Irgendwo hinter den hohen Eichen des Schenckendorffplatzes haute einer auf die Pauke. Trommelklänge hallten herüber vom 25-Kilometer-Stadtlauf, der an Herthas Vereinsgelände vorbeiführte. Jos Luhukay hatte da am Sonntagmorgen längst die Arme hinter dem Rücken verschränkt und war gedankenschwer und mit gesenktem Kopf über den Trainingsplatz geschlichen.

Was tun nach dem enttäuschenden Auftritt seines Teams in Bremen vom Vortag? Hinnehmen und auf das baldige Ende der Saison verweisen, in der erreicht ist, was erreicht werden musste? Oder auf die Pauke hauen?

Herthas Cheftrainer entschied sich für beides. Leise begann der Niederländer, und erklärte wohlwollend, dass seine Elf trotz des 0:2 keineswegs die schlechtere Mannschaft gewesen sei. Zumindest nicht in der ersten Halbzeit, wie er fand. Da sei man sogar überlegen gewesen, habe aber wie so oft in dieser seltsam schlaffen Rückrunde wieder einmal zu wenig Torgefahr entwickelt.

„Wir müssen mal das erste Tor machen“, forderte Luhukay, und es folgte der ewig gültige Grundsatz des Kontrafaktischen: „Dann läuft so ein Spiel vielleicht ganz anders.“

Viertschlechtester Angriff der Liga

Das allerdings war es dann auch schon mit dem Hinnehmen des Gegebenen. Luhukay beschleicht seit Monaten das Gefühl, dass dringend Verbesserung von Nöten ist, um auch in der zweiten Spielzeit nach Wiederaufstieg – von der man warum auch immer sagt, sie sei schwieriger als die erste – die Klasse zu halten.

Also holte Luhukay die Pauke hervor und trommelte zum Aufbruch: „Wir brauchen mehr Qualität, um wieder eine erfolgreiche Saison spielen zu können“, forderte der 50-Jährige. „Dass wir uns verstärken müssen, ist in Bremen deutlich geworden.“

Ein, zwei Spieler für die Abwehr, ein, zwei Spieler für das Mittelfeld – vor allem aber ein bis zwei Neue für den Angriff sollen kommen. Hinten, da hapert es ja eigentlich nicht. Hertha unterhält mit nur 44 Gegentoren die sechstbeste Defensive der Liga.

Dafür fehlt es vorn an Qualität, wenn der beste Angreifer Adrian Ramos – wie gegen Bremen – nicht seinen besten Tag erwischt. Die Berliner stellen mit nur 40 Toren die viertschlechteste Offensive der Spielklasse. Zudem verlässt Ramos den Klub und damit geht auch die Hoffnung auf 24 Tore, an denen der Kolumbianer (16 Treffer, acht Vorlagen) in dieser Saison direkt beteiligt war, von Bord.

Drmic und Stocker kommen nicht

Zur aktuellen Saison rekrutierte Hertha vornehmlich Akteure, die zuvor Luhukays Lebensweg geschnitten und ihn dabei nachhaltig überzeugt hatten. Von Hajime Hosogai über Sebastian Langkamp bis hin zu Alexander Baumjohann und Johannes van den Bergh, von denen bis auf Letzteren alle überzeugt haben. Nun aber soll es bitte noch ein bisschen mehr Qualität sein.

Aber Qualität ist erstens teuer, und Hertha bleibt trotz der Millionen von Investor KKR kein zahlungskräftiger Klub. Und zweitens will Qualität immer auch nur da hin, wo schon Qualität vorhanden ist. Gute Spieler gehen zu Klubs mit guten Spielern – was ja auch die Personalie Ramos beweist, den es zu Borussia Dortmund zieht.

Vor diesem Hintergrund aber hat die mäßige Rückrunde der Herthaner keinerlei Überzeugungsarbeit für den Standort Berlin leisten können. Vom Nürnberger Torjäger Josip Drmic (16 Tore) braucht keiner zu träumen. Ebenso wenig wie vom Basler Wirbelwind Valentin Stocker, den man auch auf Schalke zu schätzen scheint, und der fünf Millionen Euro kosten soll.

Ramos’ Ablöse soll investiert werden

Ramos’ Abgang hat den versöhnlichen Beigeschmack, dass etwa 9,7 Millionen Euro als Ablöse vom BVB überwiesen werden. Mit einem erheblichen Teil davon kann eingekauft werden. Doch Herthas Manager Michael Preetz und Luhukay stehen vor dem schwierigen Unterfangen, vier bis sechs Spieler nach Berlin zu lotsen, die wenig Ablöse kosten und nicht zu viel verdienen, aber die Qualität der Mannschaft deutlich anheben.

„Wir wissen, was wir wollen, müssen aber auch schauen, was für den Klub ökonomisch das Beste ist“, sagte Luhukay. Es seien bereits Gespräche mit potenziellen Neuzugängen geführt worden. „Aber wir sind ja nicht allein auf dem Markt. Die Konkurrenz um diese Spieler ist groß.“

Die Sehnsucht nach Erneuerung, die Luhukay am Sonntag vortrug, hat allerdings auch einen für manche bedrohlichen Nachklang: Wenn neue Spieler kommen sollen, dann bedeutet das nämlich, dass auch alte weg müssen. Erstmals in dieser Saison formulierte Luhukay dies in aller Deutlichkeit: „Es wird eine gewisse Selektion des Kaders geben. Wenn die Saison zu Ende ist, werden Entscheidungen gefällt.“

Ronny muss sich Sorgen machen

Vor ein paar Tagen hatte Luhukay gesagt, dass niemand seiner Profis ihm jetzt zum Ende der Spielzeit noch irgendetwas beweisen müsse. Der kleine Niederländer mit dem Schnurrbart und den ostasiatischen Wurzeln schaffte es sogar, dass dies vornehmlich nach Dankbarkeit klang: „Sie haben schon vieles bewiesen“, fügte er an.

Am Sonntag nun klang es mehr danach, als habe Luhukay längst erkannt, mit wem es sich lohnt, weiter an Herthas Zukunft zu werkeln: „Was die Qualität unserer Spieler angeht, braucht mir keiner mehr etwas zu zeigen. Wir haben das die ganze Saison, in jedem Training, in jedem Spiel gesehen“, sagte Luhukay.

Gesehen hat der Trainer, bei wem es nicht zur vollsten Zufriedenheit reicht. Der Brasilianer Ronny, der sich in Bremen eine schwere Fußprellung zuzog, ist so ein Kandidat. Aber auch Flügelspieler Änis Ben-Hatira, den allerdings immer wieder Verletzungen zurückwarfen, und auch Linksverteidiger van den Bergh.

Es ist nicht ausgeschlossen, dass neben den bereits feststehenden Abgängen Ramos, Levan Kobiashvili (Karriereende) sowie Peer Kluge und Maik Franz auch einer der größeren Namen im Kader auf der Suche nach Besserung aussortiert wird.