Wenn Brüder sich verstehen, kann das zu schönen Dingen führen: zu umfangreichen Märchensammlungen zum Beispiel (die Brüder Grimm), oder preisgekrönten Filmen (die Coen-Brüder). Ja, manchmal kann das sogar zum Gewinn einer Fußball-WM beitragen (Fritz und Ottmar Walter 1954). Verstehen sich Brüder aber nicht, kann es hässlich werden: Wir erinnern uns an Kain und Abel.

Die brasilianischen Fußballprofis Ronny, 27, und Raffael, 28, gelten als ziemlich harmonisches Brüderpaar. Als sie zwischen 2010 und 2012 gemeinsam für Hertha BSC spielten, resultierte daraus dennoch wenig Erinnerungswürdiges (Hertha stieg auf und wieder ab).

Dafür ist auch nicht davon auszugehen, dass heute Abend die Fetzen fliegen, wenn Raffael erstmals mit seinem neuen Klub Borussia Mönchengladbach nach Berlin zurückkehrt (18.30 Uhr/im Liveticker bei immerhertha.de) und auf Ronny trifft, der weiter für die Blau-Weißen spielt.

Nur die Geschwisterliebe muss vorerst gestundet werden: „Auf dem Platz können wir uns keine Sentimentalitäten erlauben. Wir wollen beide mit unseren Klubs erfolgreich sein“, sagt Ronny. Und sein etwas mehr als ein Jahr älterer Bruder Raffael findet: „Das ist sicher eine besondere Situation.“

Ähnliche Ausbeute in der Liga

Doch an der schönen Erzählung zweier Brüder, die nicht mehr Partner, sondern Gegner sind, gibt es einen Haken: Denn wahrscheinlich ist, dass es gar nicht zum Bruderduell kommen wird. Zumindest nicht von Beginn an. Während Raffael sich mit vier Toren und einer Vorlage einen festen Platz im Team des ehemaligen Hertha-Trainers Lucien Favre erspielt hat, dürfte sich Ronny trotz seiner ähnlichen Ausbeute (drei Tore/eine Vorlage) vorerst mit der Ersatzbank begnügen müssen.

Dessen Trainer Jos Luhukay scheint für die Rolle des Spielgestalters im Zentrum Änis Ben-Hatira zu bevorzugen. Eher kommt es im Falle einer Einwechslung Ronnys zum verspäteten Bruderduell.

Luhukay hat beide, Ronny und Raffael, vor der Partie als diejenigen Spieler gelobt, die „etwas extra dazupacken und damit das Spiel entscheiden können“. Beide gelten als Ballkünstler mit der Fähigkeit zum Besonderen.

Doch während Raffael seit seinem Wechsel von Dynamo Kiew im Sommer für fünf Millionen Euro unter Favre zu einem Schlüsselspieler bei den Fohlen avancierte, zögert Luhukay seit dem Aufstieg immer noch, Ronny überhaupt in die Startelf zu stellen (dreimal bei acht Einsätzen).

Das Aufeinandertreffen wird daher gleichsam zur Parabel dafür, dass zwei ähnlich veranlagte Profis ganz unterschiedliche Karrieren einschlagen können, dass zwei Brüder ungleich geraten können. Aber wie konnte es dazu kommen?

Lucien Favre als Wegbereiter

Raffael hatte das Glück, dass seine Karriere maßgeblich mit einem Mann verknüpft ist, dessen Entwicklung ständig nach oben zeigte: Lucien Favre. Der Schweizer Coach entdeckte ihn 2005 beim FC Chiasso, holte ihn zum FC Zürich und vertraute ihm danach ebenso bei Hertha wie nun wieder bei der Borussia. Ohne Favre scheiterte Raffael in der Ukraine, wohin er 2012 wechselte und nur neun Spiele bestritt.

Ronny dagegen suchte einen solchen Förderer lange vergebens. Von Brasilien wechselte er 2005 zu Sporting Lissabon, kam aber nur sporadisch zu Einsätzen und wurde 2009 zum Provinzklub União Leiria ausgeliehen.

Dort wollte man ihn mit einem neuen Sportwagen zum Bleiben bewegen, doch er lehnte ab und wechselte zu Hertha, wo weder Markus Babbel, noch Michael Skibbe oder Otto Rehhagel dauerhaft auf ihn setzten. Erst Luhukay ließ ihn im vergangenen Zweitligajahr fast immer spielen.

„Ich bin vielleicht etwas sprintstärker. Ronnys große Stärke sind die Standards“, vergleicht Raffael. Und darin steckt eine tiefere Wahrheit. Denn Raffael kommt im Gegensatz zu Ronny die Entwicklung im modernen Fußball der vergangenen Jahre zugute.

Die Entwicklung im modernen Fußball kommt Raffael zugute

Schon als er 2007 in Berlin ankam, fragten sich viele, welche Position der Brasilianer eigentlich spiele. Ein Stürmer war er nicht, aber auch kein klassischer Zehner. Favre nannte ihn einen „Neuneinhalber“, meinte einen Akteur zwischen Angriff und Mittelfeld und war damit seiner Zeit voraus.

Heute haben sich Spieler wie Mesut Özil und Mario Götze auf jener Position etabliert, und Raffael ist auf der Höhe der Zeit. Ronny dagegen wirkt oft wie ein Spielmacher-Exemplar aus längst vergangenen Zeiten: Wenn er den Ball viel zu lang hält wie Zinedine Zidane Ende der 90er Jahre, damit das Spiel langsam macht und Probleme in der Rückwärtsbewegung hat. Dies ist ein weiterer Grund dafür, dass an ihm gezweifelt wird.

Letztlich aber kommt auch ein Erklärungsansatz dazu, der schon oft herhalten musste, aber immer noch Bestand hat: die unterschiedliche Professionalität beider Brüder. Während Raffael stets bewusst lebte, neigte Ronny meist zum Schlendrian.

Eine Wette für den guten Zweck

Im Sommerurlaub in der Heimat trainierten beide mit Individualtrainern, um sich für die Bundesliga fit zu halten. Doch während Raffael abends schlafen ging, soll Ronny um die Häuser gezogen sein und kam mit schlechten Fitnesswerten zurück nach Berlin.

Es sind also unterschiedliche Ausgangslagen für Ronny und Raffael heute Abend und dennoch wird im Zusammenspiel der beiden Brüder etwas Schönes entstehen: Beide haben auf den Sieg des jeweils eigenen Teams gewettet. Der Verlierer zahlt einhundert Hilfspakete für Bedürftige in Brasilien.