Bundesliga

Hertha-Coach Luhukay - „Wer den Frieden stört, fliegt raus“

Im großen Interview aus dem Trainingslager im österreichischen Irdning spricht Hertha-Trainer Jos Luhukay über schwierige Personalentscheidungen und warnt mögliche Störenfriede im Team.

Foto: Boris Streubel / Bongarts/Getty Images

Sein Wecker klingelt täglich um 6.30 Uhr. Doch heute machte sich Jos Luhukay (50) sogar bereits um 5.45 Uhr auf den Weg zu einem Spaziergang rund um das Schloss Pilcharn in der Steiermark. Die Arbeitstage des Trainers von Hertha BSC im Trainingslager sind lang. Mit Ehefrau Ingrid hat er verabredet, dass sie abends miteinander telefonieren, aber nicht vor 23 Uhr. Für die Berliner Morgenpost nahm sich Luhukay dennoch Zeit. Auf der Terrasse des Mannschaftshotels sprach der Trainer mit Uwe Bremer über mögliche Leistungsträger, die auf der Bank landen, warnte vor internen Störenfrieden und wehrte Ansprüche nach internationalem Fußball ab.

Berliner Morgenpost: Herr Luhukay, ist der Kader 2013/14 besser als das Aufgebot der vergangenen Saison?

Jos Luhukay: Ja. Wir sind noch etwas ausgeglichener. Die vier Neuen (Alexander Baumjohann, Hajime Hosugai, Sebastian Langkamp, Johannes van den Bergh, d.Red.) bringen alle eine Extraqualität mit. Sie werden uns mit ihren individuellen Qualitäten weiterhelfen.

Wie stark ist Hertha verglichen mit der Bundesliga-Konkurrenz?

Wir wollen gut und erfolgreich Fußball spielen. Deshalb arbeiten wir jetzt hart in der Vorbereitung. Ich möchte nichts dem Zufall überlassen. Ich denke, dass wir in der Bundesliga mit sieben, acht anderen Mannschaften konkurrenzfähig sind.

Was ist die wichtigste Botschaft vom Trainer für die Mannschaft vor dem Bundesliga-Start?

Ich schätze das Prinzip Eigenverantwortung. Jeder Spieler muss persönlich für seine Qualität stehen. Es ist nicht verboten, eine Stunde vor dem Training Stabilisationsübungen für die Muskulatur zu machen. Oder nach dem Training eine Krafteinheit einzulegen. Ernährung ist wichtig. Es geht beim Essen nicht nur darum, satt zu werden. Als Profi muss ich überlegen, welches Gemüse, welches Obst, was brauche ich nach einer Trainingsbelastung? Ich bleibe dabei: Alkohol ist Gift für den Körper. Der nächste Aspekt ist der Faktor Ruhe. Wir sind auch deshalb im Trainingslager, weil es nicht gut für den Körper ist, zwischen Vor- und Nachmittagstraining auf dem Kudamm bummeln zu gehen. Für die Pflege der Spieler haben wir drei Physiotherapeuten dabei. Für alle diese Sachen ist nicht allein das Trainerteam zuständig. Wir helfen. Aber jeder Spieler hat eine große Selbstverantwortung.

Hertha hat eine Saison mit fünf, sechs Monaten ohne Niederlage hinter sich. Das wird sich ändern.

Wir haben eine hervorragende Saison hinter uns. Aber das Aufstiegsjahr ist vorbei. Jetzt müssen wir uns mental auf eine neue Aufgabe einstellen, auf den Klassenerhalt. Läuferisch, technisch, taktisch und von der Konzentration her wollen wir uns verbessern. Daran arbeiten wir täglich.

Der Konkurrenzkampf ist groß. Sie müssen schwierige Entscheidungen treffen. Wie vermitteln Sie das den Spielern?

Ein Profi muss mit harten Entscheidungen umgehen können, das ist bei allen Vereinen in der Bundesliga so. Vergangene Saison hat sich der eine oder andere Spieler damit schwer getan, dass er nicht in der Startelf stand. Das wird wieder so sein. Aber insgesamt muss das Kollektiv im Vordergrund stehen und nicht das Ego.

Derzeit im Training spielen etwa Kapitän Peter Niemeyer oder Ronny nicht immer in der A-Formation. Wird sich der eine oder andere Leistungsträger der Vorsaison in der Bundesliga auf der Bank wiederfinden?

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Wir haben noch zwei Wochen bis zum Ligastart, ich will jetzt nicht auf einzelne Namen eingehen. Aber ja, es wird gewisse Verschiebungen geben. Dann kommt es darauf an, wie die betroffenen Spieler damit umgehen. Jeder Spieler darf enttäuscht sein oder frustriert sein über gewisse Trainer-Entscheidungen. Aber am Ende soll er kein Störfaktor werden und eventuell das Gefüge negativ beeinflussen. Wenn das passiert, muss ich eingreifen. In der vergangenen Saison haben das alle Spieler hinbekommen, wenn auch manchmal nur zähneknirschend. So erwarte ich das auch. Dann erhält jeder wieder eine neue Chance. Wer jedoch als Störfaktor auffällt, muss damit rechnen, dass er nicht wieder in den 18er-Kader zurückkommt.

Sie sehen den derzeitigen Kader nicht nur für die kommende Saison, sondern betonen, dass da ein Gerüst für die kommenden Jahre entwickelt wird.

Ich will das an einem Beispiel erklären. Hertha, also Manager Michael Preetz, hat frühzeitig einige Verträge verlängert, etwa mit Fabian Lustenberger. Er ist ein Spieler für die Zukunft. Vergangene Saison konnte Fabian endlich mal ohne Verletzung durchspielen. Er war ein Leistungsträger. Ich habe mit ihm gesprochen, ich erwarte da noch mehr. Der nächste Schritt ist, dass Fabian sich zum Führungsspieler entwickelt. Er muss lernen, seine eigene Leistung abzurufen und zusätzlich seine Mitspieler zu führen. Das ist eine Herausforderung. Aber ich traue ihm das zu.

Hertha ist in den vergangenen zwei Bundesliga-Jahren zweimal abgestiegen. Spüren Sie in der Mannschaft oder im Umfeld Zweifel?

Nein, in der Mannschaft oder bei den Verantwortlichen, die hier sind, spüre ich überhaupt keine Zweifel. Ob es von außen Zweifel gibt, weiß ich nicht. Ob das Thema wieder hoch kommt, falls wir mal ein, zwei Spiele verlieren? Möglich. Aber für die zwei Abstiege kann diese Mannschaft nichts. Und ich auch nicht. Ich bin seit letztem Jahr dabei. Wir schauen nach vorn.

Kommende Saison will Hertha die Klasse halten. Wie schnell sind ehrgeizigere Ziele möglich?

Ich bin Realist. Hertha wird in den nächsten drei Jahren keinerlei Anspruch auf höhere Ziele erheben können. Die wirtschaftliche Situation der nächsten drei Jahre wird bedeuten, dass wir einen finanziell sehr engen Rahmen haben. Hohe Ablöse, hohe Gehälter können wir uns nicht leisten. Trotzdem wollen wir unbedingt die Bundesliga halten, um einiges von unserem Schuldenberg abzubauen. Der größte Fehler wäre, wenn wir in Berlin anfangen, jetzt große Ansprüche zu stellen. In den nächsten drei Jahren ist Hertha von Zielen wie Europa League oder Champions League meilenweit entfernt.

Eine kleine Zeitreise in die Zukunft: Wir schreiben den 10. Mai 2014, 17.30 Uhr. Der 34. Spieltag ist beendet. Wann werden Sie richtig zufrieden sein?

Ich bin richtig zufrieden, wenn ich dann mit Peter Bohmbach (deutet auf Herthas Mediendirektor, der neben ihm sitzt) mit einem Glas Champagner auf den Klassenerhalt anstoßen kann. Aber ehrlich gesagt, könnte die Feier auf ein weiteres Jahr Bundesliga gern schon ein paar Wochen früher stattfinden.