Ein Schmunzeln kann er sich nicht verkneifen. Angesprochen auf den zweiten Frühling, den er gerade erlebt, schlägt Peter Niemeyer fröhlich die Hände vors Gesicht. „Mit dem zweiten Frühling tue ich mich schwer“, sagt der 30 Jahre alte Defensiv-Allrounder.
„Ich sehe mich ja noch nicht mal im regulären Herbst.“ Manche sehen das anders – schließlich war Niemeyer bei Hertha BSC in der vergangenen Saison vom Kapitän zum „Kampfjoker“ degradiert worden. Und da die Berliner in diesem Sommer noch mal kräftig einkauften, schien das Abstellgleis für Niemeyer erreicht.
Er selbst kann mit solchen Thesen wenig anfangen. Kritik, wonach ihm die Qualität für Herthas erste Elf fehle, entlockt ihm höchstens ein Kopfschütteln. Überhaupt strahlt Niemeyer große Gelassenheit aus. Er spricht langsam und wählt seine Worte mit Bedacht, in seiner Stimme liegt eine gewisse Milde. Sollen sie doch schreiben …
Vom Aufstiegshelden zum Bankangestellten
Froh über seine Rückkehr in Herthas Startformation ist er dennoch. In den ersten drei Pflichtspielen stand Niemeyer stets in der ersten Elf. Den acht Berliner Zugängen dieses Sommers zum Trotz – dass Niemeyer plötzlich wieder zur Stammbelegschaft zählt, ist die vielleicht größte Überraschung der noch jungen Saison.
Vor 13 Monaten steuerte Niemeyers Karriere sehr wohl auf die trübe Jahreszeit zu. Gerade noch Aufstiegsheld, musste er die Kapitänsbinde an Fabian Lustenberger abgeben. Er verlor seinen Stammplatz und machte über die gesamte Saison nur drei Spiele von Beginn an. Schwer für einen Profi, der bis dahin nicht nur Leistungsträger, sondern auch Identifikationsfigur war.
Dass er noch wichtig ist für sein Team, konnte er nur sporadisch beweisen. Als John Brooks zu Saisonbeginn gegen den Hamburger SV allzu phlegmatisch auftrat, wurde der Youngster noch vor der Halbzeit durch Niemeyer ersetzt. „Die Mannschaft hat Peter heute gebraucht“, sagte Luhukay damals – und fand für dessen Qualitäten einen prägnanten Dreiklang: Stimulieren, motivieren, korrigieren.
Luhukay fordert Siegermenatlität
Tatsächlich steht Niemeyer für unbändigen Einsatzwillen, Aggressivität und Kampfgeist. Sicher, der talentierteste Fußballer ist er nicht. Neben dem agilen Hajime Hosogai wirkt er mit seinen 1,91 Metern staksig. Er ist weder ausgesprochen ballsicher, noch ist er einer für den öffnenden Pass.
Sein Spiel funktioniert anders, Niemeyer arbeitet Fußball. „Mentalität schlägt Qualität“, hat Luhukay mal gesagt. Ein Satz, der in Niemeyers Ohren wie Musik klingen muss.
Mit Jens Hegeler verfügt Hertha seit diesem Sommer über eine weitere Option fürs defensive Mittelfeld. Viele hatten dem früheren Leverkusener auf Anhieb einen Stammplatz zugetraut. Momentan scheint Niemeyer die Nase vorn zu haben – wohl auch, weil er sich durch die Rückschläge der Vergangenheit nie beirren ließ. „Vielleicht hätten andere den Kopf in den Sand gesteckt“, sagt Niemeyer.
Neue Konkurrenz
„Ich bin meinen Weg weitergegangen. Das macht mich ein Stück weit stolz.“ Illusionen macht er sich nicht. Wie schnelllebig das Profigeschäft sein kann, hat er am eigenen Leib erfahren. Er weiß, dass wieder Phasen kommen werden, in denen er nicht auf dem Platz stehen wird.
Sei es, weil Tolga Cigerci nach seiner Verletzung erste Wahl ist oder Hegeler in ein paar Wochen besser ins Team gefunden hat. Viel ändern wird sich dadurch für ihn nicht.
Niemeyer wird weitermachen wie bisher – und zur Stelle sein, wenn Luhukay ihn braucht. „Ob ich viel spiele oder nicht, wirkt sich nicht unbedingt auf meine Rolle in der Mannschaft aus“, sagt Niemeyer. „An den Tugenden, die ich verkörpere, können sich andere Spieler immer hochziehen.“


