Jens Hegeler war Herthas erster Zugang zur neuen Saison. Noch aber sucht der 26-Jährige seine Rolle in Berlin. In den ersten beiden Saisonspielen wurde der Mittelfeldspieler, der für rund eine Million Euro von Bayer Leverkusen kam, nur eingewechselt. Doch für den gebürtigen Kölner sind Startschwierigkeiten keine neue Erfahrung. Denn seine Karriere hätte es eigentlich gar nicht geben dürfen. Ein Gespräch über die Chance im Scheitern und Managerspiele auf dem PC.
Berliner Morgenpost: Herr Hegeler, kann man sagen, dass Ihre Karriere nicht unbedingt nach Plan verlief?
Jens Hegeler: Man kann sagen: Ich habe sehr früh gelernt, dass ich auch Umwege gehen muss, und dass ein Schritt zurück am Ende auch bedeuten kann, dass ich einen Schritt nach vorn mache.
In Leverkusen, wo Sie von 2006 bis 2014 unter Vertrag standen, machten Sie einen Schritt zurück und ließen sich zweimal ausleihen – nach Augsburg und Nürnberg. Aber den größten Rückschritte gab es früher: Stimmt es, dass Sie aus der B-Jugend des 1.FC Köln aussortiert wurden?
Ja, ich war zu klein. Das kann man sich bei meiner Größe von 1,94 Meter heute gar nicht mehr vorstellen. Aber auf den Mannschaftsfotos von damals sieht man, dass ich immer der Kleinste war. Ich bin erst später in die Länge geschossen. Allerdings war für mich dieses frühe Scheitern eher eine Chance.
Warum?
Ich bin dann über Yurdumspor Köln und den VfL Leverkusen zu Bayer Leverkusen gekommen und dort später Profi geworden. Ich würde sogar behaupten, dass ich beim FC niemals Profi geworden wäre.
Haben Sie immer geglaubt, dass es für Sie zum Profi reicht?
Nein. Als ich in Köln raus war, habe ich nicht mehr unbedingt daran geglaubt. Ich hatte das Ziel, so weit oben wie möglich zu spielen. Aber die Bundesliga war sehr weit weg für mich.
Und als Sie es dann doch geschafft hatten, lief es wieder nicht gerade nach Plan. Sie flogen gleich im ersten Spiel vom Platz.
Ich war 20 und wurde bei Bayer gegen Hansa Rostock in der zweiten Halbzeit eingewechselt. 33 Minuten später sah ich Gelb-Rot. Bitter war es vor allem, weil es der 33. Spieltag war, ich somit am letzten Spieltag gesperrt war und dann wochenlang Zeit hatte, mir Gedanken zu machen, ob es überhaupt reicht für die Bundesliga. Ich dachte: Vielleicht ist die Liga ein bisschen zu schnell für dich. Du schaffst gerade mal 33 Minuten und fliegst schon vom Platz. Da kommen Selbstzweifel auf.
Kann man sich Selbstzweifel im Profi-Fußball überhaupt erlauben?
Warum nicht? Es geht doch immer um eine realistische Betrachtung der eigenen Fähigkeiten, um daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen und sich zu verbessern. Man hat ja auch im Leben mal Zweifel, warum sollte das dann im Fußball nicht erlaubt sein. Ob das bei bestimmten Situationen in der Karriere auch mal schadet, mag sein. Aber das ist mir egal.
Diese Nüchternheit hat dazu geführt, dass Sie sich nach Augsburg in die Zweite Liga ausliehen ließen. Ein Rückschritt, aber wiederum eine Chance?
Absolut. Ich bin unglaublich froh, dass es so kam. Für mich war das der wichtigste Wechsel. In Augsburg habe ich damals unter Jos Luhukay den Fuß in die Tür des Profi-Fußballs bekommen.
Nun trainieren Sie wieder unter Luhukay. Was hat er, dass so viele seiner ehemaligen Spieler wieder zurück zu ihm kommen?
Ich kann nur für mich sprechen. Es gibt ein paar Dinge, die ich an einem Trainer wichtig finde: Dass er sehr direkt ist, ehrlich zu einem Spieler und immer authentisch. All das hat Herr Luhukay, und deswegen war er auch ein Faktor bei meiner Entscheidung für Hertha BSC. Andersherum muss man aber auch sagen, dass es ja auch für die Spieler spricht, wenn ein Trainer immer wieder mit ihnen zusammenarbeiten möchte.
Sie haben mal gesagt, dass Michael Ballack Ihr großes Vorbild war. Was hat Ihnen an ihm imponiert?
Er hatte eine unglaubliche Präsenz und Körpersprache auf dem Platz. Das hat mich an Ballack beeindruckt.
Ballack scheiterte in seiner Leverkusener Zeit oft kurz vor dem großen Ziel. Er hat das später überwunden und sich zu einem Weltklassespieler entwickelt.
Das ist sehr beeindruckend an ihm. Er hat nach der „Vizekusen“-Saison 2002 unzählige Titel geholt. Er hat aus dem Scheitern anscheinend immer wieder neue Motivation gezogen.
Sie studieren Sportmanagement: Als sich Alexander Baumjohann erneut verletzt hat, hätten Sie da als Hertha-Manager noch einen Mittelfeldspieler verpflichtet?
Glücklicherweise bin ich nicht der Manager von Hertha BSC, sondern Spieler. Es ist nicht meine Aufgabe, das zu beurteilen. Oder sagen wir es so: Ich bin in meinem Studium noch nicht weit genug, um das zu beurteilen (lacht).
Gut rausgewunden! (Hegeler grinst). Was machen Sie eigentlich, wenn Sie mal vom Fußball abschalten wollen?
Ich spiele gern Tennis. Da geht es eins gegen eins, und man hat am Ende keine Ausreden, wenn man verloren hat. Aber ganz abschalten kann und will ich vom Fußball nicht. Ich bin ja auch Fußballfan, schaue mir viele Spiele an und beschäftige mich mit Transfers.
Es gibt ja diese Fußballmanager-Spiele auf dem Computer. Haben Sie das mal gemacht?
Früher viel. Jetzt nicht mehr.
Und, haben Sie sich im Spiel selbst gekauft und aufgestellt – auch als Sie in Leverkusen zumeist nur auf der Bank saßen und somit keine Punkte im Spiel zu holen drohten?
Immer. Einfach deshalb: Wenn ich selbst nicht an mich glaube, warum sollten dann andere an mich glauben? Außerdem hatte ich es dann ja selbst in der Hand, ob meine Manager-Mannschaft erfolgreich war oder nicht.


