Aufsteiger

Herthas Hierarchie verschiebt sich in der Bundesliga

Trainer Jos Luhukay besetzt beim Berliner Bundesligaaufsteiger die Achse neu und verändert damit das Machtgefüge in der Mannschaft. Am Mittag benennt der Niederländer den Kapitän für die neue Saison.

Foto: Annegret Hilse / pa/ Hils

Stammtorwart Thomas Kraft wird es nicht. Spielmacher Ronny nicht. Und Torjäger Adrian Ramos auch nicht. Überhaupt ist die Frage, wer der neue Kapitän von Hertha BSC wird, mittlerweile mit einer Bedeutung aufgeladen, die in keinem realen Verhältnis steht zu der Aufgabe.

Doch für die erhöhte Aufmerksamkeit hat Trainer Jos Luhukay gesorgt mit seiner Ankündigung: Er werde die gesamte Vorbereitung abwarten. Sich alle Spieler anschauen. Gespräche führen. Und erst in der Pressekonferenz vor dem ersten Pflichtspiel bekannt geben, wer in der kommenden Saison die Mannschaft aufs Feld führen wird.

Dieser Termin steht für den heutigen Freitag 13.30 Uhr an, da hat Hertha BSC zum Mediengespräch vor dem Erstrunden-Spiel im DFB-Pokal gegen den VfR Neumünster geladen (Liveticker bei www.immerhertha.de).

Die Kandidaten sind die gleichen wie in der vergangenen Saison. Im Zweitliga-Jahr hatte Kapitän Peter Niemeyer (29) auf und neben dem Platz einen guten Job gemacht. Als Stellvertreter waren der erfahrene Peer Kluge (32) oder Fabian Lustenberger (25) eingesprungen. Ein weiterer Aspirant ist Sebastian Langkamp (25), der als Neuer auf Anhieb den Sprung in die Startelf schaffen wird. Dazu verfügt der Innenverteidiger, ablösefrei vom FC Augsburg gekommen, über ein eloquentes Auftreten.

Es lassen sich für jeden der Genannten gute Gründe finden. Der Wunschkandidat wäre Kluge. Der geht in seine 15. Profi-Saison und hat mit seinen 218 Bundesliga-Einsätzen unterschiedlichste Bundesliga-Höhen und – Tiefen durchlebt. Intern hat sein Wort Gewicht. Allerdings fremdelt Kluge mit der medialen Seite des Kapitänsamtes.

Langkamp neuer Abwehrchef

Doch vorab muss Trainer Jos Luhukay eine grundsätzliche Entscheidung treffen: Steht sein Kapitän stets auf dem Platz? Oder hält es der Trainer mit dem Beispiel Dortmund? Dort hat Jürgen Klopp erneut Sebastian Kehl zum Kapitän bestimmt. Weil dessen Persönlichkeit wichtig ist für den Kader, selbst, wenn Kehl nur bei 19 der 34 Saisonpartien in der Startelf stand.

Doch egal, wie die Kandidaten-Kür ausgeht: Bei Hertha verändert sich gerade die Hierarchie. Die Verschiebungen werden am Beispiel von Niemeyer deutlich. Niemeyer war mit seiner robusten Spielweise eine natürliche Autorität in Liga zwei. Wenn er gefehlt hat, beklagte der Trainer die fehlende Balance im Team. Aber ihm geht es wie anderen Aufstiegshelden. Der Lorbeer aus der Rekordsaison ist verwelkt.

Für das anstehende Bundesliga-Jahr nimmt der Trainer tiefgreifende Änderungen vor. So wird es mit Langkamp einen neuen Abwehrchef geben. Welche Aufgabe der bisherige Chef, Fabian Lustenberger, übernimmt, wird sich von Situation zu Situation zu Situation ergeben. Hajime Hosogai, von Bayer Leverkusen nach Berlin gewechselt, wird den defensiven Part auf der Doppel-Sechs übernehmen. Vielleicht noch nicht am Sonntag im Pokal, aber sicher in der Bundesliga. Dafür wird Niemeyer seinen Posten räumen müssen.

Auf der Spielmacher-Position liegt derzeit Zugang Alexander Baumjohann klar vor Ronny, dem Publikumsliebling des vergangenen Spieljahres.

Wie gehen die Betroffenen mit Luhukays Entscheidung um?

Abwehrchef, Balleroberer, Spielmacher – damit ändert Luhukay die gesamte Achse bei Hertha. Im Morgenpost-Interview in der Steiermark ließ der Trainer bereits durchblicken: „Es wird Verschiebungen geben.“ Damit outet sich der Trainer als jemand, der nicht der Philosophie anhängt, niemals ein erfolgreiches Team zu verändern. Im Gegenteil.

Luhukay setzt mit der Integration der Neuen Reizpunkte, die die gesamte Mannschaft betreffen. Eine Folge der Personalpolitik: Ob Stamm in der Vorsaison oder namhafter Profi mit Bundesliga-Erfahrung – diese Aspekte beeindrucken Luhukay nicht. Er hat auf fast allen Positionen Optionen.

Interessant wird die Frage, wie die Betroffenen damit umgehen. Niemeyer wirkt in der sechswöchigen Vorbereitung fokussiert, aber in sich gekehrt. Spätestens mit dem Trainingsbeginn von Hosogai im Juli war Niemeyer klar, was die Stunde geschlagen hat. Selbst falls er Kapitän bleibt, wird er weniger spielen als in der Vorsaison. Öffentlich hat er wenig gesagt.

Und wenn, wie in einem Interview auf der vereinseigenen Homepage, hat Niemeyer den Team-Gedanken betont: „Über allem, was wir in der Spielzeit tun werden, steht das Wort Zusammenhalt. Das ist der Schlüssel zum Erfolg, nix anderes.“ Der bisherige Capitano wird weiter Einfluss haben.

Negativbeispiel Rensing

Manager Michael Preetz registriert sehr wohl die Veränderungen. Er sagt, dass sich dieses Thema nicht mit den Aufstellungen „im Pokalspiel gegen Neumünster oder am ersten Bundesliga-Spieltag entscheidet. Aber dann wird spannend sein zu beobachten, wie die Betroffenen mit den Verschiebungen umgehen.“

Das Negativbeispiel lieferte gerade Michael Rensing. Der Torwart von Fortuna Düsseldorf war dermaßen frustriert, als Trainer Mike Büskens Konkurrent Fabian Giefer den Vorzug gab, dass Rensing die Teambesprechung verließ und erst mal abtauchte.

Die Hertha-Verantwortlichen erwarten indessen, dass jene, die nicht sofort zum Zuge kommen, ihre eigenen Befindlichkeiten zurückstellen. Und Herthas Kampf um die Mission Klassenerhalt mit positivem Kampfgeist begleiten.