Bundesliga

Hertha BSC mit den Stärken des Chamäleons

Nach dem 1:0-Erfolg gegen Mönchengladbach liegt der Berliner Bundesliga-Aufsteiger auf Champions-League-Kurs. Das Team von Trainer Jos Luhukay ist mittlerweile auch taktisch anpassungsfähig.

Foto: Ole Spata / dpa

Das Ändern der eigenen Farbe haben unter den Landbewohnern die Chamäleons exklusiv. Je nach äußeren Bedingungen wechseln die Baumläufer ihren Anstrich. Mal gelb, mal grün, mal schwarz und wieder rot. Modische Gründe dafür wurden bislang nicht erforscht. Als erwiesen aber gilt, dass der Kleiderwechsel eine Form der Kommunikation darstellt. Die Bereitschaft zur Balz zum Beispiel lässt sich damit hervorragend signalisieren. Vor allem aber bei Gefahr wird farblich rasant umdisponiert.

Es ist nicht überliefert, ob Jos Luhukay ein Fan jener wechselhaften Kriechtiere ist. Bei der Partie gegen Borussia Mönchengladbach aber bediente sich der Cheftrainer von Hertha BSC am Sonnabend der Chamäleon-Methode und legte seiner Mannschaft gleich zwei Kleider zurecht.

Das verriet Abwehrspieler Sebastian Langkamp am Morgen nach dem viel umjubelten 1:0-Erfolg gegen die Borussen: „Der Trainer hatte zwei Pläne“, erklärte der 25-Jährige. „In den ersten Minuten sollten wir offensiv richtig Druck machen, um den Gegner zu verunsichern. Wenn wir aber merken, dass Gladbach sich nicht verunsichern lässt und gefährlich kontert, sollten wir uns nach 15 Minuten zurückziehen und die Räume eng machen.“

Kehrtwende im Olympiastadion

Die Gefahr, in einen der schnellen Konter des Teams von Ex-Hertha-Trainer Lucien Favre zu laufen, war für Hertha der Auslöser, den ersten Anstrich schnell zu überdenken und den zweiten zutage treten zu lassen. „Als wir spürten, dass Borussia ballsicher bleibt und schnell umschaltet, haben wir von einem 4-2-3-1 zu einem 4-1-4-1 umgestellt, um defensiv gegen zu pressen“, erklärte Luhukay.

Die Idee war nun, vor Abräumer Hajime Hosogai eine kompakte zweite Viererkette aufzubauen, um so mittels eines stabilen Mittelfeldblocks Zuspiele auf die schnellen Gladbacher Angreifer Raffael und Max Kruse zu unterbinden. Der Plan ging auf. Hertha ließ nun kaum noch gegnerische Chancen zu, erzielte auf der Gegenseite nach einem Freistoß von Per Skjelbred das Führungstor durch Adrian Ramos und schnürte den Defensivverbund im zweiten Durchgang immer enger, sodass Mönchengladbach zu keiner echten Tor-Gelegenheit mehr kam.

„Der Schlüssel zum Erfolg war eine kollektive Abwehrleistung“, sagte Luhukay. Das ist insofern erstaunlich, hatte der Niederländer seinem Team doch bei den bisherigen Auftritten vor eigenem Publikum einen Aufsteiger-untypischen Hurra-Fußball verordnet, der maßgeblich durch Offensivaktionen geprägt war.

Gegen Mönchengladbach aber waren die Bedingungen andere, und Luhukay vollzog eine Kehrtwende: „Diesmal wurde zum ersten Mal für alle sichtbar, dass wir auch defensiv stabil stehen können. Auch das kann zum Erfolg führen“, sagte der 50-Jährige.

Trainer Luhukay will die Euphorie der Fans nicht bremsen

Nach dem vierten Sieg im fünften Heimspiel klettert Hertha nun also auf Tabellenplatz vier, der am Ende der Spielzeit bekanntlich zur Qualifikation für die Champions League berechtigt.

Dass das Überholmanöver gegen den bisherigen Tabellenvierten aus Mönchengladbach funktionierte, lag maßgeblich daran, dass die Blau-Weißen nunmehr die Fähigkeit besitzen, innerhalb eines Spiels einen Strategiewechsel umzusetzen und sich dem Gegner taktisch anzupassen. „Die Mannschaft ist sehr schnell in der Bundesliga angekommen. Das ist beeindruckend“, sagte Luhukay.

„Sie hat bisher immer offensiv ihre Qualität gezeigt. Nun zeigt sich auch ihre defensive Stabilität. Das spricht für die Reife der Mannschaft und darauf bin ich stolz.“ Deshalb stehe der Aufsteiger nun überraschend auf Tabellenplatz vier.

Aus dem abendlichen Olympiastadion schwappten am Sonnabend Gesänge vom Europapokal herüber. Und Luhukay sieht keinen Grund, die Euphorie der Anhängerschaft zu bremsen. „Die Chemie zwischen Mannschaft und Fans ist gefestigt“, sagte der Trainer.

Hoffen auf ein Wunder in München

„Das ist jetzt eine schöne Momentaufnahme, die wir zwei Tage lang genießen können. Wichtig ist nur, dass wir die Realität nicht verlieren.“ Diese Realität soll in Berlin trotz Platz vier zwar weiter Abstiegskampf heißen, doch sie geht darüber hinaus: „Wir haben mit Hertha ein großes Ziel, und das ist nicht nur der Klassenerhalt. Wir wollen den Verein in den nächsten drei Jahren auf stabile Füße stellen“, sagte Luhukay.

Hertha ist nach neun Spieltagen der aktuellen Saison auf einem guten Weg dorthin und hat dazu am Sonnabend etwas über sich selbst gelernt: „Wir haben mit diesem Spiel taktisch einen Schritt nach vorn gemacht“, befand Langkamp. „Es ist gut zu sehen, dass wir auch gegen so ein Top-Fünf-Team defensiv bestehen können.“

Aus Sicht der Berliner ist das eine beruhigende Erkenntnis, denn das Programm für die nächsten Wochen hat es in sich: Bevor es gegen Schalke, Hoffenheim und Leverkusen geht, reisen die Blau-Weißen am Sonnabend zum Deutschen Meister FC Bayern. Die Münchner haben zuletzt 14 Heimspiele in Serie gewonnen und sind seit 34 Partie ungeschlagen.

„Wir sollten da aber nicht hinfahren und die Hosen voll haben“, sagte Torwart Thomas Kraft, der bis 2011 in München spielte. Vielmehr könne man nun mit viel Selbstvertrauen anreisen.

Und dennoch sagt Jos Luhukay: „Für uns wäre es ein Wunder, da etwas mitzunehmen.“ Überraschend ist das nicht. Denn das Chamäleon ist schließlich auch ein Meister der Tarnung.