Bundesliga

Hertha nimmt die Wucht des Abstiegskampfes endlich an

Hertha-Trainer Dardai ist empört über die nicht geahndete Attacke gegen Thomas Kraft: „Normalerweise ist das Rot für Niedermeier.“ Die Berliner laufen in Stuttgart so viel wie noch nie in der Saison.

Foto: Dennis Grombkowski / Bongarts/Getty Images

Im Abstiegskampf sind Nehmer-Qualitäten gefragt. Die musste Hertha auch am Tag danach beweisen. Wegen eines spontanen Streiks des Sicherheitspersonals am Flughafen in Stuttgart verzögerte sich der Abflug um rund eine Stunde. Als der Tross des Fußball-Bundesligisten schließlich in den Airbus A320 steigen konnte, nahm Thomas Kraft in Reihe 12 Platz. Der Torwart von Hertha BSC, der am Vorabend die ganze Wucht des Abstiegskampfes abbekommen hatte, schwieg gestern. Kraft wirkte wie jemand, der im Tunnel ist. Auf dem Flug nach Berlin blätterte er ein Fachmagazin durch. Und wurde nach der Ankunft in Tegel sofort nach Hause geschickt.

Vorwürfe gegen Niedermeier

„Das war eine fiese Aktion vom Stuttgarter Spieler“, beschwerte sich Hertha-Trainer Pal Dardai. „Normalerweise ist das Rot für Niedermeier.“ VfB-Innenverteidiger Georg Niedermeier hatte geschaut, wie Kraft eine Flanke sicher gefangen hatte. Als der Hertha-Torwart einen Schritt zur Seite machte, um das Spiel zu eröffnen, rammte Niedermeier seine Schulter Kraft ins Gesicht, der ging zu Boden. Niedermeier mimte die Unschuld vom Lande und trabte davon.

Weil VfB-Kapitän Christian Gentner einen Spruch zu Kraft machte im Sinne von, er solle nicht so eine Show abziehen, sprang Kraft auf und schubste Gentner mit beiden Händen. Wenn der Hertha-Schlussmann Pech hat, kassiert er für diese Aktion die Rote Karte. Diese Auslegung fand auch Dardai nicht abwegig, sagte aber: „Es kann nicht sein, dass Schiedsrichter Brych in dieser Aktion nur einem eine Karte zeigt, und das ist Thomas.“ Kraft war mit Gelb gut bedient, gleichwohl aber angeknockt.

Diagnose Gehirnerschütterung

Der nächste Zusammenprall war dann zu viel. Kraft hatte sich dem frei vor ihm auftauchenden Daniel Ginczek entgegen gestürzt – der Ball ging übers Hertha-Tor – und wurde erneut am Kopf getroffen, diesmal mit dem Knie des Stürmers (65.). Das hatte zunächst kaum jemand mitbekommen. Doch als Kraft später seinen Vordermann Sebastian Langkamp fragte: „Wo sind wir hier?“ war klar: Es ging nicht weiter, Ersatztorwart Sascha Burchert musste ran. Kraft war später am Abend im Mannschaftshotel ansprechbar. Er klagte über heftiges Schädelbrummen und eine Kiefer-Prellung. Mannschaftsarzt Uli Schleicher diagnostizierte eine Gehirnerschütterung. Kraft äußerte die Hoffnung, dass er zum nächsten Spiel am kommenden Sonnabend gegen den FC Schalke wieder einsatzbereit sei (15.30 Uhr, Olympiastadion). Doch die Verantwortlichen äußerten sich zurückhaltend. „Thomas hat jetzt erst mal zwei, drei Tage Pause, dann sehen wir weiter“, sagte Schleicher.

Das 0:0 beim Tabellenletzten in Stuttgart war teuer erkauft, zumal sich Nico Schulz eine überflüssige Ampelkarte eingehandelte. Unter dem Strich jedoch waren die Beteiligten zufrieden. „Wenn man eine Mannschaft übernimmt, die im Abstiegskampf steckt, ist es zunächst das Wichtigste, defensive Stabilität herzustellen“, sagte Trainer Dardai. „Wir sind seit zwei Spielen ungeschlagen. Wenn man ehrlich ist, hat das in den letzte Spielen funktioniert.“

Weltklasse-Stürmer Boudewijn Zenden bei Hertha

Die Zahlen zur These: In den 19 Saisonspielen unter Ex-Trainer Jos Luhukay kassierte Hertha pro Partie im Schnitt 2,0 Gegentore. In den fünf Begegnungen, die Dardai verantwortet hat, sank dieser Schnitt auf 0,8 Gegentore. Zum dritten Mal unter Dardai spielten die Berliner zu Null. Für die neu gewonnene Stabilität sorgt neben Torwart Kraft auch die Innenverteidigung. In Stuttgart gewann Sebastian Langkamp 83 Prozent seiner Zweikämpfe, John Brooks gar 93 Prozent.

Vorbei sind die Zeiten, als bei Hertha eine Selbstwahrnehmung herrschte, die im Kampf um den Klassenerhalt tödlich sein kann. Ein ehemaliger Weltklassefußballer, Boudewijn Zenden, formulierte diese Sicht als Kiebitz beim Auslaufen am Rande des Schenckendorff-Platzes. Zenden, Außenstürmer beim FC Barcelona, FC Chelsea, FC Liverpool und Olympique Marseille, besuchte seinen Schwager, Hertha-Profi John Heitinga. Zenden, 38, sagte der Morgenpost: „Hertha hat so viele gute Spieler. Eigentlich erstaunlich, dass sie im Abstiegskampf stecken.“

Schalke, HSV, Paderborn – es warten wegweisende Spiele

„Wir sind zu gut, um absteigen zu können“ – unter Dardai scheint sich die Mannschaft endlich von dieser Vorstellung verabschiedet zu haben. In Stuttgart setzte sich der Trend der vergangenen Hertha-Auftritte fort: 125,6 Kilometer rannten die Spieler in den dunkelblauen Auswärtstrikots, so viel wie nie in dieser Saison.

Auch unter dem neuen Trainer tut sich Hertha im Vorwärtsgang enorm schwer, es gab nur zwei Chancen für Schulz (81.) und Stocker (90.+1). Dardai sagte: „Die Defensive war der erste Arbeitsschwerpunkt, die Offensive wird der nächste. Wir müssen uns spielerisch verbessern und ruhiger werden.“ Zumal gegen Schalke (14. März), den HSV (20.) und Paderborn (5. April) wegweisende Spiele anstehen.