Zweite Liga

Peter Niemeyer - Herthas Leitwolf im Schafspelz

Der Hertha-Kapitän ist nicht nur wegen seines Kampfgeistes wichtig geworden. Seine Aggressivität und Einsatzfreude beschert auch Siege.

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An Eintracht Braunschweig hat Peter Niemeyer nicht die schlechtesten Erinnerungen. Bei seinem letzten Auftritt an der Hamburger Straße vor fünf Jahren gewann er mit seinem damaligen Verein Werder Bremen in der ersten Runde des DFB-Pokals durch ein Tor in der Nachspielzeit mit 1:0. Gegen den derzeitigen Tabellenführer der Zweiten Liga gelang Niemeyer, was ihm nur selten gelingt: Er bereitete das entscheidende Tor vor. Und das auf einer Position, mit der er fremdelte: rechts in der Viererkette.

Wenn der mittlerweile 28-Jährige am Sonnabendmittag mit Hertha BSC für das Spitzenspiel in Liga zwei (13.00 Uhr/Sky) nach Braunschweig zurückkehrt, dann wird das Publikum im „Eintracht-Stadion“ einen anderen Peter Niemeyer zu Gesicht bekommen. Nicht nur, dass ein erneuter Auftritt als Außenverteidiger nahezu ausgeschlossen ist – die Anforderungen an einen solchen haben sich in fünf Jahren Fußballevolution maßgeblich verändert –, auch der Spieler selbst hat sich fundamental gewandelt. War Niemeyer beim Champions-League-Teilnehmer Bremen nicht mehr als ein Ergänzungsspieler, stieg er nach seinem Wechsel zu Hertha BSC 2010 binnen zwei Jahren vom Mitläufer zum Wortführer und absoluten Stammspieler auf. Vor der aktuellen Saison ernannte ihn Herthas Trainer Jos Luhukay zum Mannschaftskapitän und gab dem defensiven Mittelfeldspieler damit eine Rolle, in der Niemeyers Stärken hervortreten – und seine Schwächen gleichermaßen in den Hintergrund.

„Er strahlt Siegeswillen aus“

„Peter ist ein sehr wichtiger Spieler für die Mannschaft, weil er immer Antreiber und Vorbild ist“, sagt Luhukay über seinen Kapitän. Niemeyer gebe besonders kämpferisch ein Richtmaß vor, an dem sich der viertjüngste Kader der Liga entlang tasten kann. Er sei auch deshalb so „enorm wertvoll für das Team, weil er immer Siegeswillen ausstrahlt“, sagt der Niederländer. Gewonnen hat der 49-Jährige diese Erkenntnis spätestens beim glücklichen Remis in Duisburg Anfang des Monats (2:2), als Niemeyer wegen Knieproblemen fehlte und die Kollegen einen sicher geglaubten Auswärtssieg verschenkten, indem sie dem Tabellenletzten kampflos das Spielfeld überließen. Es war nicht der Fußballer Peter Niemeyer, der Hertha beim MSV fehlte, sondern der Anführer. Bei allen Ausfällen, welche die Berliner in der laufenden Spielzeit bereits zu kompensieren verstanden, Niemeyer konnten sie nicht ersetzen.

Das ist insofern erstaunlich, weil der beim niederländischen Klub FC Twente Enschede ausgebildete Mittelfeldspieler alles andere als ein begnadeter Fußball-Profi ist. Technisch bisweilen limitiert, fehlt dem gebürtigen Westfalen darüber hinaus auch oft die nötige Geschwindigkeit. Doch Niemeyer versteht es, diese Defizite in einer durch Härte geprägten Zweiten Liga auszugleichen, indem er mit Aggressivität und Einsatzfreude zu Werke geht. Er habe nunmehr die Rolle als sogenannter „Aggressiv Leader“ im Team angenommen, sagt Niemeyer, die spätestens seit dem Ausfall von Maik Franz verwaist war. Dafür musste er auf dem Spielfeld jedoch anders agieren als im Privatleben, wo Niemeyer eher freundlich wirkt. „Es steht mal fest, dass ich auf dem Platz ein anderer Peter Niemeyer bin als außerhalb“, sagt er und schmunzelt.

Niemeyer gefällt es, Herthas Leitwolf im Schafspelz zu sein. Uneitel ist er nicht. Dass ihn der Berliner Boulevard zu Beginn der Saison genau wegen dieser Ambivalenz als „Kapitänchen“ verspottete, hat ihn geärgert und vielleicht noch mehr motiviert. Nach der Niederlage in Frankfurt am zweiten Spieltag (1:3) nahm sich Luhukay seinen Kapitän zur Brust und forderte von ihm, noch mehr voran zu gehen.

Seitdem hat Hertha kein einziges der acht Ligaspiele mehr verloren und Niemeyer ist mittlerweile zum wichtigsten Spieler in Luhukays Mission Wiederaufstieg mutiert. Gerade weil er weniger durch fußballerische Finesse, denn vielmehr als Antreiber überzeugt und hochbegabte, aber verspielte Akteure wie den Brasilianer Ronny und den Deutsch-Tunesier Änis Ben-Hatira gelegentlich auf das Wesentliche hinweist, ist er Luhukays rechte Hand. Niemeyer steht wie kein anderer Hertha-Profi für die Schlüsselerkenntnis in Liga zwei, wonach „erst die Arbeit und dann die Spielfreude“ kommt. Sein Trainer beschreibt es so: „Er ist ein sehr guter Kapitän, weil er die Mannschaft stimuliert und korrigiert.“

Kommunikator statt Diktator

Doch Luhukay meint damit auch noch eine andere Eigenschaft, die Niemeyer seit dieser Saison auszeichnet: sein feines Gespür für die Befindlichkeiten der Kollegen und die Fragilität des Teamgeistes. So war es der Kapitän, der zu dem unglücklichen Stürmer Sami Allagui lief und ihm einen aufmunternden Klaps auf den Allerwertesten gab, als dieser gegen 1860 München enttäuscht ausgewechselt wurde. Er war es, der nach dem erkämpften Sieg gegen Dynamo Dresden das Trikot des verletzten Herthaners Maik Franz vor die Ostkurve im Olympiastadion trug. Und Niemeyer war es auch, der nach dem verschossenen Elfmeter von Sandro Wagner gegen den VfL Bochum am vergangenen Freitag zum Fehlschützen lief, um ihn zu trösten. Auch wegen dieser Geste skandierten die mitgereisten Berliner Fans Wagners Namen, als sich das Team nach der Partie für die Unterstützung in der Gästekurve bedankte.

„Ich habe einfach das Gefühl, dass die Mannschaft das hin und wieder braucht und versuche mich, darauf einzustellen“, sagt Niemeyer. Seine Rolle als Anführer interpretiert er weniger als Diktator, wie die es deutsche Fußballkultur mit Kapitänen wie Michael Ballack und Oliver Kahn lange Zeit vorgab, sondern vielmehr als Kommunikator. Deshalb hat ihn Luhukay zum Kapitän gemacht und nicht den eher zurückhaltenden Peer Kluge. Warum er erst in dieser Saison in diese Aufgabe hineingewachsen ist, dafür hat Niemeyer eine einfache Erklärung: „Der Unterschied ist, dass ich in den letzten beiden Jahren, wenn es bei mir nicht so lief, auch etwas abtauchen konnte. Das will ich jetzt nicht mehr.“ Man sei erst dann ein guter Spieler, so Niemeyer, wenn man auch in schwierigen Situationen seinen Mann steht. „Und glauben Sie mir, wenn ich zwei Sachen aus der Abstiegssaison mit Hertha gelernt habe, dann dass ich mich erstens brutal auf meine Familie verlassen kann und zweitens, dass man immer seinen Mann stehen muss.“ Auf dem Platz ist das in dieser Spielzeit auch zu beobachten.