Bundesliga

Die Hertha-Profis zeigen sich wie wankelmütige Schüler

Die Berliner treten nach dem 0:1 in Augsburg auf der Stelle, weil das Team nicht fleißig genug ist und das offensive Potenzial mit Genki Haraguchi, Roy Beerens und Salomon Kalou nicht gut genug nutzt.

Foto: Adam Pretty / Bongarts/Getty Images

Vielleicht kennen Sie das: Sie sind ein Elternteil eines Kindes, von dem Sie glauben, dass es eigentlich ziemlich schlau ist und mehr als nur das Klassenziel erreichen kann – wenn es sich denn genug anstrengt. Nach den ersten holprigen Wochen im Schuljahr, in denen das Kind des Öfteren ein „Mangelhaft“ mit nach Hause brachte, dürfen Sie plötzlich zum ersten Mal eine Klassenarbeit mit der Note „Gut“ unterschreiben.

Und Sie denken: Feine Sache, jetzt hat es der Nachwuchs endlich kapiert. Einsatz lohnt sich. Jetzt geht es bergauf. Doch die nächste Leistungskontrolle folgt, und siehe da: wieder nur ein „Mangelhaft“. Das würde Sie ziemlich frustrieren, nicht wahr?

In etwa so geht es gerade Jos Luhukay. Herthas Trainer, selbst zweifacher Vater, hat seine Übungsleitertätigkeit in der Vergangenheit gern mit der Kindererziehung verglichen. Er wolle seine Spieler so erziehen, dass sie für die Anforderungen der Liga gewappnet seien, hat der Niederländer einmal dieser Zeitung gesagt. Dass dies auch Frustrationsmomente mit sich bringt, stand zwischen den Zeilen.

Die Leidenschaft aus dem Wolfsburg-Spiel fehlte

Nachdem nun am vergangenen Mittwoch beim leidenschaftlich erkämpften 1:0 gegen Wolfsburg der Augenblick gekommen war, in dem Luhukay glaubte, seine Profis hätten es nach einer holprigen Anfangsphase in der neuen Saison endlich begriffen, folgte nur vier Tage später die Ernüchterung. Die Leistungskontrolle in Augsburg am Sonntagnachmittag ergab erneut ein „Mangelhaft“.

Mit 0:1 verloren die Berliner, schimpften danach über den Schiedsrichter und dessen Elfmeterentscheidung – wie Schüler über die Ungerechtigkeit eines Lehrers – wussten aber, dass sie selbst viel zu wenig für eine bessere Note getan hatten.

„Ich bleibe bei meiner Meinung, dass es kein berechtigter Elfmeter war“, sagte Luhukay am Montagmorgen zwar. Doch wie jeder gute Erziehungsberechtigte fand er auch deutliche Worte über die eigenen Mängel seiner Schutzbefohlenen: „Die Leistung war nicht in Ordnung – vor allem in der ersten Halbzeit. Da müssen wir uns schon selbst hinterfragen“, sagte er.

Hatten die Blau-Weißen gegen Wolfsburg noch einen leidenschaftlichen Auftritt gezeigt, so musste Luhukay konstatieren, „dass wir in Augsburg nicht annähernd an diese Leistung herangekommen sind“. Er habe gehofft, dass seine Mannschaft nun „das Vertrauen in sich wiedergefunden hätte“. Aber: „Wir haben viel zu wenig die Initiative ergriffen, um den Erfolg zu erzwingen.“

Durchschnittlich nur 43 Prozent gewonnene Zweikämpfe

Luhukay glaubt fest, dass sein Team eigentlich mehr kann, als es aktuell zeigt, und dass es um mehr als nur den Klassenerhalt gehen könnte. Dafür aber müsste es fleißiger sein. Weil man im Fußball den Aufwand eines Teams einfacher bemessen kann als den eines Schülers – er ist schließlich in der Statistik unter „Laufleistung“ aufgeführt –, kann Luhukay seiner Mannschaft den Vorwurf guten Gewissens machen: Hertha (109,32 Km) lief wieder einmal weniger als der Gegner (111,9 Km), was Mittelfeldspieler Per Skjelbred so erlebte: „In der Mitte war immer ein Augsburger frei.“

Dazu gesellte sich ein Problem, das die Berliner schon in den Spielen zuvor hatten: Sie gewinnen zu wenige Zweikämpfe. Nur 36 Prozent waren es gegen Augsburg, in den sechs Spielen insgesamt waren es nur durchschnittlich 43 Prozent – kein Wert, mit dem man dauerhaft Spiele gewinnt.

Zuletzt hatte sich dieser Mangel besonders in einer löchrigen Defensive gezeigt, als Hertha durchschnittlich zwei Gegentore pro Spiel kassierte. Doch er produziert darüber hinaus noch andere Folgeschäden – und zwar weiter vorn. Luhukay formulierte es so: „In der vergangenen Saison war eine unserer Stärken das schnelle Umkehrspiel von Abwehr auf Angriff.“ So habe man die allermeisten Tore erzielt. „Aber was braucht man, um schnell umschalten zu können?“, fragte Luhukay die Pressevertreter und schaute dabei schön oberlehrerhaft: „Man muss Zweikämpfe gewinnen!“

Zugang Kalou hängt in der Luft

Richtig. Wer den Ball in der eigenen Defensive erobert, kann ihn auch schnell den Offensivspieler anvertrauen, die dann den entstandenen Platz nutzen, um ihre Qualitäten zu präsentieren. So war es ja eigentlich auch gedacht: Die Analyse der vergangenen Saison ergab, dass Hertha mehr Klasse auf den Außenpositionen gebrauchen könnte.

Mit Valentin Stocker, Roy Beerens und Genki Haraguchi kamen drei Neue dafür, von denen vor allem die beiden Letztgenannten schon angedeutet haben, über welch großes Potenzial sie verfügen. Allein Hertha lässt es bisher fast ungenutzt: „Genki wird viel zu wenig ins Spiel eingebunden, bei Roy ist das ähnlich. Mit ihnen haben wir echte Waffen. Sie haben eine extrem gute Qualität, aber sie müssen viel besser eingesetzt werden“, forderte Luhukay.

Hängen aber die Außenstürmer in der Luft, droht dem zentralen Angreifer ein ähnliches Schicksal, so wie Salomon Kalou in Augsburg. „Salomon kann nicht allein der Heilsbringer sein“, sagte Luhukay. Die Offensivabteilung lebe nun einmal von Anspielen, und die fehlen derzeit, sodass Hertha in den vergangenen vier Spielen gegen Mainz, Freiburg, Wolfsburg und nun Augsburg kaum zwingende Torgelegenheiten herausspielen konnte.

Dass dies möglicherweise auch am Spielgestalter Ronny liege, der Wankelmütigste unter Luhukays Obhut, wollte der Trainer nicht kommentieren. Denn er weiß ja: Die nächste Leistungskontrolle steht schon am Freitagabend an: Da kommt mit dem VfB Stuttgart ein Team, das ebenfalls mangelhaft in die Saison gestartet war, es jetzt aber begriffen zu haben scheint. Vielleicht.