Hertha BSC

Für Luhukay ist Schieber der bessere Abstiegskämpfer

Herthas Cheftrainer vertraut auch gegen den BVB auf Julian Schieber und setzt seinen Star Salomon Kalou auf die Bank. Das sorgt für Konfliktpotenzial, erklärt sich aber aus der prekären Lage des Klubs.

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Wenn es bis Weihnachten Probleme geben sollte, Julian Schieber könnte sie lösen. Die Voraussetzungen bringt er mit. Seine Eltern führen in Backnang, 30 Kilometer nordöstlich von Stuttgart, eine Baumschule. Schieber half früher dort aus. Und als der heute 25-Jährige dann später doch nicht Landschaftsgärtner sondern Fußballprofi wurde, gewöhnte er sich an, seine Mitspieler für Heilig Abend mit Weihnachtsbäumen zu versorgen. Kein Losrennen in letzter Minute mehr nötig.

In diesem Jahr allerdings wird das nichts. Der Anfahrtsweg wäre zu weit. Schieber spielt jetzt ja nicht mehr in Stuttgart, Nürnberg oder Dortmund, sondern in Berlin für Hertha BSC im Sturm. Aber wenn einer Fragen zu Weihnachtsbäumen haben sollte, könne er ihn gern fragen. Er habe einen grünen Daumen, sagt Schieber.

Es ist derzeit allerdings eher ein komplexeres Problem, das in Berlin bis Weihnachten zu lösen ist. Hertha steht in der Tabelle auf einem ohnehin schon ungemütlichen Platz 15. Und es könnte noch ungemütlicher werden, weil bis zum Schmücken des Festbaums mit Dortmund, Frankfurt und Hoffenheim drei schwere Gegner warten. Um nicht auf einem Abstiegsrang zu überwintern, müssen aus diesen Partien noch ein paar Punkte her. Und überraschender Weise ist Schieber auch für die Lösung dieses Problems vorgesehen.

Kritische Fragen an Luhukay

Überraschend ist das, weil man für Punkte meistens ja auch Tore benötigt, und für Tore setzt man normalerweise den besten Angreifer im Team ein. Bei Hertha ist das Salomon Kalou. Er wurde schließlich im Sommer als neuer Starstürmer für 1,8 Millionen Euro plus möglichen Nachschlag aus Lille verpflichtet, hat 71 Länderspiele mit der Elfenbeinküste und WM-Teilnahmen auf seinem Konto, und er kann von sich behaupten, schon einmal die Champions League gewonnen zu haben.

Zudem hat er mit fünf Saisontoren die meisten aller Berliner erzielt. Aber Kalou ist seit drei Partien nur noch Ersatzspieler, und Schieber steht statt seiner in der Startelf. Und daran wird sich so schnell auch nichts ändern. Auch gegen Borussia Dortmund am Sonnabend soll zunächst wieder Schieber für Tore sorgen, und Kalou wird zuschauen.

„Julian ist derzeit aus der Mannschaft nicht wegzudenken. Er ist sehr wertvoll für das Team“, sagt Herthas Trainer Jos Luhukay. Der Niederländer weiß, dass in diesem Thema eine Menge Konfliktpotenzial steckt. Wenn einer seine Stars kaum einsetzt, aber keine Erfolge präsentieren kann, tauchen kritische Fragen auf. Luhukay geht das Risiko ein, weil er der Überzeugung ist, dass seine Mannschaft in der aktuell prekären Lage andere Qualitäten benötigt als Kalous.

Bessere Quote in Zweikämpfen

Wenn man Luhukay fragt, was Schieber gerade besser macht als Kalou, antwortet er darauf nicht direkt, sondern erzählt, was ihm an Schieber gefällt: Schieber habe seine Einschätzung bestätigt, weil er „viele Luftduelle gewinnt, Bälle verteilt und gegen Gladbach ein fantastisches Tor erzielt hat“. Fragt man Schieber selbst, druckst er ein bisschen rum – auch er weiß, dass es ein heikles Thema ist –, gibt aber indirekt die Antwort: „Das, was ich kann, versuche ich mit einzubringen. In den letzten Wochen wurde uns vorgeworfen, dass wir nicht die laufstärkste Mannschaft und auch in der Zweikampfquote nicht so gut sind. Daran arbeiten wir jetzt.“

Genau darin liegt die Erklärung, warum Luhukay derzeit Schieber und nicht Kalou bevorzugt. Schieber ist der deutlich bessere Zweikämpfer als der Ivorer (39 Prozent gewonnener Duelle zu 22 Prozent bei Kalou). Schieber aber tut vor allem auch viel mehr für die Abwehrarbeit: „Julian beschäftigt beide Abwehrspieler permanent. Er arbeitet gut mit und lauert dann auf seine Chance“, sagt Herthas Manager Michael Preetz.

Doppelspitze aus Schieber und Kalou war geplant

Eigentlich hatten Preetz und Luhukay mit der Verpflichtung beider Stürmer im Sommer die Hoffnung, sie zusammen auflaufen zu sehen. Doch durch die fehlende defensive Stabilität und die schwierige Tabellenkonstellation ist das im Moment nicht denkbar.

Dazu kommt ein anderer Aspekt, der für Schieber spricht: Hertha hat aktuell ein Problem beim Spielaufbau. Oft, zumal gegen überlegene Gegner, werden Bälle lang nach vorn geschlagen. Kalou ist schlecht darin, diese Pässe auf Stirnhöhe zu behaupten. Er verliert sie und Gegenangriffe folgen. Bei Schieber ist das anders: Er gewinnt Kopfballduelle und sorgt für Entlastung. Auch deshalb beginnt aktuell Schieber. Er ist gewissermaßen der defensivere der beiden Angreifer und dabei nicht weniger torgefährlich: Während Kalou für jedes seiner fünf Tore im Durchschnitt 139 Spielminuten benötigte, brauchte Schieber für seine vier Treffer jeweils 140 Minuten Einsatzzeit.

Es ist eigentlich ein Paradox: Kalou ist der qualitativ bessere der beiden Stürmer, aber im Abstiegskampf, den freilich niemand im Klub so nennen will, ist es Schieber. So sieht es zumindest Luhukay. Arbeiter statt Star, weil Hertha aktuell den Fußball, für den Kalou prädestiniert ist, nicht spielen kann. Dass Kalou auf die Außenbahn ausweicht, die Position, die er jahrelang beim FC Chelsea spielte, möchte Luhukay nicht: „Ich sehe Salomon in einer zentralen Rolle“, sagt der 51-Jährige.

Warnung vor Dortmund

Für Schieber ist die Wertschätzung „natürlich gut“, sagt er. Er kennt das nämlich auch anders. Bis zum Sommer saß der Schwabe zwei Jahre lang meist nur auf der Bank in Dortmund. Deshalb ging er für 2,5 Millionen Euro zu Hertha. Aber als Kalou kam, drohte wieder die Bank. Weil erstens der Ivorer traf und Schieber sich zweitens auch verletzte, schaute er sechs Wochen zu. Nun ist er wieder gefragt und trifft mit Hertha am Wochenende auf seinen Ex-Klub. Dortmund steht gerade ähnlich schlecht da wie die Berliner, auch der BVB hat nur 14 Punkte, „aber genau das ist die Gefahr“, sagt Schieber. Die Tabelle habe in diesem Fall keine wirklich Aussagekraft über die Qualität des Gegners: „Ich kenne die Spieler. Sie haben eine so große Klasse, dass ich es fast nicht aussprechen will.“

Die Lage sei schwierig, aber nicht ausweglos, sagt Schieber: „Ich bin weiterhin davon überzeugt, dass wir noch eine gute Saison spielen werden. Das Kind ist noch nicht in den Brunnen gefallen. Wir müssen jetzt aber schnell punkten, egal wie.“ Wie das Wie aussehen könnte, erklärt er: „Wir müssen erst einmal verteidigen und die wenigen Chance, die wir kriegen, nutzen.“ Der BVB sei das spielerisch bessere Team, „deshalb müssen wir unsere Attribute dagegenhalten.“ Er hätte auch sagen können, seine.