Bundesliga

Hertha BSC gewinnt national und international an Kontur

Mehr Sponsoren, mehr Einfluss in der DFL, mehr Kontinuität: Der Hauptstadt-Klub verbessert auch abseits des Spielfeldes seinen Ruf. Doch bei den Fans ist noch Überzeugungsarbeit zu leisten.

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Der spektakuläre Saisonstart von Hertha BSC hat viele Facetten. So ist am Tag nach der sensationell anmutenden Tabellenführung in der Bundesliga die Zahl der verkauften Dauerkarten auf 19.200 geklettert. Zehn Tage vor dem nächsten Heimspiel im Olympiastadion gegen den Hamburger SV sind bereits 40.000 Karten abgesetzt. Es gab reichlich nationale Schlagzeilen.

Die „Welt“ schrieb: „Das Wunder von Berlin“. Die Frankfurter Allgemeine titelte: „Der Bär ist los“. Die Überschrift bei stern.de hieß: „Hertha-Comeback für die Geschichtsbücher“, Spiegel Online schrieb: „Krasse Ansage“. Auch international sorgte das 6:1 gegen Eintracht Frankfurt für Aufsehen.

Der „Guardian“ in London widmete Hertha erstmals seit Jahren einen großen Text: „Rückkehr mit Paukenschlag beschert dem Trainer eine schlaflose Nacht“.

Mittlerweile schläft Jos Luhukay wieder besser. Zumal die Hertha-Geschäftsführung dem Coach seit Wochen positive Nachrichten von der wirtschaftlichen Seite vermelden kann. Zunächst war der Vertrag mit Hauptsponsor Bahn verlängert worden. Im Sommer hatten mehrere Exklusiv-Partner (Audi, Coca-Cola) sich für weitere drei Jahre an Hertha gebunden. Dazu gab es mit zwei neue Exklusiv-Partner (Verivox und DirectLine) sowie mehrere neue Partner. Außergewöhnlich war die vorzeitige Verlängerung mit Ausrüster Nike um gleich zehn Jahre von 2015 bis 2025.

Auffällig dabei ist, dass der Hauptstadt-Klub trotz zweier Abstiege in den drei zurückliegenden Jahren kaum einen Sponsor verloren hat. „Wir sind sehr fair von unseren Partnern behandelt worden“, sagte Manager Michael Preetz.

Sponsoren legen Skepsis früher ab als einige Fans

„Wir freuen uns, dass sich das Vertrauen für die Sponsoren ausgezahlt hat. Und möchten, dass sie nun Teil von der positiven Entwicklung werden, die jetzt hoffentlich einsetzt.“ Die Fans sind da noch etwas skeptischer. Die 54.000 Zuschauer beim ersten Bundesliga-Spiel nach 15 Monaten Pause, davon 7000 Eintracht-Fans, stellten eine eindrucksvolle Kulisse. Aber nach wie vor gibt es Hertha-Anhänger, die die Enttäuschungen nicht vergessen haben.

Herthas Vizepräsident Thorsten Manske ordnet die Entwicklung so ein: „Ich verstehe die Zweifel. Aber es hilft uns als Verein, dass die Sponsoren, die rational über ihre Investments entscheiden, ihre Skepsis früher abgelegt haben als einige Fans.“

Der Hauptstadt-Klub will in dieser Bundesliga-Saison endlich realisieren, was seit Jahren nicht gelungen ist: eine schwarze Null zu erwirtschaften. Dazu gehört, dass die Zeiten des permanenten Not-Wirtschaftens vorbei sein sollen. Vorbei die Zeiten als Hertha in jenem Moment, in dem ein Vertrag mit künftigen Einnahmen unterschrieben war, die damit verbundene Summe sofort eingelöst hat, um aktuelle Löcher zu stopfen.

Schulden sinken auf 37,5 Millionen

Fast vorbei, genauer gesagt. Ein letztes Mal, so haben es sich die Verantwortlichen vorgenommen, wurde dies im Juni praktiziert. Da hat Hertha, wie Finanz-Chef Ingo Schiller der Morgenpost bestätigte, eine Summe von rund zehn Millionen Euro erlöst, für den Catering-Vertrag von 2014 bis 2020. Dieser Betrag wurde zur Reduzierung der Verbindlichkeiten verwendet. Zum 30. Juni 2013 sanken die Schulden auf etwa 37,5 Millionen Euro (Juni 2012: 42,3 Mio.). Keine Frage, das ist immer noch eine sehr hohe Belastung. Aber damit wird Hertha Auflagen der DFL erfüllen und reduziert zudem die Zinslast für die Schulden.

Millionen-Signingfee für Nike-Vertrag

Mit dem Zehn-Jahres-Vertrag mit Nike will Hertha nicht derart verfahren. Dem Vernehmen nach bekommt der Klub einen Unterschriftsbonus (signing fee), der im unteren einstelligen Millionen-Bereich liegt.

Der Vertrag ist stark erfolgsabhängig dotiert. Wenn Hertha permanent erstklassig spielt, hat der Kontrakt ein Volumen von mindestens 25 Millionen. Bei sportlich positiven ‚Ausreißern‘ sind Summen von 40 Millionen Euro möglich – oder mehr.

Dieser Vertrag soll jedoch nicht vorab beliehen werden, sondern im Rahmen der üblichen Einnahmen/Ausgaben-Rechnungen alljährlich gebucht werden.

Schiller: Hertha liegt besser als der Trend

Somit hat Hertha in diesem Sommer etwas, was der Verein schon lange nicht mehr hatte: Eine wirtschaftliche Situation, die zwar ernst ist, aber nicht mehr lebensbedrohlich. „Wir liegen mit Hertha besser als der Trend“, sagt Finanzchef Schiller zu den diversen Vertragsabschlüssen. Verschiedene Unternehmen trauen Hertha Nachhaltigkeit zu. Schau an, Hertha nimmt Konturen an. Dazu gehört die Wahl von Schiller in den Aufsichtsrat der Deutschen Fußball-Liga. Sein offizielles Statement dazu lautet: „Ich bringe mich ein, um die Liga weiterzuentwickeln.“ Aber dahinter steht auch die Absicht, den Stellenwert und das Ansehen von Hertha in Fußball-Deutschland zu verbessern.

Luhukay wird der neue Röber

Die „Süddeutsche Zeitung“ hat noch am Tag des Bundesliga-Startes fabuliert, vor der Verpflichtung von Jos Luhukay habe Hertha „längst nicht mehr wie ein Fußballklub gewirkt“, sondern wie „ein realsatirische Theaterprojekt.“ Die Einschätzung hatte der Klub mit seinem Doppel-Abstieg sowie den zahlreichen Trainer-Wechseln befördert.

Was bei dieser Betrachtung jedoch aus dem Blick gerät: Hertha setzt in 2013 fort, was eigentlich seit Jahren angestrebt wird: Kontinuität. Seit 2009 besteht die Führung aus Präsident Werner Gegenbauer und dem Präsidium sowie der Geschäftsführung Preetz, Schiller und Thomas E. Herrich. Doch der Hertha-Manager weiß: „Das A und O für die Entwicklung eines Vereines ist Kontinuität auf der Trainer-Position.“ Nicht zufällig fällt die erfolgreichste Ära der jüngeren Hertha-Historie damit zusammen, dass Jürgen Röber den Verein sechs Jahre lang von 1996 bis 2002 trainiert hat.

Aktuell stellt Preetz eine günstige Prognose: „Jos Luhukay identifiziert sich mit der Aufgabe in Berlin wie keiner seiner Vorgänger.“