Bundesliga

Doppelte Befreiung für Hertha und Valentin Stocker

Der teuerste Zugang erwacht bei den Berlinern. Nach einer Zeit der Zweifel zeigt Stocker, was Hertha sich von ihm versprochen hat - und bestärkt die Hoffnung, dass die Offensivpläne aufgehen könnten.

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Manchmal dauert es eben. Und das muss nicht unbedingt schlecht sein. Bisweilen kommt am Ende sogar etwas Gescheiteres dabei heraus, wenn alles etwas gemächlicher voranschreitet, als man das erwartet hatte.

Salomon Kalou zum Beispiel hätte längst schon ausgewechselt werden sollen. Ersatzmann Sandro Wagner stopfte an der Seitenlinie schon sein Trikot in die Hose. Doch der Ball wollte nicht ins Aus. Und so bekam Kalou noch einmal die Gelegenheit, den Lauf der Dinge mit seinem zweiten Tor für sich und Hertha gegen Stuttgart in die richtige Richtung zu lenken.

Oder Änis Ben-Hatira – noch so ein Beispiel für ein Lob der Langsamkeit. Auch er sollte schon raus. Aber auch hier stemmte sich das Universum dagegen und gewährte ihm noch eine letzte Aktion: schönes Dribbling, schöne Flanke. 3:1. Ein Tor, das am Ende des erkämpften 3:2 das entscheidende sein sollte.

Hohe Ablösesumme als Last

Meistens ist es ja aber so, dass Verzögerungen nerven. Dass es einem zum Nachdenken verleitet, wenn nicht schnell genug kommt, was kommen soll. Valentin Stocker ging es so. Seit der Mittelfeldspieler im Sommer für 3,12 Millionen Euro vom FC Basel nach Berlin gewechselt war, schaute die Öffentlichkeit bei dem Schweizer genau hin.

Seit sechs Jahren hatte Hertha für keinen Spieler mehr so viel Geld ausgegeben. Und weil er dann trotzdem nicht eingesetzt wurde, kamen Fragen nach seiner Qualität auf. Da nützte es auch wenig, dass Herthas Trainer Jos Luhukay zu beschwichtigen versuchte, Stocker sei noch nicht bereit. Nur zwei Kurzeinsätze gegen Freiburg und Augsburg gab es.

Einzelgespräch mit Luhukay vor dem Spiel

Für die atmosphärisch wichtige Partie gegen den VfB aber war Stocker bereit. Vor dem Spiel setzte sich Luhukay mit ihm zusammen und sagte: „Valentin, ich glaube, dass jetzt der Zeitpunkt für dich gekommen ist.“

Erstmals schickte er den 25-Jährigen von Beginn an aufs Feld und durfte am Tag danach den Satz sagen, den jeder Trainer gern sagt: „Alles richtig gemacht.“ Stocker war an allen drei Treffern beteiligt, holte den Elfmeter heraus, den Kalou verwandelte, bediente ihn vor dem 2:1 und leitete auch den Angriff zum 3:1 ein. „Valentin hat ein fantastisches Spiel gemacht. Er hatte ein sehr dynamisches und temporeiches Auftreten, das uns gut getan hat“, schwärmte Luhhukay.

Mental am Boden nach der WM

Stocker selbst dagegen ist kein Mann für Schwärmereien. Die letzten Wochen, in denen er nach seiner Form und seinem Platz im neuen Team fahndete, schleppt er noch mit sich. „Es gibt schwierige Momente in einer Karriere und ich hatte zuletzt so einen“, sagte Stocker. Da war ja nicht nur die holprige Anfangsphase bei Hertha, seiner ersten Station im Ausland überhaupt.

Da war auch noch die WM in Brasilien. Der Schweizer Nationaltrainer Ottmar Hitzfeld nahm ihn dort im ersten Spiel schon zur Halbzeit vom Feld und beachtete ihn im Turnierverlauf nicht mehr. „Die WM war eine strenge Zeit für den Kopf. Mental war ich danach am Boden“, sagte Stocker nun. Und als er merkte, dass es nach dem Wechsel auch bei Hertha nicht so lief wie erhofft, „da gab es Momente, in denen ich schon gezweifelt habe“.

Luhukay hatte Geduld mit Stocker, und wie es manchmal so ist im Leben, kam Gescheiteres dabei heraus, als es länger dauerte: „Wir mussten Valentin sorgfältig aufbauen und das hat sich nun ausgezahlt“, sagte der Niederländer, was schon sehr nach einem Lob der Langsamkeit klang. Nun spreche nichts dagegen, dass Stocker in der ersten Elf bleibe.

Keine Nominierung für die Nationalmannschaft

„Auch wenn ich manchmal nicht genau wusste, woran ich bin, hat es mir gut getan, dass ich die Zeit bekommen habe, die ich brauchte“, sagte Stocker. Dass er nun erstmals seit langem nicht für die anstehenden Länderspiele der Nationalelf nominiert wurde, sei schade. „Aber das wird eine zusätzliche Motivation für mich sein.“ Erst einmal den zweite Saisonsieg genießen, der für Hertha eine Befreiung sei, „aber natürlich auch für mich“, so Stocker.

Eine doppelte Befreiung also. So wie es für Stocker länger gedauert hat, bis er sich mit der neuen Herausforderung Bundesliga arrangieren konnte, so benötigte auch Hertha Zeit, um in die Saison zu finden. Nach dem schwachen Auftritt gegen Augsburg hatte Luhukay „viele emotionale Gespräche mit den Spielern geführt“.

Deutlich verbesserte Laufleistung

Das zeigte Wirkung: Mit einer deutlich verbesserten Laufleistung (120, 43 Kilometer) und gesteigerten Zweikampfwerten (45 Prozen gewonnen) erkämpften sich die Blau-Weißen den zweiten Heimerfolg und gehen nun entspannter in die Länderspielpause.

Zudem deutete sich erstmals an, dass die Pläne des Sommers aufgehen könnten. Neue Offensivkräfte sollten für mehr Gefahr über die Außenpositionen sorgen. Stocker, Ben-Hatira und Roy Beerens, der gegen den VfB sein erstes Bundesligator erzielte, rotierten hinter der Spitze Kalou und beflügelten das Umkehrspiel, wie sich das Luhukay und Manager Michael Preetz vor der Saison erdacht hatten. „Dadurch sind wir weniger ausrechenbar und nicht mehr so statisch“, sagte Luhukay.

„Man darf auch mal zu Boden gehen, aber niemals liegen bleiben“, fand Luhukay und meinte damit sein Team im Allgemeinen. Jene Boxerweisheit passt aber besonders zu Valentin Stocker.