Bundestagswahl

Warum Hertha-Torwart Thomas Kraft CDU wählt

Wenn Hertha BSC in Freiburg spielt, wird in Deutschland der neue Bundestag gewählt. Im Interview spricht Torwart Thomas Kraft über Parteiprogramme, Demokratie im Team und Herthas Fünf-Prozent-Hürde.

Foto: Frank Hoermann/SVEN SIMON / picture alliance / Sven Simon

Müsste man den Fußballprofis von Hertha BSC politische Ämter zuordnen, käme Thomas Kraft wohl für das des Verteidigungsministers in Frage. Mit 20 Paraden belegt der 25-Jährige Rang sechs der Torhüter-Statistik in der Bundesliga, gegen Hamburg rettete er den Berlinern mit zahlreichen Glanztaten den letzten Sieg.

Und wie ein Politiker nimmt der gebürtige Pfälzer im Team Verantwortung. Am heutigen Sonntag muss er mit Hertha beim SC Freiburg antreten (15.30 Uhr, Sky). Zeitgleich wird in Deutschland der neue Bundestag gewählt. Für Kraft eine wichtige Angelegenheit.

Berliner Morgenpost: Herr Kraft, Sie spielen heute mit Hertha in Freiburg und können also in Berlin nicht Ihre Stimme zur Bundestagswahl abgeben. Wie wählen Sie?

Thomas Kraft: Eigentlich bin ich Wähler und wollte auch wählen gehen. Als ich die Post zur Briefwahl vor einigen Wochen bekommen habe, stand der Termin für das Spiel in Freiburg noch nicht fest. Und weil ich unbedingt selbst zur Wahl gehen wollte, habe ich die Briefwahl leider im vorgeschriebenen Zeitrahmen nicht beantragen können.

Welche Partei hätten Sie denn gewählt?

Ich bin schon immer ein Fan der CDU. Von ihrer Arbeit und der Entwicklung der letzten Jahre bin ich überzeugt. Natürlich ist – wie ja auch im Fußball – nicht immer alles richtig, was gemacht wird. Trotzdem hätte ich ganz klar die CDU gewählt.

Wie gefällt Ihnen die Arbeit der Bundeskanzlerin Angela Merkel?

Ich finde, dass die Kanzlerin in den bisherigen Amtszeiten richtig gute Arbeit geleistet hat. Sie repräsentiert Deutschland in der Welt und ist auch in schwierigen Phasen präsent. Das gefällt mir.

Welche Partei wäre für Sie nie wählbar? Als passionierter Autofahrer kämen die Grünen, die ein generelles Tempolimit auf Autobahnen fordern, wahrscheinlich nicht in Frage?

(lacht) Es gibt viele Parteien, deren Programminhalte ich nicht akzeptieren kann. Bei den Grünen ist es nicht unbedingt das Tempolimit, das mich stört. Einige Dinge finde ich sogar sehr gut.

Zum Beispiel?

Ich bin jemand, der sich sehr für Tiere einsetzt. Oder wenn es darum geht, dass wir verschwenderisch sind und die Umwelt zerstören. Das sind Dinge, die mir wichtig sind.

Aber Sie wählen CDU. Würden Sie sich als konservativ bezeichnen?

Ja. Das hat sich im Zuge meiner persönlichen Entwicklung so herausgestellt. Durch das, was mir von zu Hause mitgegeben wurde und was mir in meinem bisherigen Leben passiert ist, würde ich mich als konservativen Menschen bezeichnen.

Würden Sie sich selbst auch als politischen Menschen bezeichnen?

Ich hatte kürzlich ein interessantes Gespräch mit Guido Westerwelle (Außenminister und FDP-Politiker, d. Red.). Aber ich würde mich nicht als Experten bezeichnen. Bei mir hat sich das politische Interesse erst in den letzten Jahren entwickelt. Das möchte ich in Zukunft aber verstärken.

Wie ist es in der Hertha-Kabine? Wird da über Politik gesprochen?

Es wird schon über Politik gesprochen. Es sind einige Spieler dabei, für die die Wahl ein großes Thema ist. Aber auch Konflikte im Ausland werden diskutiert.

Haben Sie mit Änis Ben-Hatira und Sami Allagui über die Krise im Land ihrer Eltern Tunesien gesprochen?

Zum Beispiel. Aber auch darüber, was in Syrien oder Ägypten passiert. Das ist bei uns in der Kabine ein Thema. Auch Fußballer sprechen über Politik.

Gehen alle Teamkollegen so offen mit ihren politischen Sympathien um wie Sie?

Bei den Kollegen, von denen ich weiß, dass sie wählen, weiß ich auch, wie sie wählen. (lacht)

Ihr Trainer Jos Luhukay wird der „kleine General“ genannt. Bei Bayern München hatten Sie mit Louis van Gaal ebenfalls einen Trainer, der klar vorgab, wo es langgeht. Liegen Ihnen solche Führungspersönlichkeiten?

Ich finde gut, wenn jemand in solch einer wichtigen Position wie der des Trainers Autorität ausstrahlt. Mir gefallen Anführertypen. Bisher hatte ich viele Trainer, die so gearbeitet haben, und auch mein jetziger macht das hervorragend.

Die Hierarchien in Fußballmannschaften sind flacher geworden. Wie viel Demokratie ist gut für ein Team und wann schadet sie?

Man sollte als Mannschaft darauf achten, dass ein gutes Miteinander herrscht. Das bedeutet, dass man auch mal auf jemanden hört, der in der Hierarchie nicht ganz so weit oben steht. Ein Gleichgewicht ist wichtig. Aber es muss auch Spieler geben, die eine Richtung vorgeben. Bei denen sich die anderen – ich will nicht sagen fügen –, aber mit denen sie mitgehen müssen.

Das wäre eine Parallele zur Politik, auch dort gibt es ja Anführer und Mitläufer. Sehen Sie noch andere Parallelen zwischen der Welt der Politik und des Profifußballs?

Die fast tägliche, öffentliche Bewertung der abgelieferten Leistung. Ich glaube, es gibt wenige Berufe, bei denen das so extrem ist wie bei Politikern und Fußballprofis beziehungsweise -trainern.

Können Sie damit gut umgehen?

Ich habe damit kein Problem. Es ist wichtig, nicht alles zu nah an sich ranzulassen. Und ehrlich gesagt bekomme ich gar nicht alles mit, was geschrieben wird.

Könnten Sie sich eine politische Karriere nach dem Fußball vorstellen?

In die Politik geht man meist schon in jungen Jahren und arbeitet sich nach oben. Ich habe immer Fußball gespielt und nicht an eine politische Karriere gedacht. Jetzt ist zwar ein Interesse für Politik da, aber ich kann mir das nicht vorstellen. (überlegt) Obwohl es natürlich interessant wäre...

...weil Sie wie im Fußball die Entwicklung von etwas Größerem mitgestalten könnten?

Zum Beispiel. Aber genauso gut könnte ich das auch in einer Firma machen. Von daher...

Zum Sportlichen. Es stehen jetzt drei Spiele in sieben Tagen an. Kann man danach schon eine erste Hochrechnung machen, wo Hertha steht?

Es ist sicherlich eine wichtige Woche für uns. Wir können mit zwei Siegen in den Bundesligaspielen eine sehr gute Ausbeute erzielen und im DFB-Pokal weiterkommen. Aber wir machen uns auch keine Gedanken, wenn wir dreimal verlieren. Wir haben bisher eine starke Saison gespielt, auch wenn wir gegen Stuttgart unglücklich verloren und in Wolfsburg Lehrgeld bezahlt haben. Aber das ist normal für einen Aufsteiger. Davon sollten wir uns nicht beirren lassen.

Ist eine Erkenntnis aus den beiden letzten Niederlagen, dass ein Reifeprozess einsetzen muss?

In Wolfsburg waren es drei bis vier Minuten, die uns das Genick gerochen haben. Gegen Stuttgart konnten wir aus unseren Chancen kein Kapital schlagen. Daraus müssen wir lernen. Auch, dass es in der Zweiten Liga anders zugeht als in der Bundesliga. Da macht der Gegner auch mal aus einer einzigen Chance ein Tor und gewinnt das Spiel.

Luhukay hat im vergangenen Jahr prophezeit., dass Ihnen die Zweite Liga gut tun würde. Weil Sie dort weniger Bälle aufs Tor bekommen, würden Sie Ihre Konzentrationsfähigkeit verbessern. Sind Sie heute ein besserer Torwart?

Ich wurde oft darauf angesprochen, inwiefern die Zweite Liga positiv für mich ist. Das klingt natürlich erst mal komisch. Aber es stimmt: Gerade die Konzentration war dort besonders wichtig. Insgesamt kann man sagen: Jedes Spiel bringt dich weiter, eigentlich egal, in welcher Liga.

Verzweifelt man eigentlich als Torwart bei einem Spiel wie gegen Stuttgart, wenn man von hinten mit ansehen muss, wie der Ball nicht reingeht?

Wer mich kennt, weiß, dass ich bei so etwas nicht besonders wohlwollend bin (lacht). Das ärgert mich gewaltig – und wenn man am Ende das Spiel verliert umso mehr. In der Bundesliga ist die Qualität am Ende entscheidend. In der Zweiten Liga hätten wir das Spiel gegen Stuttgart wahrscheinlich mit 4:1 gewonnen.

Schafft Hertha BSC am Ende die Fünf-Prozent-Hürde, sprich den Verbleib in der Bundesliga?

Wenn ich mir die Entwicklung der Mannschaft anschaue, bin ich ziemlich überzeugt davon, dass wir das schaffen können.