Offensivspieler

Dank Alexander Baumjohann wird Hertha unberechenbar

Nur Ronny, nur Alexander Baumjohann oder am besten beide? Auf der Zehnerposition im Mittelfeld hat Hertha BSC die Qual der Wahl. Vor allem, weil Zugang Baumjohann im Testspiel gegen Krakau überzeugte.

Foto: Hannibal Hanschke / dpa

Hätte Alexander Baumjohann nicht vor gut einem Monat einen Vertrag bei der Hertha aus Berlin unterschrieben, wer weiß, wohin es ihn vielleicht sonst verschlagen hätte. Baumjohann, das ist kein Geheimnis, hat eine enge Verbindung zu Brasilien. Seine Frau Tatiane ist Brasilianerin, zweimal im Jahr tritt das Ehepaar mit den zwei Kindern die Reise nach Südamerika an. Baumjohanns Lieblingsklub spielt unweit vom Haus seiner Gattin in Belo Horizonte: Atlético Mineiro. Jener Verein, bei dem der einstige Weltstar Ronaldinho seine Karriere ausklingen lässt.

So verwundert es nicht, dass sich der 26-Jährige auch mit dem Fußball vor Ort identifizieren kann: „Es ist mehr Spektakel als in Deutschland, es wird nicht so viel Wert auf Effektivität gelegt. Es geht in Brasilien mehr darum, dass die Zuschauer ausrasten, wenn zum Beispiel ein guter Trick gelingt“, sagte er in einem Interview mit dem Fußballmagazin 11Freunde Anfang des Jahres.

Starker Test gegen Krakau

Spektakel und Tricks gehören auch zum Repertoire von Baumjohann. Es lief die 53. Minute bei Herthas Härtetest am Dienstag gegen Wisla Krakau (2:0). An der Strafraumgrenze lupfte Baumjohann den Ball brasilianisch Richtung Pierre-Michel Lasogga, der sich allerdings zu weit vom gegnerischen Torhüter abdrängen ließ.

Kein Tor, trotzdem unterstrich die Szene die gelungene Partie des Neu-Herthaners. Vor den Augen von Tribünengast Ronny agierte Baumjohann über 90 Minuten als alleiniger Spielgestalter. Er hatte viele Ballkontakte, zog Gegenspieler auf sich, um den Ball im richtigen Moment flink weiterzuspielen. Mit Sami Allagui kam es über rechts zu ein paar ansehnlichen Kombinationen, von denen eine den Eckball hervorbrachte, der zum 2:0 führte – ausgeführt von Baumjohann.

„Ich hoffe, dass wir dank ihm auch in der Bundesliga unsere Qualität bei Standards zeigen können“, sagte Luhukay, der vor allem mit Baumjohanns Leistung in der ersten Hälfte zufrieden war: „Da hatte er einige gute Fortsetzungen“, sagte der Trainer und meinte die initiierten Angriffe seines Schützlings.

Mehr als ein Ersatz für Ronny

Seine Fähigkeiten am Ball brachten dem 1,78-Meter-Mann bereits mit 17 Jahren den Ruf, eines der größten Talente im deutschen Fußball aller Zeiten zu sein. Bei Hertha haben sie den gebürtigen Westfalen als spielgestalterische Alternative in der zentralen Offensive angeheuert. Denn in der zweiten Liga übernahm Ronny diesen Part in einsamer Regie. Bei einer Verletzung des Topscorers hätten die Berliner auf der Zehnerposition wohl Probleme bekommen, auch weil Änis Ben-Hatira ab dem 11. Spieltag wegen einer langwierigen Fußverletzung keine ernsthafte Alternative darstellte.

Mit Baumjohann ist nun einer da, der sogar mehr als nur ein Backup für Ronny werden soll. „Mein Ziel ist, dass beide oft gemeinsam auflaufen. Das getestete 4-1-4-1 mit Ronny und Baumjohann in der Offensiv-Zentrale ist eine Variante“, sagte Trainer Jos Luhukay vorige Woche im Kicker-Interview, zwei Tage nach Herthas 12:0 im Testspiel gegen Altglienicke. Da hatte Luhukay zum ersten Mal während der Vorbereitung das äußerst offensive System mit beiden Akteuren nebeneinander spielen lassen. Zumindest für eine Halbzeit, in der Baumjohann und Ronny jeweils per Freistoß trafen. „Wir wollen nicht nur mit Doppel-Sechs spielen. In der Bundesliga kann ich mir eine Doppel-Acht vorstellen oder eine Doppel-Zehn“, sagt Luhukay, der Baumjohann in gemeinsamen Gladbacher Zeiten die nötige „Professionalität und Ernsthaftigkeit“ absprach.

Das ewige Talent

Nach einem erfolglosen Engagement bei Bayern München, vielen überzogenen Erwartungen und einer Ehrenrunde in der Zweiten Liga mit Kaiserslautern ist Berlin nun Baumjohanns große Chance, über den Status des ewigen Talents hinauszukommen. Die richtige Attitüde für seinen Beruf hat er sich mittlerweile offenbar angeeignet, zumindest aus Sicht Luhukays. Ansonsten hätte der bei Transfers als sehr versiert geltende Trainer ihn nicht geholt. Und auch die taktischen Vorgaben des 50-Jährigen scheint Baumjohann zu verstehen. Die lauten: eine schnelle Überbrückung des Mittelfelds mit höchstens zwei Pässen, anschließendes schnelles Kombinationsspiel bis zum Torabschluss.

Insgesamt lässt sich rund drei Wochen vor dem Start in die neue Saison festhalten: Durch Baumjohann wird Hertha im Angriffspiel und bei Standards weniger berechenbar. In Liga zwei hatte Ronny es nicht selten mit zwei oder mehr Gegenspielern zu tun, der Alleinunterhalter bei ruhenden Bällen war er sowieso. Allerdings zieht Baumjohanns riskantes Passspiel auch die Gefahr schneller Konter nach sich. Das würde für eine ultra-defensive 4-3-2-1-Variante sprechen. Ein offensives 4-1-4-1 mit Ronny und Baumjohann wäre dagegen bei Heimspielen denkbar. Luhukay hat die Wahl. Sollten beide fit bleiben, könnte bald vom Luxusproblem die Rede sein.

Baumjohann selbst sieht nicht als Ronny-Konkurrent, „das hab ich stets betont“. Die Mannschaft habe ihn sehr gut aufgenommen, mittlerweile hat er in der Hauptstadt eine Wohnung gefunden. Dass Ronny Brasilianer ist, könnte dem Verhältnis gut tun. Dann, wenn nur einer spielen sollte.