Thomas Kraft stapfte durch die Mixed Zone. Auf Anfragen von Fernseh-Teams und Radio-Journalisten reagierte er mit einem Kopfschütteln. Der Torwart von Hertha BSC war bedient. Zügig durchquerte der 26-jährige Kraft die Mixedzone und verschwand ohne Kommentar in der Kabine. Er selbst sagt über sich, dass er in solchen Situationen besser beraten ist, nichts zu sagen. Sonst könne es passieren, dass er sich um Kopf und Kragen redet.

Dafür redeten die Teamkollegen. Marcel Ndjeng etwa sagte: „Thomas war sehr präsent.“ In der Tat gehörte der Schlussmann gegen München zu den besten Herthanern. Sowohl beim Stand von 0:0 glänzte er mehrfach. Und hielt auch in der zweiten Hälfte die Konzentration hoch. In der 83. und 89. Minute verhinderte er mit entschlossener Gegenwehr den zweiten Treffer der Bayern, jeweils gegen den polnischen Weltklassestürmer Robert Lewandowski.

Aus der Bayern-Schule

Hertha BSC tut sich in dieser Saison schwer mit der Stabilität. Kraft gehört zu den wenigen im blau-weißen Kader, die sich seit Wochen mental stark gegen die Gegner stemmen. Ob das Pokal-Aus bei Drittligist Bielefeld im Elfmeterschießen oder die 1:3-Pleite bei Aufsteiger Paderborn – Thomas Kraft gehörte jeweils zu den Herthanern, die nicht beeindruckt waren. Nicht vom Gegner, nicht von der Kulisse. Nicht von der Hektik. Von nichts und niemandem.

Kraft kommt aus der Bayern-Schule. Aus dem jahrelangen Training mit Oliver Kahn hat er besonders eine Eigenschaft mitgenommen, die im Profisport ungemein hilfreich ist: Er kann es partout nicht leiden zu verlieren.

Dass ihm die Bayern hingerufen haben, er sei halt zu klein für einen Top-Torwart, hat er längst abgehakt. Dass der damalige Präsident Uli Hoeneß auf einer Mitgliederversammlung 2011 gesagt hatte: „Mit Kraft fing die Scheiße doch an“, ist längst ausgeräumt. Hoeneß hat sich hinterher bei dem Torwart-Youngster, der er in jener Saison war, entschuldigt. Kraft war unverschuldet in den Konflikt zwischen Startrainer Louis van Gaal und der Bayern-Vereinsführung geraten. Van Gaal meinte, die Münchener bräuchten einen Schlussmann wie Manuel Neuer nicht, sie hätten Kraft, den er damals zwölf Mal im Bayern-Tor aufstellte.

Vertrag läuft 2015 aus

Es ist bekannt, wie die Geschichte ausgegangen ist. Neuer wechselte zu den Bayern und stieg zum weltbesten Torwart und zum Weltmeister auf. Kraft verließ München und spielt seither in Berlin. Bei Hertha wurde er zum ersten Mal in seiner Karriere eine Nr. 1. Gegen die Bayern absolvierte Kraft sein inzwischen 90. Bundesliga-Spiel – und natürlich sind die Partien gegen den ehemaligen Arbeitgeber besondere für Kraft. Trainer Jos Luhukay lobte seinen Schlussmann: „Thomas hat uns mit seinen Paraden im Spiel gehalten.“

Er ist nach wie vor 1,87 Meter groß. Kraft spielte eine wichtige Saison. Sein Vertrag in Berlin läuft 2015 aus. Hertha-Manager Michael Preetz hat einmal öffentlich gesagt, dass der Verein mit Kraft verlängern wolle. Aber man werde keine Wasserstandsmeldungen abgeben. Kraft weiß, er bestimmt mit seinen Leistungen seinen Marktwert. Seine Vorstellung gegen die Bayern hat diesen Marktwert sicher nicht schrumpfen lassen.

ub/fär