Interview

Jos Luhukay sieht seine Zukunft langfristig bei Hertha

Heute kann Hertha aufsteigen. Und Herthas Trainer will noch lange dabei sein. Er spricht über den langen Weg zurück in die Bundesliga, Transfers im Sommer und warum der SC Freiburg ein Vorbild ist.

Foto: Marc Müller / pA/dpa

Einen Begriff benutzte Jos Luhukay in den vergangenen neun Monaten der aktuellen Zweitliga-Saison besonders häufig, um das Auftreten seiner Mannschaft zu erklären: Mentalität.

Für Herthas Cheftrainer war die verbesserte Einstellung seiner Spieler der Schlüsselfaktor, der den nach dem Abstieg heftig kriselnden Klub zurück in die Bundesliga führen würde.

Nun steht der Aufstieg kurz bevor. Gewinnen die Berliner an diesem Sonntag ihr Heimspiel gegen den SV Sandhausen (13.30 Uhr/Sky, HIER im Liveticker der Berliner Morgenpost) ist Luhukay am Ziel. Im Interview spricht der 49-Jährige über die Gründe für den Erfolg und seine Vorstellungen für die Zukunft.

Berliner Morgenpost: Herr Luhukay, reden wir über Mentalität. Was hat Sie geprägt?

Jos Luhukay: Mich haben vor allen die Werte geprägt, die mir meine Eltern mitgegeben haben. Fleiß, Zielstrebigkeit und Charakter. Ich war als Spieler unglaublich zielstrebig und sehr trainingsfleißig. Ich wollte mich immer verbessern. Dafür habe ich Extraeinheiten gemacht. Für meine Trainer war ich deshalb ein Lieblingsspieler. Oft mussten sie mich eher bremsen. Ich war ein Vollblutfußballer mit Herz und Seele. Das war ich später auch noch im Amateurbereich und bin es heute als Trainer

Gibt es Unterschiede zwischen der niederländischen und der deutschen Mentalität?

Ja, auf jeden Fall. Nachdem ich nun viele Jahre als Trainer in Deutschland arbeite, wäre es für mich viel schwieriger, ein niederländisches Team zu trainieren. Die Niederländer interpretieren ihren Beruf anders als die Deutschen. Dort hinterfragen die Spieler alles. Warum machen wir diese Übung? Warum spielen wir so? In Deutschland sind die Spieler ihrem Trainer gegenüber viel folgsamer. Sie arbeiten hart und versuchen die Vorgaben des Trainers zielstrebig umzusetzen. Das entspricht mir als Mensch mehr. Huub Stevens zum Beispiel, mit dem ich zusammen gearbeitet habe, und den ich sehr schätze, hatte bei seinen letzten Stationen in den Niederlanden Probleme mit der Einstellung der Spieler. Das würde mir vermutlich auch so gehen.

Sind Sie mittlerweile mehr deutsch als niederländisch?

Ich habe die deutsche Mentalität stark verinnerlicht. Ich mag die Einstellung nicht: Kommst du heute nicht, kommst du morgen. Ich bin niemand, der schnell zufrieden mit dem Erreichten ist. Ich denke, das ist keine schlechte Eigenschaft. Meine Frau sagt zwar manchmal: ‚Genieße doch mal den Moment. Freue dich doch über den Sieg.’ Und sie hat ja recht. Aber ich denke auch nach einem Sieg immer an die nächsten Aufgaben. Ich tue mich ebenso schwer damit, Erfolge zu genießen, wie ich Niederlagen schwer verdauen kann. Das muss ich noch lernen.

Könnte ja sein, dass das Spiel gegen Sandhausen ein Moment ist, den Sie genießen sollten. Ihr Team kann den Aufstieg perfekt machen.

Das stimmt. Das wäre wirklich eine große Erleichterung. Nicht nur für mich, sondern für die Mannschaft und das gesamte Team drum herum. Nicht zuletzt auch für unsere Fans, die in diesem Jahr viel dafür investiert haben, uns zu unterstützen. Steigen wir schon an diesem Spieltag auf, sollten wir das alle zusammen genießen.

Sie haben oft betont, dass die entscheidende Verbesserung zur Abstiegssaison die Mentalität der Mannschaft ist. Wie haben Sie diese verändert?

Das war und ist ein ständiger Prozess. Meine Kollegen im Trainerteam und ich haben vom ersten Tag an versucht, durch unsere Mannschaftsführung und durch individuelle Gespräche mit den Spielern, eine Siegermentalität zu fördern. Dieser Prozess ist aber noch lange nicht abgeschlossen. Wir haben hier eine Entwicklung begonnen, die wir weiterführen müssen. Das ist wie zu Hause bei einer Familie mit Kindern. Da versuchen die Eltern die Kinder so zu erziehen, dass sie für das Leben gewappnet sind. Ich sage bei mir zu Hause immer: Als unsere Kinder klein waren, hatten wir kleine Sorgen. Jetzt sind sie groß, und nun haben wir große Sorgen. Genauso ist es auch mit der Mannschaft.

Die großen Probleme kommen noch in der Bundesliga. Ist es die verbesserte Mentalität, mit der Hertha dort bestehen kann?

Das ist für mich unglaublich wichtig. Als ich nach Berlin gekommen bin, habe ich eine Einschätzung immer wieder gehört: Die letzte Leidenschaft hat bei Hertha gefehlt. Das ist etwas, was ich nicht akzeptieren kann. Ein Beispiel: Als ich mit Augsburg aufgestiegen bin, und wir in der Bundesliga ein Heimspiel verloren haben, musste die Mannschaft trotzdem eine Ehrenrunde laufen, und die Zuschauer sind aufgestanden, um zu applaudieren. Das ist zwei, drei Mal passiert. Obwohl wir verloren hatten, haben die Fans gespürt, dass wir mit Leidenschaft und der richtigen Einstellung versucht haben, zu gewinnen. Das, was man auf dem Platz umsetzt, geht auf die Fans über und nicht anders herum. Die Fans sehen, ob ein Spieler alles dafür tut, um zu gewinnen. Wenn das der Fall ist, dann wird auch mal eine Niederlage akzeptiert. Wenn wir mit Hertha BSC in der Bundesliga bestehen wollen, dann müssen wir diese Einstellung in jedem Spiel zeigen.

Das hat in dieser Saison schon funktioniert. Hertha hat auch schlechte Spiele gewonnen.

Das hat uns die ganze Saison verfolgt. Es gab Spiele, in denen wir den Zugriff auf den Gegner verloren haben. Aber was die Einstellung und den Charakter angeht hat die Mannschaft nie versagt. Die Charakterfrage mussten wir uns nie stellen. Wir sind immer wieder zurückgekommen. Nicht auf Basis von spielerischer Qualität, sondern auf Basis von Charaktereigenschaften. Die Mentalität hat uns zum Erfolg geführt.

Welche Spieler haben das vorgelebt?

Für mich ist gar nicht entscheidend, über welche Spieler das transportiert wird. Für mich ist wichtig, dass diese Einstellung nicht erst bei Peter Niemeyer oder Thomas Kraft anfängt. Wir haben so wenige Gegentore hinnehmen müssen, weil unsere Angriffsreihe gleichzeitig unsere erste Defensivreihe ist. Spieler wie Adrian Ramos, Ronny oder auch Sami Allagui zwingen den Gegner schon früh zu Fehlern. Da fängt es an. Es reicht nicht, wenn nur Abwehrspieler Fabian Lustenberger die Siegermentalität ausstrahlt. Das hat vorn begonnen und sich durch die ganze Mannschaft durchgezogen. Die Qualität der Abstiegsmannschaft im letzten Jahr war sicherlich ein Stück höher. Aber mental ist das Team in dieser Saison stärker.

Was bedeutet das für die nächste Saison?

Für mich ist das ganz einfach: Ich bin mir sicher, dass wir in der kommenden Saison in vielen Spielen nicht die Qualität des Gegners haben werden. Dann muss Mentalität Qualität schlagen. In der nächsten Saison ist es noch wichtiger, dass wir mental überzeugen. Das beste Beispiel aus dieser Bundesliga-Spielzeit ist für mich der SC Freiburg. Freiburg schlägt häufig durch die Einstellung Gegner, die eine höhere Qualität haben. Davor kann man nicht genug Respekt haben. Die Bereitschaft, für den Sieg alles zu geben, ist bei Freiburg immer zu sehen. Das muss für uns ein Vorbild sein. Was wir uns in dieser Saison aufgebaut haben, müssen wir auch in der Bundesliga fortführen. Darum sage ich: Der Prozess ist nie abgeschlossen. Wir bekommen ja auch neue Spieler dazu.

Wenn man sieht, welche Spieler zu dieser Saison gekommen sind, und welche für die neue gehandelt werden, fällt auf, dass oft Profis dabei sind, die sie bereits kennen.

Wir können uns aus finanzieller Sicht keine großen Sprünge erlauben. Jeder Transfer, den wir im Sommer machen, muss passen. Wir haben ein geringes Budget und sprechen daher über drei, vier Zugänge für die erste Elf. Deshalb haben wir Profis auf dem Zettel, die wir in der Vergangenheit nicht nur als Spieler sondern auch als Menschen haben kennenlernen können. Denn das ist das geringste Risiko. Bei ihnen wissen wir, dass sie uns fußballerisch weiterhelfen können und charakterlich in die Mannschaft passen.

Als Sie zu Hertha gekommen sind, war der Verein zum zweimal in drei Jahren abgestiegen. Was muss passieren, dass Hertha den Beinamen Fahrstuhlmannschaft ablegt?

Am wichtigsten im Profifußball ist Kontinuität. Es braucht Stabilität auf den wichtigen Positionen: Präsident, Manager, Trainer. Das gibt dem Verein Ruhe und Sicherheit. Hertha ist gut damit gefahren, dass wir in dieser Saison endlich auf allen Ebenen wieder Ruhe haben. Wenn ständig neue Personen kommen, kann ein Verein seine Strategie und Philosophie nicht festigen. Meistens ist es so, dass sich dort, wo Kontinuität herrscht, auch der Erfolg auf Dauer einstellt.

Ist die kommende Saison insofern auch eine Nagelprobe?

Es wird wichtig sein, dass wir auch bei Niederlagen intern die Ruhe und die Überzeugung bewahren, dass wir mit unserer Arbeit zum Erfolg kommen werden. Es ist natürlich schwierig in Berlin. Im Moment des Misserfolgs gibt es hier durch die große Medienlandschaft viel Druck. Da muss der Verein bedacht handeln. So wie ich unseren Präsidenten und unseren Manager kennengelernt habe, denke ich, dass sie sich bei Hertha wieder mehr Kontinuität wünschen. Denn das verbessert auch das Bild des Vereins in Deutschland.

Sie haben gesagt, dass Sie gern länger Teil von Herthas Entwicklung sein möchten.

Das ist auch so. Ich habe mich im Sommer für Hertha entschieden, und ich bin nicht nur für ein oder zwei Jahre gekommen. Ich sehe mich als Teil des Erfolgs. Ich möchte den Verein weiterentwickeln und der Mannschaft ein Gesicht geben. Das ist uns in diesem Jahr gelungen. Aber Ziel muss es sein, das auch in der Bundesliga zu schaffen. Denn darum geht es. Diese Saison ist bisher schön gewesen. Aber eigentlich fängt es im Sommer erst so richtig an.