Meine WM 1970

Herthaner Patzke kämpfte in Mexiko beim Jahrhundertspiel

Die Morgenpost trifft Berlins WM-Helden, Teil 5. Bei der Weltmeisterschaft 1970 in Mexiko stand der Berliner Bernd Patzke im Halbfinale gegen Italien auf dem Platz - und „rannte wie ein Hund“.

Foto: Reto Klar

Als Bernd Patzke die Vereinskneipe in Grünwald betritt, sagt er „Grüß Gott“. So gehört sich das in Bayern. Seit 50 Jahren liegen seine wichtigsten Bezugspunkte dort unten im Süden. Doch sprachlich blieb er bis auf die Begrüßung auf Abstand. „Ich habe nie versucht, bayerisch zu reden“, sagt er. Nur beim Bäcker macht er noch eine Ausnahme: „Da muss ich Semmeln sagen, sonst kriege ich keine Brötchen.“

Ansonsten verrät seine Zunge auch nach so vielen Jahren in der Fremde noch immer seine Wurzeln. Patzke, 71, ist Berliner. Sogar einer der ersten, die es im Fußball richtig weit gebracht haben. Erinnerungen in Bildform an diese Zeit finden sich in seiner Wohnung nicht mehr. „Ich habe nur eine kleine Mannschaftsaufstellung, vom Spiel gegen Italien 1970.“ Damals stand Deutschland im Halbfinale der Weltmeisterschaft, mit Bernd Patzke in der Startelf. Als erstem Profi von Hertha BSC, der je an einer WM teilgenommen hat.

Italien 70, damit verbindet sich eines der Schlüsselerlebnisse in der deutschen WM-Historie. Vom Jahrhundertspiel wird seither geredet. In einer epischen Schlacht im Aztekenstadion von Mexiko-City unterlag Deutschland im Halbfinale nach Verlängerung 3:4. „Danach war es bei uns in der Kabine und im Bus mucksmäuschenstill. Ich habe nie wieder so eine Stimmung erlebt“, sagt Patzke. Vier Jahre zuvor war er auch hautnah bei einer Niederlage dabei gewesen, in Wembley verlor Deutschland das WM-Finale gegen England (2:4 n.V.). „Aber nach dem ominösen Tor waren alle aufgeregt.“ Dieser eine Ball von Geoff Hurst, der nicht hinter der Linie war, aber als Tor gewertet worden ist, dominierte die Eindrücke. Da war nur Wut.

Als Wackelkandidat viermal auf dem WM-Rasen

Patzke gehörte 1966 zum Kader, damals als Spieler von 1860 München, blieb aber ohne Einsatz. In Mexiko 1970 stand er auf dem Rasen, viermal. Für jemanden, der als „Wackelkandidat“ zum Turnier fuhr, eine gute Bilanz.

Dafür musste er sich ganz schön anstrengen. 2300 Meter Höhe, furchtbare Hitze. „Wir haben meistens mittags gespielt, weil später noch Stierkampf war“, sagt Patzke. Kein Schatten im Stadion. Schwarz vor Augen ist ihm öfter geworden, beim Training, beim Spiel. Es half aber nichts. „Wenn du dann den Uwe Seeler marschieren siehst, der sieben Jahre älter ist, da kannst du nicht sagen, du bist kaputt. Da musstest du oft deinen Schweinehund überwinden.“ Patzke war ganz gut darin, „gerannt wie ein Hund“ sei er. Das kostete ihn sechs Kilo. Heute sind die wieder drauf.

Patzke konnte nicht nur rennen wie ein Hund, er konnte auch beißen. Verteidiger war der Berliner, einer von denen, die gern mit dem Attribut „kompromisslos“ versehen werden. Patzke spielte geradeaus, war eiskalt, souverän, abgezockt. Damals zählte er zu den ersten Defensivakteuren, die sich auch mal nach vorn trauten. Das lag vielleicht daran, dass er bei Minerva 93 einst als Stürmer angefangen hat. „In der Jugend habe ich in Berlin die meisten Tore geschossen.“ Das brachte ihn in die Nachwuchs-Auswahlteams des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Dort lernte er Torhüter Sepp Maier kennen, mit dem er sich 1966 bei der WM ein Zimmer teilte.

Suspekt war ihm der Kerl immer ein bisschen, Maier hat so viel Mist gemacht, Späße. „Aber so einen brauchst du im Team, sonst ist es zu ernst.“ Karl-Heinz Schnellinger ließ es ruhiger angehen, mit dem war er 1970 auf dem Zimmer. In vertauschten Rollen. Schnellinger bekam viel Post von daheim, fast täglich. Ein paar Mal nahm Patzke die Briefe an und hielt sie zurück. Schnellinger wunderte sich dann.

Irgendwie musste man sich ja die Zeit vertreiben. Fünf Wochen dauerte die WM-Reise. „Wir konnten nicht groß was machen, es war einfach zu heiß.“ Briefe schreiben war nicht Patzkes Ding, als Junggeselle bestand da sowieso keine Verpflichtung. In Leon war die Mannschaft untergebracht, es gab ein Schwimmbad, in das man kaum reingehen konnte. 40 Grad Celsius Wassertemperatur. „Das hast du gar nicht ausgehalten.“ Für die Regeneration soll ein kurzes Eintauchen trotzdem gut gewesen sein.

Folklore gegen den Lagerkoller

Ansonsten wurden Karten gekloppt, andere standen am Billardtisch. Patzke, der 1966 mit 1860 Deutscher Meister geworden war und 1969 zu Hertha wechselte, las auch ein bisschen. Einmal trat eine Mariachi-Band für die Fußballer auf. „Die waren alle wunderschön gekleidet, mit ihren großen Hüten, ganz toll.“ Ein bisschen Folklore gegen den Lagerkoller. Ein echter Höhepunkt bot sich allerdings auch im Camp, Box-Weltmeister Max Schmeling wurde vom DFB nach Mexiko eingeflogen. Neben der Mannschaftsaufstellung vom Italien-Spiel hütet Patzke zu Hause auch davon Fotos.

Länder wie Mexiko halten für Europäer noch ganz andere Überraschungen bereit. Dafür braucht es manchmal interessante Lösungen. „Weil die Gefahr von Durchfall bestand, durften wir zwei bis drei Mal die Woche vor den Augen von Trainer Helmut Schön einen Whiskey trinken“, erzählt Patzke. Bier war offiziell nicht so angesagt, doch der Koch besorgte schon mal eins. Mit Schön gab es da kein Problem, der war eher auf Harmonie aus und schaute gern mal weg, tat so, als würde er nichts mitbekommen.

Hitze und Exotik schreckten Bernd Patzke nicht mehr, als die körperlichen Belastungen weniger wurden. Burundi, Ruanda, Bangladesch, Südafrika, Malaysia, Jamaika, Zypern – ihn zog es immer in die Ferne. „Mein Berufswunsch war mal Pilot.“ Der Fußball hat ihn auch richtig herumkommen lassen in der Welt. Die Wanderschaft begann jedoch unfreiwillig. Wegen des Bundesligaskandals 1971, es ging um Spielmanipulationen, wurde er gesperrt. „Das war kein Glückslos.“ In einer Wohnung wurde damals abgestimmt, ob das Geld, 15.000 Mark, genommen werden sollte. „Hätte ich bloß auf meinen Vater gehört, er wollte mich nach Hause fahren.“ Aber Patzke wollte noch zu diesem Treffen. Worum es ging, sagt er, wusste er nicht. Nach nur zwei Jahren war seine Zeit bei Hertha damit vorbei. Dafür kam er in Südafrika auf den Geschmack. Nach dem Karriereende 1974 reiste er schließlich als Trainer um den Globus, gab seine Erfahrungen an fußballerische Entwicklungsländer weiter. Im Oman, wo er 1989 bis 1992 unter anderem als Nationaltrainer tätig war, gefiel es ihm am besten.

Patzke genießt sein Rentnerleben in München

In Berlin arbeitete Bernd Patzke auch noch einmal, ab Herbst 1992 managte er zwei Jahre Tennis Borussia, wo Schlagerproduzent Jack White der große Sponsor war. Der Klub stieg in die Zweite Liga auf. „Aber Jack hat einen Riesenfehler gemacht, der hat den Spielern zu früh zu viel Geld gegeben.“ Es ging sofort wieder runter und für Patzke nach Spanien. Zwölf Jahre lebte er dort, wurde ein passabler Golfspieler. Jetzt genießt er das Rentnerleben wieder in München. Zu Hertha besteht kein großes Verhältnis. „Mit dem Herzen bin ich als Berliner trotzdem dabei.“ Ihm fällt gleich der nach Hamburg ausgeliehene Pierre-Michel Lasogga ein. „Hah, die Mutter ist ja herrlich.“

In Mexiko 1970 war bis zum Viertelfinale auch alles herrlich, da gelang eine kleine Revanche gegen England (3:2 n.V.). Dann Italien, das große Drama. Zwei mal ausgeglichen, einmal geführt, am Ende verloren gegen Boninsegna, Rivera & Co. Enttäuschung wie noch nie. Willi Schulz (HSV) ertrug das nicht. „Gegen Uruguay zum Spiel um Platz drei war er aufgestellt gewesen, hat dann aber seine Schuhe vergessen.“ Schulz war in den Medien die Schuld an der Niederlage zugeschoben worden, da hatte er wohl keine Lust mehr. Und Ersatzschuhe, so was gab es damals nicht. Also schaute Schulz zu, wie Patzke half, gegen überlegene Südamerikaner den dritten Platz mit einem 1:0 zu sichern.

Es war eines der letzten seiner 24 Länderspiele. Das ist nun schon 44 Jahre her, und Bernd Patzke war keiner von denen, die im Fokus standen. Trotzdem. „Ich kriege heute noch 30 Autogrammwünsche im Monat. Selbst aus China“, erzählt er und wundert sich, wie die alle an seine Adresse kommen. Dann ist es Zeit, er muss los. „Auf Wiedersehen“, ruft er Richtung Tresen. Nicht servus oder so.

Teil 4: Marko Rehmer - Verletzt im falschen Moment

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