Herthas Manager Michael schaute kurz in die Runde. Sechs Kameras und die Augen von gut 30 Journalisten waren auf ihn gerichtet. Die Frage nach Platz eins hatte er erwartet. Seine Antwort kam schnell, wie ein Stakkato. Hauptsatz an Hauptsatz. Jedes Wort sollte sitzen. Ob die Tabellenführung Last oder Lust für die Blau-Weißen sei, wurde er gefragt. „Die Tabelle hat keine Aussagekraft.
Wir haben drei Punkte und plus fünf Tore. Das zählt. Mehr nicht.“ Realismus hat sich Hertha vor der Saison verordnet und weicht nicht von dieser Linie ab. Vor dem Auswärtsspiel gegen den 1. FC Nürnberg am Sonntag (15.30 Uhr/Liveticker bei immerhertha.de) verbietet sich Hertha das Träumen.
Neben dem Manager saß Trainer Jos Luhukay. Er schaute ernst. Die Miene passte so gar nicht zu Platz eins. Noch vor fast einer Woche hatte er direkt nach dem 6:1 über Frankfurt am ersten Spieltag der Bundesliga noch geschwärmt: „Das ist ein wunderschöner Tag für Berlin, für unsere Fans und meine Mannschaft. Das ist fast wie ein Traum.“ Der Niederländer neigt eigentlich nicht zu ausschweifenden Lobeshymnen. Aber schon am nächsten Tag war für ihn alles vorbei. Er schaute sich DVDs mit Spielen der Nürnberger an.
Luhukay muss Abwehr umbauen
„Es war überhaupt nicht schwierig, mein Team auf dem Boden zu halten“, sagte Luhukay. Es waren auch nur wenige Profis in Berlin geblieben. Sechs Spieler waren gleich nach der Partie zu ihren Nationalmannschaften gereist. Dann verabschiedeten sich am Mittwoch auch noch Marcel Ndjeng und Johannes van den Bergh verletzt aus dem Training. „Ich habe nur mit einer kleinen Gruppe trainiert. Das war wirklich eine komplizierte Woche. Erst einen Tag vor dem Spiel kann ich zwei vollständige Mannschaften gegeneinander spielen lassen“, sagte der 50-Jährige.
Die ohnehin schon suboptimale Spielvorbereitung verschärfte sich noch durch Verspätungen bei der Rückreise der Nationalspieler. Sami Allagui und Änis Ben-Hatira, die auf den Außenbahnen gegen Frankfurt eine sehr gute Partie abgeliefert haben, kamen erst am Freitagmorgen von der tunesischen Nationalmannschaft zurück. Flugverspätungen führten dazu, dass beide am Donnerstag kurz vor Mitternacht in Paris strandeten und sich ein Hotelzimmer nehmen mussten. „Sie konnten ein langes Gespräch miteinander führen“, meinte Luhukay und grinste.
„Aber da können sie nichts dafür.“ Der Trainer arbeitet akribisch an jedem Detail der Spielvorbereitung. Da passen unplanbare Ereignisse wie Verspätungen und auch die Außenbandverletzung, die sich Hany Mukhtar bei der U19 holte, überhaupt nicht ins Konzept. Der 18-Jährige fällt zwei bis drei Wochen aus.
Einzig John Anthony Brooks hatte Grund zur Euphorie. Erst das Bundesligadebüt mit Tor am Sonnabend und dann beim ersten Einsatz mit dem US-Nationalteam ein 4:3. „Das ging alles so schnell. Das hätte ich nie geglaubt, wenn mir das einer vor zwei, drei Monaten gesagt hätte“, erzählte der erst 20 Jahre alte Innenverteidiger strahlend. Aber auch Brooks machte keine Sekunde den Eindruck, er würde den Boden unter den Füßen verlieren.
Kobiashvili hofft auf Einsatz
Schon am Sonntag wird er in Nürnberg einen anderen Mitspieler links neben sich haben. Johannes van den Bergh fällt mit einem Muskelfaserriss zwei Wochen aus. Während sich der Trainer auf der rechten Seite sehr schnell auf Peter Pekarik als Ersatz für Marcel Ndjeng festlegte, hält er sich auf links noch alle Optionen offen: „Da muss ich noch nachdenken. Das werde ich erst am Mittag vor dem Spiel entscheiden.“ Die Gedanken des Coaches kreisen um eine Alternative für van den Bergh und nicht um die Tabellenführung.
Luhukay hat die Wahl zwischen dem sehr offensiv ausgerichteten Nico Schulz und dem eher defensiv agierenden Fabian Holland. Die dritte Option ist Levan Kobiashvili, der für den Trainer eine Mischung aus Vorwärtsorientierung und Stabilität verkörpert.
Der 36 Jahre alte Georgier hat mit 336 Partien die meiste Bundesliga-Erfahrung im Kader. Eine Rückkehr auf den Platz wäre für ihn auch eine Art Rehabilitierung. Nach einem angeblichen Schlag gegen Schiedsrichter Wolfgang Stark in der Relegation gegen Düsseldorf wurde er für sieben Monate gesperrt. Der Abwehrspieler machte immer deutlich, dass er sich so nicht aus der Ersten Liga verabschieden wolle und deshalb seine Karriere nicht nach der Strafe beendet hatte.
Gute Erinnerungen
„Für mich ist jetzt nicht wichtig, ob nun ich oder ein anderer spielt. Ich mache meine Arbeit wie immer. Natürlich wäre ich glücklich, wenn es am Ende mit einem Einsatz klappt“, sagte Kobiashvili nüchtern. Platz eins ist für ihn nur zweitrangig. „Ich nehme aus der ersten Partie vor allem unsere Spielfreude mit. Ansonsten ist das aber schon vergessen. Gegen Nürnberg wird das ganz anders als gegen Frankfurt. Ich erwarte sie so heimstark wie im vergangenen Jahr.“
Die bundesweiten Reflexe, nach der überraschenden Tabellenführung wieder die überhebliche Hertha zeigen zu wollen, kontern die Berliner mit Realismus. Dabei wäre es ein Einfaches, in der Geschichte eine ähnliche Situation hervorzuholen. Im Frühjahr 2003 gewannen die Berliner daheim zuletzt mit sechs Toren in der Bundesliga. Danach ging es auch nach Nürnberg, wo Hertha 3:0 siegte. Michael Preetz weiß das. Er schoss damals das 1:0. Aber er weiß auch, dass das Geschichte ist. Platz eins in der Bundesliga gibt es für die Berliner in den nächsten Jahren höchstens zu Saisonbeginn.
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