Bundesliga

Hertha hat kaum noch Luft nach unten

Die Berliner sind auf Platz 15 abgerutscht und endgültig im Abstiegskampf angekommen. Das aber deutlich auszusprechen, fällt allen Beteiligten noch schwer. Bis Weihnachten steht ein hartes Programm an.

Foto: Sascha Steinbach / Bongarts/Getty Images

Es stürmt normalerweise nach einem Spiel von Hertha BSC. Und weil die Berliner in dieser Saison die meisten Spiele verlieren, muss man sagen: Es stürmt nach Niederlagen. Das gilt einerseits im übertragenen Sinn. Die Hauptstadt ist nun mal auch die Medienhauptstadt, und das bringt viele kritische Beobachter mit sich. Aber es gilt auch im Wortsinn: Am Morgen nach einer Partie stehen jene Reporter nämlich am Schenckendorffplatz, und es bläst ihnen meist ein unangenehmer Wind um die Ohren.

Am Sonntagmorgen nach dem 2:3 gegen Borussia Mönchengladbach – das Ergebnis klingt besser, als sich die Machtverhältnisse tatsächlich verteilten –, war das überraschender Weise anders. Kein Sturm. Nicht einmal eine kleine Böe. Das hatte den Vorteil, dass man verstehen konnte, was Trainer Jos Luhukay seiner Mannschaft zu sagen hatte. Sie versammelte sich um ihn herum auf dem Rasen und hörte Sätze wie diese: „Wir sind selber schuld. Wir helfen bei den Gegentoren mit. Das sind die Details. Um die geht es aber in der Bundesliga“, erklärte Luhukay.

Dem Niederländer ging es darum, seine Spieler auf die Mängel hinzuweisen, aber gleichwohl auch etwas Posititives anzumerken: „Zum ersten Mal in dieser Saison waren wir als Team zweikampfstärker als der Gegner“, sagte Luhukay, und das stimmte. Zweikampfverhältnis: 53:47 Prozent. „Aber in den entscheidenden Zweikämpfen sind wir zu passiv“, so Luhukay. Wieder gab es ein Gegentor nach einem Standard. Und zweimal war man unachtsam bei Kontern. Details, Männer, Details.

Nur ein Punkt Vorsprung auf Relegationsplatz 16

Aber Herthas Ringen um die Kleinigkeiten geht auch über das Fußballfeld hinaus. Die Faktenlage ist eigentlich ziemlich eindeutig: Die Niederlage am Niederrhein war bereits die achte der Saison in 14 Partien. Kein Team verlor öfter. Mit nur 14 Punkten findet sich Luhukays Mannschaft nunmehr auf Tabellenplatz 15 wieder.

Nur ein einziger Zähler trennt die Blau-Weißen vom Relegationsrang 16. Dass sie nicht noch einen weiter runter rutschten, lag daran, dass Bremen am Sonntag so freundlich war, sein Spiel zu verlieren. Hertha ist kurz vor Ende der Hinrunde endgültig im Abstiegskampf angekommen. Aber das Wort „Abstiegskampf“ selbst will im Klub keiner in den Mund nehmen.

„Ich weiß, wo wir stehen. Es ist nicht so, dass ich Lust habe, mir die Tabelle auszuschneiden“, sagte etwa Torwart Thomas Kraft. Der derzeit einzige Berliner in konstant guter Form sagte zwar auch, dass die Lage schwierig sei: „Wir müssen gucken, dass wir bis zur Winterpause noch das ein oder andere Pünktchen holen. Das müssen wir einfach.“ Aber Abstiegskampf nannte Kraft die Situation nicht.

Luhukay vermeidet das Wort „Abstiegskampf“

Selbst direkt danach gefragt, vermied Stürmer Julian Schieber das Wort: „Wir stehen hinten mit drin und brauchen Punkte, um Luft nach unten zu schaffen“, so drückte er es aus. Auch Luhukay wählte andere Begriffe und deutete an, warum: „Das Wort Abstiegskampf ist immer so eine Sache“, sagte er und schaute dabei in die Gesichter der Reporter um ihn herum. „Es ist noch ein langer Weg bis zum Ende der Saison. Wir müssen sehen, wo wir dann stehen.“

Für manchen mag es nur ein unbedeutendes Detail sein, ob ein Trainer und seine Spieler offen vom Abstiegskampf reden oder Umschreibungen wählen. Aber es hat einen psychologischen Wert: für die Mannschaft selbst und das Umfeld aus Anhängerschaft und Presse. Wer von Abstiegskampf spricht, der richtet sich, seine Kollegen und die eigenen Fans darauf ein, dass es ab sofort ums Überleben in der Liga geht.

Der gibt aber auch zu, dass es zu mehr wohl nicht reichen wird in der aktuellen Saison. Und das ist der Punkt: Hertha hatte sich für diese Spielzeit viel mehr von sich selbst versprochen, muss nun aber befürchten, Weihnachten auf einem Abstiegsplatz zu verbringt. Denn die Aufgaben bis zur Winterpause sind schwer: Dortmund, Frankfurt, Hoffenheim. Zudem reagieren die Anhänger sensibel auf das Thema Abstieg. Zweimal mussten die Berliner Fans einen solchen gerade erst erleben.

Und dieser Vergleich mit den Abstiegssaisons 2009/10 und 2011/12 gibt ein wenig Orientierung: Im ersten Fall stand Hertha nach 14 Spieltagen mit nur fünf Punkten auf Platz 18. Im zweiten wähnte man sich mit 18 Zählern und Rang zehn sicher. Es ist also nicht so schlimm wie vor fünf Jahren, vielleicht aber so trügerisch wie vor drei.

Noch keine konstante Spielidee zu erkennen

Sorgen muss man sich um Hertha, weil das Team immer noch keine konstante Spielidee gefunden hat. Zuletzt versuchte es Luhukay mit einer verstärkten Defensivtaktik, die diesmal aber auch nicht verhindern konnte, dass es drei Gegentore gab. Hertha hat mit 26 Gegentreffern die drittschlechteste Abwehr.

Zudem hat diese Ausrichtung den Nebeneffekt, dass im Angriff Flaute herrscht. Allein die Effizienz vor dem Tor macht Mut. „Wir müssen die Situation jetzt annehmen“, sagt Herthas Manager Michael Preetz. Alarmiert aber sei er nicht: „Die Bundesliga ist richtig hart. Wir stecken in einem Prozess der Etablierung. Der ist schwierig und kann noch länger dauern.“

Nun kommt mit dem BVB ein Gegner, über den man sagen könnte, auch er stecke im Abstiegskampf, weil die Dortmunder ebenfalls nur 14 Punkte haben. Doch Luhukay weiß, dass in diesem Fall die Tabelle täuscht. Seinen Spielern sagte er: „Gegen Dortmund müssen wir als gesamtes Team eine gute Leistung zeigen, sonst könnte es ein schwarzer Tag für uns werden.“ Der fehlende Wind ließ zu, dass auch noch dieser Satz durchdrang: „Wir müssen jetzt nach unten schauen.“ In Herthas Fall täuscht die Tabelle nämlich nicht.