Bundesliga

Hertha taumelte in Frankfurt zwischen Himmel und Hölle

Hertha offenbart beim 4:4-Spektakel gegen die Eintracht in 90 Minuten alle Stärken und Schwächen. Trainer Luhukay: „Ohne diese verdammten zwei Minuten hätten wir ein phantastisches Spiel gemacht“.

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Änis Ben-Hatira hatte vorgesorgt. Hinter einer Werbeband, kurz vor dem Gäste-Block, hatte der Herthaner ein Stück Stoff deponiert. Und als Ben-Hatira zum zwischenzeitlichen 2:0 der Berliner in Frankfurt einköpfte, rannte er zur Seite und zog einen blau-weißen Schal hervor, mit dem er sich jubelnd vor den Hertha-Fans aufbaute. Aufschrift: „Wir sind so wie wir sind“.

So war es am 16. Spieltag der Fußball-Bundesliga. In 95 spektakulären Minuten zeigte Hertha BSC beim 4:4 (3:1) bei Eintracht Frankfurt alle Facetten von dem, was den Jahrgang 2014/15 ausmacht – positiv wie negativ. Trainer Jos Luhukay sagte, nachdem er eine Nacht über das dritte Saisonremis geschlafen hatte: „Das Spiel hatte alles an Emotionen, was Fußball ausmachte. Es war ein verrücktes Endergebnis. Und ohne diese zwei Minuten hätten wir ein phantastisches Spiel gemacht.“

Blackout binnen 68 Sekunden

Was dem Trainer ebenso wie der Mannschaft schwer im Magen lag, waren die 68 Sekunden in der 90. sowie der ersten Minute der Nachspielzeit. Jene Momente, in denen die Berliner im Handumdrehen verspielten, was sie sich zuvor aufgebaut hatten. In der Schlussminute kassierte die mit 4:2 führende Hertha den Anschlusstreffer durch Alexander Meier. Und Augenblicke später schlug der Eintracht-Torjäger ein zweites Mal zu und traf zum 4:4-Endstand.

Damit errang Hertha die zweifelhafte Bestmarke, seit 1963 die erste Mannschaft der Liga zu sein, die sich in der Schlussminute einen Zwei-Tore-Vorsprung abnehmen ließ. „Die Bundesliga ist so eng, dass man bis zum Schluss voll fokussiert bleiben muss. Das haben wir gegen Frankfurt leider nicht geschafft“, sagte Luhukay. Zudem kassierte Hertha beim Ausgleichstor den mittlerweile achten Gegentreffer nach einem Standard. Überhaupt blieb sich Hertha treu in Sachen Defensiv-Defiziten. Mit 30 Gegentoren sind nur Frankfurt (33) und Schlusslicht Bremen (38) noch anfälliger.

Luhukay zur Einwechslung von Langkamp

Nicht gelten lassen wollte Trainer Luhukay den Einwand, die Einwechslung von Sebastian Langkamp (84. Minute/ kam für Stürmer Julian Schieber) sei das verkehrte Signal an die Mannschaft gewesen. Es galt da einen Zwei-Tore-Vorsprung über die Zeit zu bringen. Langkamp, 1,91 Meter, „ist unser bester Kopfball-Spieler gemeinsam mit John Brooks“, sagte der Trainer. „Das würde ich genauso wieder machen.“

Luhukay verwies, ungeachtet aller Taktik, auf die irrationalen Momente im Spiel. „Der Freistoß, aus denen das letzte Tor fällt“, war keiner, „das war ein ganz normaler Zweikampf, bei dem beide Spieler unter dem Ball durchspringen. In Frankfurt bekannte Torjäger Meier ganz offen: „Ich habe gegen Hertha ein richtig schlechtes Spiel gemacht, aber halt zwei mal getroffen.“ Was Meier meinte: Er hatte in der Eintracht-Defensive zwei Tore zu verantworten: John Brooks, der das Hertha-Führungstor erzielte (21.) war ebenso Meier zugeordnet wie Peter Niemeyer bei dessen Treffer zum 4:2 (80.).

Effizienz als große Stärke

Das ist die andere Seite von Herthas Fahrt zwischen Himmel und Hölle. Wer in der Fremde nur 25 Prozent Ballanteil hat, aber vier Tore erzielt, hat auch einiges richtig gemacht. Brooks, Ben-Hatira, Schieber und Niemeyer sorgten für die meisten Auswärtstore seit März 2010 (damals gewann Hertha 5:1 beim VfL Wolfsburg).

Die stärkste Phase hatten die Blau-Weißen zwischen der 60. und 80. Minute. Deshalb war in Kabine Schieber untröstlich. Der Hertha-Stürmer haderte mit seinen Großchancen, als er zwei Mal frei vor Timo Hildebrand den Ball nicht am Frankfurter Torwart vorbei gebracht hatte (60./78.). Zählt man eine gute Gelegenheit von Ben-Hatira dazu, hat Hertha aus sieben Chancen vier Tore gemacht – Effizienz ist eine echte Qualität von Hertha.

Eine andere Erkenntnis der 16. Runde, die einen bereits länger andauernden Trend bestätigte: Die im Sommer als Stars gekommenen John Heitinga und Salomon Kalou tun sich schwer.

Heitinga und Kalou außen vor

Manndecker Heitinga, in Frankfurt nicht mal im 18er-Kader, sagte: „Ich will nicht darüber sprechen.“ Torjäger Kalou, zuletzt Einwechselspieler und in den letzten beiden Partien ganz ohne Einsatz, sagte: „Ich bin nicht zufrieden mit meiner Situation.“ (Siehe Extra-Text).

Auf der Positiv-Seite buchte der Trainer die intakte Mentalität im Team. Es hat dem Trainer gefallen, wie seine Mannschaft den Glauben an sich selbst gelebt hat, ungeachtet der Feldvorteile der Eintracht. Luhukay: „Es kommt nicht auf die Anteile an Ballbesitz an, es kommt drauf an, was man aus seinen Anteilen macht.“

Die Vorbereitung auf TSG Hoffenheim

Dennoch bleibt die Frage: Wie umgehen mit dem 4:4-Spektakel?

Luhukay legte sich fest: „Wenn man vier Gegentore kassierst, und zu sehr in die Tiefenanalyse der Fehler geht, gehen alle mit einem deprimierten Gefühl nach Hause.“ In der aktuellen Situation wird der Trainer nicht allzu tief graben.

Gefragt ist für das letzte Heimspiel des Jahres am Sonntag gegen die TSG Hoffenheim, so Luhukay, „die positiven Emotionen mitzunehmen aus den vier Punkten, die wir gegen Dortmund und Frankfurt geholt haben.“ Hertha, wir sind so wie wir sind.