dem VfL Wolfsburg ein Team ins Olympiastadion kommt, das sich zuletzt mit einem überraschend deutlichen 4:1-Erfolg gegen Bayer Leverkusen seinerseits viel Selbstvertrauen holen konnte. Kalou sagt, er wolle in Berlin seine Erfahrungen einbringen. Solche wie die, von den die Narben an seinen Füßen erzählen, kann Hertha derzeit am meisten gebrauchen.