Bundesliga

Ronnys Gewaltschuss war der einzige Lichtblick bei Hertha

Der Ausgleichstreffer des Brasilianers gegen Freiburg kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Hertha im Herbst 2014 noch stärker auf der Suche nach sich ist, als man das im Sommer erwartet hatte.

Foto: Patrick Seeger / dpa

Kinder gehen immer. Bei Kindern hüpft einem das Herz. Klar. Und wer will bei den süßen Kleinen schon auf trübe Gedanken kommen?

Ronny hatte soeben das Auslaufen mit seinen Kollegen nach dem schmeichelhaften 2:2 in Freiburg hinter sich gebracht und schüttelte die müden Beine durch. Da rannte plötzlich ein kleiner Junge im roten Pullover auf Herthas Trainingsgelände: Ronnys Sohnemann Ronnynho, zweieinhalb Jahre alt und mit Ball am Fuß. Mit seinem Stammhalter kickte Ronny dann auch das Leder ein bisschen hin und her. Süß war das – ein Lichtblick an diesem nasskalten Sonnabendnachmittag.

Zwei Freistoßtore von Ronny

Gut 15 Stunden zuvor hatte auch Ronnynhos Papa im Breisgau dafür gesorgt, dass an einem ebenso tristen Tag für den Berliner Bundesligisten ganz am Ende doch noch ein einziges Mal Licht durchdrang. Süß war das zwar nicht. Eher brachial. Aber das musste es auch sein, um in der sechsten Minute der Nachspielzeit mit einem Freistoßhieb dieser schon verloren geglaubten Partie noch einmal eine kuriose Wendung zu geben.

Groß darüber nachgedacht oder eine Lücke gesehen in der vom eigenen Keeper Thomas Kraft zuvor noch ein bisschen durcheinander gewirbelten Freiburger Mauer habe er nicht: „Einfach drauf. Nur mit Herz“, sagte Ronny, und Kraft fügte an, dass man als Keeper bei so einem Gewaltakt ziemlich doof aus der Wäsche gucke. Alles ganz prima also.

Ronny tat endlich mal wieder, wofür sie ihn einmal in Berlin geliebt hatten: bei Freistößen Angst und Schrecken verbreiten. Auch den anderen Hertha-Treffer erzielte er so – wenn auch „mit Kunst“, wie sein Trainer Jos Luhukay sagte. Seit mehr als zehn Jahren war es keinem Bundesligaprofi mehr gelungen, zwei Freistoßtore in einem Spiel zu erzielen. Und dann noch das süße Kind – nicht zu vergessen.

Nur 41 Prozent Zweikampfquote

Das Problem ist nur: All das Herzerwärmende rund um den fürsorglichen Familienvater mit dem kräftigen Schuss kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Hertha im Herbst 2014 viel stärker auf der Suche nach sich selbst ist, als man das vor dieser Spielzeit erwartet hätte. Gegen zwar leidenschaftliche, aber keinesfalls übermächtige Freiburger zeigte Luhukays Team die bisher schlechteste Leistung der Saison. Nur 41 Prozent der Zweikämpfe gewannen die Blau-Weißen (Minuswert bisher).

Zum vierten Mal kassierte Hertha mindestens zwei Gegentore in dieser Saison – zum dritten Mal gab es einen Gegentreffer nach einem ruhenden Ball. Zudem blieb die Offensive ideenlos. Nicht eine wirkliche Torchance kreierten sich die Berliner aus dem Spiel heraus. Und dass Ronny am Ende der gefeierte Mann war, passte zum Spiel so wenig wie Schultheiss zu einer Wahlveranstaltung der Jungen Union.

Bis auf seine beiden Kunstschüsse lieferte auch der Brasilianer nämlich eine erschreckend schwache Partie ab.

Luhukay ist selbstkritisch

Man kann sich also so seine Sorgen machen, wenn man die mit neun neuen, bisweilen namhaften Kräften im Sommer verstärkte Hertha derzeit spielen sieht. Noch passt nichts zusammen, auch wenn die Laufleistung diesmal mit insgesamt 116,78 Kilometern besser war als zuletzt. Allein, wenn man den Beteiligten zuhört, wird man etwas milder: „Wir hatten gegen Freiburg viel, viel Glück. Wir haben die Kontrolle über das Spiel verloren und Fehler gemacht, die uns einfach nicht passieren dürfen“, sagte Luhukay offen.

Sich hinter Ronnys krachendem Schuss zum Gewinn immerhin eines Punktes zu verschanzen – was sich mit Blick auf den späten Zeitpunkt des Ausgleichs ja auch gut und gerne als „Moral bewiesen“ hätte verkaufen lassen –, erlaubte sich der Niederländer nicht.

„Man kann erkennen, dass die Mannschaft derzeit nicht von Vertrauen überläuft. Viele Spieler haben noch mit sich selbst zutun. Wir arbeiten daran, dass es besser wird“, sagte Luhukay sanft.

Noch offenere Worte fand einer, dem sie bei Hertha zu verdanken hatten, überhaupt noch die Chance zum späten Ausgleich zu bekommen: Torwart Thomas Kraft. Er hatte das wohl entscheidende dritte Tor der Freiburger mit einer starken Parade gegen Maximilian Philipp verhindert und sagte später deutlich: „Es fehlt uns gerade einfach etwas. Es ist eine Mischung aus Unsicherheit und Unkonzentriertheiten. Es kommt bei uns auf Details an. Wir haben Qualität in der Mannschaft, aber wir schaffen es im Moment noch nicht, das auch auf dem Feld zu zeigen.“

Torwart Kraft schlägt Alarm

Jeder im Stadion an der Schwarzwaldstraße in Freiburg hatte gesehen, dass Hertha ohne Zutrauen in sich auftrat. Kraft aber sprach das auch überraschend selbstkritisch an: „Wir haben in manchen Momenten nicht die nötige Bissigkeit“, sagte der Schlussmann und appellierte an seine Mannschaftskollegen: „Wir müssen nach dem schwachen Saisonstart endlich die Kurve kriegen.“

Viel Zeit bleibt Luhukay und seiner Mannschaft nicht. Schon am Mittwoch kommt der VfL Wolfsburg – nicht der idealste Aufbaugegner. Luhukay aber hofft, dass Ronnys später Lichtmoment gegen Freiburg, ob verdient oder nicht, noch ein bisschen weiter strahlt: „Vielleicht kann uns dieser Ausgleich auch etwas Vertrauen zurückgeben“, sagte er. Sein Team hätte es nötig.