Bundesliga

Valentin Stocker und Hertha – Vereint in der Grübelei

Der teuerste Einkauf des Sommers darf nach drei Spielen auf der Tribüne erstmals für die Berliner auflaufen. Stocker steht sinnbildlich dafür, dass Hertha langsamer in die Saison findet, als erwartet.

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Für Fußball interessiert sich Valentin Stocker eigentlich gar nicht so sehr. Zumindest nicht außerhalb seiner eigenen Belange. Das hat der Schweizer Anfang des Jahres einer heimischen Zeitung erzählt. Und weil man ihn fragte, gab er auch zu, dass er „sicher nicht der typische Fußballer“ sei.

Das Problem ist nur, dass Stocker nun einmal Berufsfußballer ist – ein besonders talentierter dazu – und man ihn deswegen auch mit den typischen Fußballermaßstäben misst. Wenn einer gut ist, dann zeigt er das auf dem Platz. Wenn nicht, nicht. So einfach ist das.

Für die Berliner Zuschauer aber war bisher nicht zu erschließen, ob Valentin Stocker ein guter Fußballer ist – einer, für den Hertha mit recht in diesem Sommer so tief in die Tasche griff wie lange nicht mehr. Auf den Platz nämlich durfte er in den ersten drei Saisonspielen nicht, was schleichend den Umkehrschluss provozierte: Vielleicht ist der Stocker einfach nicht so gut, wie gedacht.

Da half es auch nicht, dass Jos Luhukay um Geduld bat und erklärte, der Mittelfeldspieler habe nach der WM noch körperliche Defizite. „Wenn ein Spieler die Basis noch nicht hat, dann muss ich ihn auch schützen“, sagte Herthas Trainer.

23 Minuten gegen Freiburg

Den Fitnessrückstand hat Stocker nun aufgeholt. Gegen Freiburg am Freitagabend (2:2) stand der 25-Jährige nicht nur zum ersten Mal im Kader der Blau-Weißen, knapp 70 Kilometer entfernt von seiner alten Wirkungsstätte Basel wechselte ihn Luhukay auch für seine ersten 23 Minuten in der Bundesliga ein. „Es ist schön, dass ich mitspielen durfte. Es war eine lange Zeit ohne Einsatz für mich“, sagt Stocker.

Dass die Berliner Fans und Medien langsam etwas ungeduldig wurden, was denn nun mit dem teuersten Einkauf seit sechs Jahren (3,12 Millionen Euro) sei, habe er wahrgenommen. „Ich wusste, dass Spekulationen aufkommen. Aber ich habe mich nicht dafür interessiert“, sagt Stocker. Es habe einen Plan gegeben, nach dem er langsam an die Mannschaft herangeführt und ein Teil von ihr werden sollte. 23 Minuten diesmal. Bald mehr.

Valentin Stocker sagt über seine vergangenen Wochen im Wartestand bei Hertha: „Ich habe mir nicht großartig Gedanken gemacht.“ Doch wenn man ihm dabei in die Augen sieht, dann spürt man, dass das ein bisschen gelogen ist. Dann kann man verstehen, dass hinter jenem Satz, er sei nicht der typische Fußballer, noch eine andere Wahrheit liegt: Stocker wirkt sensibler als gemeinhin von seinen Berufsgenossen angenommen wird und als sei er jemand, der sich viel mehr Gedanken macht, als er zugibt.

Stockers Verpflichtung war ein Zeichen für den Aufbruch

Aber aktuell steht er mit jener Grübelei gar nicht so allein da. Sucht er noch nach seiner Rolle in seiner neuen Mannschaft und in der neuen Liga, so tut es derzeit auch sein neuer Klub. Stocker steht sinnbildlich dafür, dass bei Hertha aktuell noch alles langsamer geht als man es vor der Saison erwartet hatte. Mit ihm kam im Sommer viel Euphorie.

Sein Transfer wurde als Zeichen dafür gesehen, dass bei den Berlinern nach den Entbehrungen der letzten Jahre nun wieder bessere Zeiten angebrochen sind. Denn den Flügelspieler, der für den FC Basel in der vergangenen Spielzeit 13 Tore erzielte und sieben vorbereitete, umwarben auch allerhand andere Klubs. Dass er sich für Hertha entschied, war eine Bestätigung dafür, dass in Berlin wieder echte Perspektiven entstanden sind. Es fühlte sich wie ein Aufbruch an.

Doch Stocker ist noch nicht die neue Attraktion, die er sein sollte – und Hertha noch nicht so erfolgreich. Mit nur zwei Punkten aus vier Spielen und zuletzt zwei erschreckend schwachen Auftritten steht Luhukays Team vorerst im Tabellenkeller. Dass sich das bald ändern wird, bei Stocker und Hertha, glauben beide.

Dass ihnen in der Öffentlichkeit dabei weniger Zeit als gewünscht eingeräumt wird, ahnen beide ebenfalls. „Ich weiß, was von mir erwartet wird“, sagt Stocker. „Aber ich möchte als Teil der Mannschaft wahrgenommen werden und nicht als einzelner.“ Derzeit haben beide noch die gleichen Probleme.