Bundesliga

Herthas Sami Allagui kämpft um seine Anerkennung

Herthas tunesischer Angreifer Sami Allagui spricht vor dem Rückrunden-Auftakt in Frankfurt über Blitzstarts nach der Spielpause, mangelnde Wertschätzung und Telefon-Rituale mit seiner Mutter.

Foto: INA FASSBENDER / REUTERS

Am Donnerstag bewies Jos Luhukay mal wieder sein diplomatisches Geschick: In einem einzigen Satz lobte Herthas Cheftrainer seinen Spieler Sami Allagui und tadelte ihn zugleich: „Er ist ein unglaublich wichtiger Spieler für uns, aber er braucht etwas mehr Konstanz“, sagte der Niederländer.

Allagui schoss beim 6:1 gegen Frankfurt zum Saisonstart zwei Tore (ein Assist). Einen Stammplatz konnte er sich dennoch nicht erkämpfen. Am Sonnabend (18.30 Uhr/im Liveticker bei immerhertha.de) geht es zum Rückrundenstart erneut gegen Frankfurt.

Im Morgenpost-Interview spricht der 27 Jahre alte Offensivspieler über seine Ziele für die Rückrunde und verrät, warum er Luhukay niemals duzen würde.

Berliner Morgenpost: Herr Allagui, man sagt, Fußballer seien abergläubische Menschen. Haben Sie Rituale vor einer Partie?

Sami Allagui: Ja, ich achte darauf, dass ich vor einem Spiel immer den gleichen Ablauf habe. Musik hören. Mit meiner Mama telefonieren...

Sie rufen Ihre Mutter vor dem Spiel an?

Ja, wenn ich im Bus sitze, rufe ich sie an. Viel reden wir dann nicht. Sie fragt mich immer, wie ich mich fühle und wünscht mir Glück. Das ist immer derselbe Ablauf. Und das ist wichtig für mich, denn es beruhigt mich. Ist halt Mama...(lacht)

Haben Sie Ritual vor Beginn einer Saison?

Ich fahre immer in die Sonne, das sorgt bei mir für positive Energie.

Scheint zu funktionieren. Sie haben in den vergangenen sechs Jahren am ersten Spieltag immer getroffen.

Interessant, nicht wahr? Ich bin immer bis in die Haarspitzen motiviert, wenn ich aus einer Vorbereitung komme. Das ist so, als würde man einem Wildpferd das Gatter zur Koppel aufstoßen: Erst scharrt es mit den Hufen und dann rennt es voller Freude los.

In der Rückrunde brauchten Sie dafür immer Zeit, um ins Galoppieren zu kommen. Nur ein einziges Mal haben Sie am ersten Spieltag nach der Winterpause getroffen.

Ist das so? Dann sollte ich das diesmal ändern.

Sie haben bisher sechs Treffer erzielt und zwei Tore vorbereitet. Nie waren Sie in eine Bundesliga-Hinrunde erfolgreicher. Aber so wahrgenommen hat das kaum jemand.

Entscheidend ist doch, wie unser Erfolg als Mannschaft gesehen wird. In Bezug auf meine eigene öffentliche Wahrnehmung ist es gerade wieder etwas wie damals, als ich 2010/11 in Mainz gespielt habe: Ich habe zehn Tore in der Saison geschossen, aber alle haben nur über die Mainzer „Bruchweg-Boys“ gesprochen – Schürrle, Holtby, Szalai. Von mir hat niemand groß Notiz genommen. Dabei hatte ich nach Schürrle die meisten Tore geschossen.

Hat Sie das genervt?

Ein bisschen schon. Jeder will gesehen und anerkannt werden, das ist doch menschlich.

Sind Sie ein Spieler, den man unterschätzt?

Auf dem Platz wäre das ja eher hilfreich, denn dann könnte ich noch mehr aus meinen Möglichkeiten machen (lacht). Aber eigentlich ist es für mich nicht so wichtig. Nur wenn es sportliche Auswirkungen hat, nervt es mich extrem.

Sie standen in der Hinrunde nur neun Mal in der Startelf.

Da ist noch Luft nach oben, ganz klar. Ich gebe im Training alles, um mir jetzt meinen Stammplatz zu erobern und ihn zu behalten. Das habe ich mir fest vorgenommen für die Rückrunde. Aber natürlich entscheidet der Trainer und das ist auch völlig in Ordnung so.

Sie wurden vom Angreifer zum Mittelfeldspieler umgeschult. Sehen Sie sich mittlerweile auch so oder noch als Stürmer?

Es geht nicht darum, wie ich mich sehe, sondern welche Aufgabe ich vom Trainer bekomme. Natürlich musste ich auf der Flügelposition lernen, auch die Defensivarbeit nicht zu vernachlässigen. Aber ich bin im Herzen immer Stürmer und interpretiere meine neue Rolle auch entsprechend offensiv.

Wenn über Herthas Sturm der Zukunft gesprochen wird, geht es vor allem um Adrian Ramos und Pierre-Michel Lasogga. Denken Sie manchmal: Hey Leute, ich bin auch Stürmer? Was ist mit mir?

Jetzt spielen wir erst einmal die Rückrunde. Alles andere ist weit weg. Ich bin sicher, die Verantwortlichen kennen meine Qualitäten. Ob ich in Zukunft wieder als Stürmer eingeplant werde wird sich zeigen. Und ich hoffe persönlich sehr, dass Adrian bleibt. Es ist für mich eine absolute Freude mit ihm zusammen zu spielen.

Sie haben mit Hertha eine starke Hinrunde gespielt. Dennoch weiß man vor einer Rückrunde ja nie wirklich, wo man steht...

Wir haben eine gute Hinrunde gespielt, aber das heißt nichts. Wir haben erst Halbzeit. Wir müssen das jetzt schnell wieder Fahrt aufnehmen. Wenn wir uns auf dem Erreichten ausruhen, werden wir einbrechen.

Sie haben in Mainz 2010/11 erlebt, wie man nach einer starken Hinrunde nicht einbricht. Damals wurden Sie Fünfter. Was war das Erfolgsrezept?

Wir haben damals einfach so weitergespielt, als wäre nichts gewesen. Wir standen zur Winterpause auf Platz zwei und haben dennoch nicht an den Europapokal gedacht. Bei Hertha werden wir das jetzt auch so machen: Wir holen uns jetzt erst einmal die nötigen Punkte für den Klassenerhalt. Wenn wir Mitte/Ende März 40 Punkte auf dem Konto haben, dann können wir uns ein neues Ziel setzen. Vorher nicht. Wichtig ist, dass wir in den ersten zwei, drei Spielen wieder richtig ins Rollen kommen. Dann ist vieles möglich.

Wird Frankfurt nach dem 1:6 im Hinspiel mit reichlich Wut im Bauch ins Spiel gehen?

Ich hatte schon Kontakt nach Frankfurt. Die sind richtig heiß auf uns. Die wollen Revanche für das 6:1 (lacht). Das kann ich verstehen: Hätte ich sechs Gegentore im Hinspiel gefangen, wäre ich auch darauf aus, diese Pleite zu korrigieren.

Täuscht der Eindruck, dass der Trainer zuletzt besonders oft geschimpft hat?

Wissen Sie, Jos Luhukay hat eine Gabe: Er kann Dinge voraussehen. Wenn er das Gefühl hat, dass er uns härter rannehmen muss, dann wird das auch richtig sein. Aber intern hat er uns auch gezeigt, was wir alles gut gemacht haben in der Hinrunde. Er hat uns vorgeführt, was wir draufhaben. Das motiviert und gibt Mut.

Duzen Sie Luhukay eigentlich? In Mainz hat sich Ihr damaliger Trainer Thomas Tuchel ja duzen lassen.

Nein, auf keinen Fall. Tuchel war selbst noch sehr jung und ein Kumpeltyp. Aber ich würde nie auf die Idee kommen, Jos Luhukay zu duzen.

Aber er duzt Sie Spieler doch, oder nicht?

Ja. Aber das ist etwas anderes: Das ist wie in der Schule: Wir sind seine Schüler, und er ist der Lehrer, vor dem man entspechend Respekt hat. Wenn Luhukay etwas sagt, hören alle ganz genau zu. Und genau so soll es auch sein. Er wird uns weiter zum Erfolg führen.