Hertha BSC

Luhukay wehrt sich gegen Kritik – braucht nun aber Erfolg

Der Berliner Trainer kontert deutlich wie selten die aufkommende Kritik wegen des schlechten Saisonstarts. Beim Spiel in Freiburg aber benötigt er den ersten Sieg, um in Ruhe weiterarbeiten zu können.

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Einen Augenblick lang war Jos Luhukay nicht mehr Jos Luhukay. Irgendwann in dieser erstaunlichen Pressekonferenz vor der Auswärtspartie gegen den SC Freiburg heute Abend (20.30 Uhr/Sky und im Liveticker bei immerhertha.de) sprach Herthas Cheftrainer am Donnerstag plötzlich in dritter Person von sich: „Jos Luhukay wird seine Philosophie nicht verändern. Nicht nach drei Siegen, und auch nicht nach drei Niederlagen“, sagte der Niederländer und schaute dabei grimmig in die Runde.

Es war der Höhepunkt seiner Ausführungen, die für den ansonsten in den vergangenen zwei Jahren eher besonnen auftretenden 51-Jährigen schon einer Brandrede gleichkam. „Ich lasse mich nicht durch die Kritik leiten. Wenn man so lange Zeit hier erfolgreich war, werden mich diese drei Spiele nicht umwerfen“, sagte Luhukay.

Unterschiedliche Behandlung der Spieler?

Wie selten zuvor in seiner Schaffenszeit bei Hertha BSC wurde Luhukay in dieser Woche für Entscheidungen kritisiert: Warum hatte der neue Stürmer Salomon Kalou gegen Mainz (1:3) nicht von Beginn an gespielt? Warum stand der teuerste Einkauf Valentin Stocker wieder nicht im Kader? Und wieso musste der noch als neuer Stabilisator angekündigte John Heitinga auf die Bank?

Darüber hinaus – und das illustrierte die langsam aufkommenden Zweifel am Trainer im Berliner Umfeld am deutlichsten – wurde Luhukay vorgeworfen, seine Spieler mit zweierlei Maß zu messen: Während zuletzt Roy Beerens und Kalou nach einer Verspätung beim Training keine Strafen vom Trainer erhielten, musste Stocker laufen, und es wurde gemutmaßt, dass Heitinga aus demselben Grund gegen Mainz aus der Startelf flog. Der stets Disziplin einfordernde Trainer verliere seine Linie, hieß es.

Ohne darauf angesprochen zu werden, zürnte Luhukay am Donnerstag: „Ich bin seit 21 Jahren in Deutschland tätig und habe bei meinen Spielern noch nie Unterschiede gemacht“, sagte er. „Das sind falsche Darstellungen, und wir dürfen uns von diesen Nebengeräuschen nicht von unserem Weg abbringen lassen.“

Nur ein Sieg in 15 Ligaspielen

Fakt aber ist, dass Hertha so schlecht wie seit 20 Jahren nicht mehr in die Saison gestartet ist. Mit einem Punkt aus drei Spielen stehen die Berliner auf Tabellenplatz 15. Luhukay hat dies zuletzt oft mit den vielen Zugängen (neun) erklärt. Seine Mannschaft sei noch auf der Suche nach sich und habe besonders vor dem Spiel gegen Mainz durch die Länderspielpause und die vielen abwesenden Spieler keine Zeit für das Finden gehabt.

Doch die Tendenz ist düster: Nur ein einziges der letzten 15 Ligaspiele konnte Hertha saisonübergreifend gewinnen. Seit fünf Partien warten die Berliner auf einen Sieg – auswärts seit sieben. Das und das Gerede um interne Querelen hat dazu geführt, dass in dem ohnehin oft hysterischen Umfeld wieder Unruhe herrscht.

Auf der Pressekonferenz versuchte Luhukay, Zuversicht auszustrahlen: „Ich zweifle nicht an der Mannschaft. Wir haben immer noch einen starken Kader und wollen das jetzt bestätigen“, sagte er.

Aufkommende Skepsis im Umfeld

Der Cheftrainer aber weiß, dass es gegen die ebenfalls noch sieglosen Breisgauer viel mehr als nur um einen ersten Erfolg in der immer noch sehr jungen Bundesligasaison geht. „Uns würde ein Erfolgserlebnis guttun. Als Team benötigen wir einen Sieg, um das Vertrauen in uns selbst zurückzubekommen“, sagte Luhukay.

Es wären drei Punkte fürs Gemüt des Teams, aber auch für das des Umfelds vor der anstehenden englischen Woche mit Partien gegen Wolfsburg (Mittwoch) und Augsburg (Sonntag). „Wir wollen den Sieg gegen Freiburg, weil wir wissen, dass es das Arbeiten erleichtert“, sagte Herthas Manager Michael Preetz.

Hatte noch im vergangenen Jahr der fulminante Saisonstart mit zwei Siegen und einem Remis sowie Tabellenplatz fünf nach drei Spieltagen dafür gesorgt, dass die anfänglichen Zweifel beim damaligen Aufsteiger schnell der Euphorie gewichen sind, muss Hertha nun verhindern, dass die Euphorie, die in diesem Sommer mit den klanghaften Namen kam, nicht durch einen schwachen Saisonstart in Skepsis umschlägt.

Drittschlechteste Laufleistung

Dafür aber sollte die Mannschaft um Kapitän Fabian Lustenberger zunächst auch eine höhere Laufbereitschaft an den Tag legen. Was meist unter Luhukay die große Stärke der Berliner war, entpuppte sich zuletzt als Schwäche: In allen drei Partie liefen die Berliner weniger als ihre Gegner. Im Ligavergleich liegen sie damit auf dem drittletzten Rang (333,8 Kilometer in drei Spielen). Nur Hoffenheim und Augsburg legten noch weniger Strecke auf dem Feld zurück.

Zudem war Hertha mit neun Gegentoren in drei Spielen ungewöhnlich anfällig. „Wir müssen defensiv besser werden und offensiv mehr Kaltschnäuzigkeit zeigen“, sagte Luhukay.

Stocker steht erstmals im Kader

Es ist zu erwarten, dass Luhukay in Freiburg zu mehr Risiko bereit sein wird. Zum ersten Mal seit seiner Verpflichtung im Sommer aus Basel steht Stocker im Kader gegen Freiburg. Genki Haraguchi hat seine Schulterverletzung auskuriert und könnte zurückkehren.

Zudem wäre ein Zwei-Mann-Sturm mit Julian Schieber und Kalou möglich, auch wenn Luhukay über den Ivorer sagt: „Er tut sich noch schwer und ist noch nicht eins mit den neuen Mitspielern. Aber das kann er auch nicht sein.“

Kalou übrigens hat für jene atmosphärisch wichtige Partie so etwas wie das Motto genannt: „One game can turn the table.“ Ein Spiel kann alles ändern.