Ex-Herthaner

Adrian Ramos ist beim BVB noch ein Torjäger in der Schwebe

Vom Star zum Joker: Der ehemalige Berliner Stürmer Adrian Ramos ist bei seinem neuen Klub Borussia Dortmund noch nicht angekommen. Nun kehrt er erstmals mit dem BVB ins Berliner Olympiastadion zurück.

Foto: Alex Grimm / Bongarts/Getty Images

Adrian Ramos stemmte die schwere Metalltür vor der Umkleidekabine auf und schritt die Treppe in der Dortmunder Arena hinauf: Rechts sprachen gerade seine Kollegen vom BVB nach dem 1:1 gegen den RSC Anderlecht am Dienstagabend in Mikrofone. Links ging es raus. Ramos warf einen schüchternen Blick in die Interviewzone, überlegte kurz und stapfte nach links.

Wahrscheinlich hätte den kolumbianischen Angreifer ohnehin niemand sprechen wollen. Das Remis der Borussia, das für den Gruppensieg in der Champions League und den Einzug ins Achtelfinale genügte, verfolgte Ramos 90 Minuten lang auf der Ersatzbank. Aber auch wenn er gespielt hätte, so wie am Wochenende beim 1:0 gegen Hoffenheim, als er zum ersten Mal seit anderthalb Monaten wieder in der Startelf der Dortmunder stand, wären die Fragen wohl ausgeblieben. Die prachtvollste Attraktion ist Adrian Ramos bislang nicht beim BVB.

Bei Hertha BSC dagegen war der 28-Jährige die größte Attraktion, bis er sich entschloss, im Sommer für 9,7 Millionen Euro nach Westfalen zu wechseln. „Ich habe immer von der Champions League geträumt“, sagte er. „Dieser Schritt ist deshalb gut für mich.“

Finanziell war er auch gut für Hertha: Nie zuvor hatten die Berliner eine höhere Ablösesummer für einen ihrer Spieler ausgehandelt – und das, obwohl Ramos’ Vertrag nur noch ein einziges Jahr gültig war. Sportlich hinterließ der Stürmer aber eine Lücke, die seine Nachfolger Salomon Kalou (fünf Tore) und Julian Schieber (vier) bis heute noch nicht füllen konnten.

Ramos prägte Hertha wie kein anderer

Kein Spieler prägte den Hauptstadtklub in den fünf Jahren davor, seit Ramos vom kolumbianischen Erstligisten America de Cali kam, so sehr wie der schmalschultrige Südamerikaner. An knapp 40 Prozent aller Berliner Treffer zwischen 2009 und 2014 war Ramos direkt beteiligt. Er schoss 58 von insgesamt 246 Berliner Toren und bereitete 36 vor. Das bedeutete auch, dass fast jeder vierte Hertha-Treffer in dieser Zeit von Ramos selbst erzielt wurde.

Und in der vergangenen Saison stieg sein Wert für die Blau-Weißen noch einmal wesentlich an: Er wurde nicht nur zum besten Spieler der Hinrunde in der Liga gewählt, sondern war auch an 60 Prozent aller Hertha-Tore direkt beteiligt. Ohne seine Zuverlässigkeit vor dem gegnerischen Tor (16 Treffer, acht Vorlagen) hätte das Team von Trainer Jos Luhukay wohl eine weniger ruhige Saison spielen können. Der Niederländer selbst bemängelte stets eine zu große Abhängigkeit von Ramos, auf den allerdings Luhukays Spielidee bei Hertha zugeschnitten war.

„Adrian war für uns ein Spieler mit einer enorm hohen Qualität. Er hat ein überragendes Jahr bei uns gespielt“, sagt Hertha Torwart Thomas Kraft, der mit dem Angreifer seit 2011 in Berlin zusammen gespielt hat. „Er ist ein extrem gefährlicher Stürmer, der nicht nur schnell ist, sondern auch kopfballstark.“

Oft nur Einwechselspieler beim BVB

Aber diese Stärken konnte Ramos bei Borussia Dortmund in dieser Saison noch kaum über einen längeren Zeitraum präsentieren: Zwar kam er unter BVB-Trainer Jürgen Klopp in den 14 Bundesliga-Spielen bisher zwölf Mal zum Einsatz, stand aber nur sechs Mal in der Startformation. Zwei Tore und zwei Vorlagen gelangen ihm.

Und in der Champions League, dem Sehnsuchtsziel des Kolumbianers, wurde er ebenfalls nur eingewechselt, erzielte dabei aber dennoch drei Treffer in fünf Partien. Kein anderer Spieler traf so häufig nach Einwechslungen in der Königsklasse. „Am liebsten würde ich immer spielen. Aber in Dortmund haben wir viele Spieler von hoher Qualität. Da gilt es, dann auf den Punkt fit zu sein, wenn der Trainer einen ruft“, sagt Ramos

Aus dem Star, der Adrian Ramos in Berlin war, ist in Dortmund also ein Joker geworden. Hertha entwuchs er in der vergangenen Saison endgültig, beim BVB aber ist es ihm noch nicht gelungen, in die größeren Maßstäbe hineinzupassen. Die hatte Robert Lewandowski derart erweitert, dass sich der BVB nach dem Abgang des Polen nicht nur Ramos als Nachfolger leistete, sondern auch den doppelt so teuren Torschützenkönig der italienischen Serie A: Ciro Immobile (19 Millionen Euro Ablöse). Der Italiener versprüht Glanz, auch wenn er noch nicht in die Fußstapfen Lewandowskis passt. Interview-Anfragen hat Immobile genug.

Über den schüchternen Ramos ist seit dem Wechsel dagegen kaum ein Text erschienen. Und wenn doch, dann nur im Zusammenhang mit der Krise in der Liga (der BVB hat wie Hertha nur 14 Punkte auf dem Konto) und der Frage, ob Dortmund falsch eingekauft habe. Klopp sieht das anders: „Adrian ist ein zurückhaltender Junge, der viel selbstbewusster sein könnte aufgrund dessen, was er kann“, sagte der Trainer.

Luhukay glaubt an seinen Ex-Spieler

Am Sonnabend kehrt Adrian Ramos zum ersten Mal mit seinem neuen Klub ins Berliner Olympiastadion zurück (15.30 Uhr) und es könnte sein, dass sich Klopp wie zuletzt gegen Hoffenheim entscheidet, Ramos aufzustellen. Weil Klopp nunmehr keinen Weltklassestürmer mehr zur Verfügung hat, passt er seinen Angriff oft den Aufgaben an: Wartet ein Gegner, der Platz bietet, spielt der schnelle Pierre-Emerick Aubameyang. Kommt es auf viele Strafraumszenen an, beginnt Immobile.

Ramos dagegen ist der Stürmer, den Klopp für einen defensiveren Fußball vorgesehen hat, wie ihn der BVB zuletzt in der Bundesliga gespielt hat. Ramos gewinnt 50 Prozent seiner Zweikämpfe, arbeitet stärker mit zurück und ist der kopfballstärkste der drei Angreifer.

Einen festen Platz in Dortmund hat Ramos noch nicht gefunden und steckt in der Schwebe zwischen Bank und Startelf. Dass ihm die Qualität fehlt, muss das nicht unbedingt bedeuten: Jeder Stürmer, den Klopp holte, brauchte im Schnitt ein Jahr, um sich an seinen Hochgeschwindigkeitsfußball zu gewöhnen. Aus Lewandowski und Lucas Barrios wurden dennoch Torgaranten.

Jos Luhukay hat das Wirken seines ehemaligen Lieblingsspielers Adrian Ramos auch in Dortmund verfolgt und fand ihn zuletzt gegen Hoffenheim gut: „Da war er wieder der Adrian , den wir kennen“, sagt Herthas Trainer. Auch wenn Ramos beim BVB noch nicht angekommen ist, glaubt Luhukay, „dass er sehr wertvoll für Dortmund werden kann“. Dann stutzt er kurz und ergänzt: „Aber bitte nicht am Sonnabend.“