Meine WM 2002

Herthaner Marko Rehmer – Verletzt im falschen Moment

Die Morgenpost trifft Berlins WM-Helden, Teil 4. Marko Rehmer wurde der erste deutsche Nationalspieler von Hertha seit Erich Beer 1978, der an einer Weltmeisterschaft teilnahm. Dabei war alles in Gefahr.

Foto: Reto Klar

Es ist schon eher selten, dass dieser Mann mal richtig Zeit hat. Marko Rehmer schreibt Kolumnen für den „kicker“, er gibt den Experten bei „Sport1“. Etwas mehr als das beanspruchen ihn die Scoutingarbeit bei seiner Berater-Agentur für Fußballspieler, Inteamsports Soccer, und seine Positionen als Aufsichtsrat der yoyo AG sowie Beirat der Social Commerce Group SE, zweier Start-up-Unternehmen. Rehmer ist vielseitig unterwegs.

Eher eindimensional verlief das größte Erlebnis seiner Karriere. Reha morgens, Reha mittags, Reha abends. Meistens war Marko Rehmer im Sommer 2002 damit beschäftigt, seinen Körper in Schwung zu kriegen. Immer mit dem Gedanken, irgendwann doch noch auflaufen zu können bei der Weltmeisterschaft in Japan und Südkorea.

Er schaffte es – und wurde der erste deutsche Nationalspieler von Hertha BSC seit Erich Beer 1978, der an einer WM teilnahm.

Springer zog durch

Das mit Beer hatte Rehmer erst später mitbekommen. „Aber im Klub war vorher zu spüren, dass eine große Resonanz da ist dadurch, dass ich zur WM fuhr“, erzählt der gebürtige Berliner. Das Turnier hätte so schön werden können. War es ja auch irgendwie, als Vize-Weltmeister kehrte Rehmer zurück. Irgendwie war es aber auch wieder nicht so doll, lediglich 45 Minuten stand der Verteidiger auf dem Platz.

Gewiss wären es viel mehr geworden. Doch dann kam dieser Tag im März, Christian Springer kam. „Eigentlich war er ein fairer Spieler“, sagt Rehmer. An diesem Tag aber zog Springer durch, in einer Situation an der Mittellinie im Bundesligaspiel zwischen dem 1. FC Köln und Hertha, in der es überhaupt nicht nötig war. Im rechten Sprunggelenk ging dabei so ziemlich alles kaputt, was kaputt gehen kann. „Als ich auf der Trage lag, dachte ich nur: Aber ich wollte doch zur WM!“, erzählt der 42-Jährige. Das mit der WM war eigentlich sicher, Rehmer hatte vorher alle relevanten Länderspiele bestritten.

Die waren damals so eine Sache. In der Qualifikation bekleckerte sich die Nationalmannschaft nicht gerade mit Ruhm, das fürchterliche 1:5 gegen England in München trug dazu bei, dass das Team von Bundestrainer Rudi Völler in das Play-off gegen die Ukraine musste. Allgemein herrschte im Land anschließend ein Gefühl, das Mitspieler Christian Ziege ganz nett umschrieben hat nach dem 8:0 gegen Saudi Arabien zum Auftakt in Japan. „Er sagte in eine Kamera: und das mit diesen Bratwürsten!“, erinnert sich Rehmer. Keiner gab viel auf dieses Team, die Erwartungen lagen nicht hoch.

Der Umweg über die Ukraine hatte aber etwas Gutes. Mal ganz abgesehen davon, dass die negative Stimmung die Spieler anstachelte, es allen zu zeigen. „Diese Relegation hat uns als Team zusammengebracht“, sagt Rehmer. Ein Tor und eine Vorlage steuerte er zum 4:1 im Rückspiel in Dortmund bei. Es war sein vorläufig letztes Länderspiel.

Plötzlich war alles in Gefahr

Als Rehmer im März im Krankenhaus lag, ging ihm viel durch den Kopf. „In der Bundesliga zu spielen, ist relativ schnell wie ein Job. Aber Nationalspieler zu sein, ist noch mal etwas anderes. Und die WM ist das Größte.“ Plötzlich war alles in Gefahr.

Dann kam Rudi Völler. „Er setzte sich ans Krankenbett und sagte: Marko, du hast uns erst dorthin gebracht. Sobald du nur ein bisschen laufen kannst, bist du dabei. Das rechne ich ihm hoch an.“ Trotzdem musste der Abwehrspieler erst einmal wieder auf die Beine kommen. Jeden Tag verbrachte er an die 14 Stunden in der Reha, tat alles, um fit zu werden.

Dafür brauchte es Geduld, große Willenskraft auch. Mit beidem kannte sich Rehmer aus. Als 19-Jähriger hatte er eine Knieoperation, ein Stück Knorpel war herausgebrochen. Die Ärzte sagten ihm, dass die Chance auf eine Fußballkarriere nur bei 20 Prozent läge, er solle lieber aufhören. „Ich habe mich zwei Tage eingeschlossen und geheult wie ein Schlosshund. Dann dachte ich, dass niemand null gesagt hat, sondern 20.“ Aus den 20 hat er alles herausgeholt. Und nie wieder Knieprobleme bekommen. „Das gebe ich auch meinen Jungs heute mit, dass man kämpfen muss, solange es nicht vorbei ist.“

In die Bundesliga kam er durch die Verletzung erst mit 24 Jahren, vom 1. FC Union wechselte Rehmer zu Hansa Rostock. Union plagten damals Geldprobleme, der Transfer sicherte das Überleben des Klubs. Nach drei Monaten in Rostock, von wo aus er 1999 zu Hertha stieß, erhielt Rehmer die erste Einladung zur Nationalmannschaft. Das ging ausnahmsweise mal schnell.

Bei der Reha lief das anders. „Es war eine schleppende Vorbereitung.“ Als der Tross nach Japan aufbrach, schmerzte das Gelenk immer noch, 70 bis 80 Prozent seiner Leistungsfähigkeit konnte Rehmer abrufen, mehr nicht. Intensive Behandlung und Training im WM-Quartier in Miyazaki, so die Zuversicht, würden ihn schon wieder herstellen. An großes Freizeitvergnügen brauchte er in seinem Einzelzimmer also gar nicht zu denken. Ab und zu mal Schach mit Jens Lehmann und Marco Bode. Die waren aber zu gut, das brachte nicht den großen Spaß. Tischtennisplatten und Extra-Lounge-Bereich gab es beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) da noch nicht, dafür hatte der Verband jedoch alle mit einem kostenfreien Handy ausgestattet. Ansonsten ist er mit Bode und Oliver Bierhoff manchmal raus gegangen aus dem Hotel, ohne Security. Sie besuchten eine japanische Teezeremonie. „Diese Ruhe dort.“ Fast unwirklich in dieser modernen Welt.

„Die Lockerheit ging nie verloren“

Völler organisierte das gut, die Balance zwischen harter Arbeit und Entspannung stimmte. „Die Lockerheit ging nie verloren“, sagt Rehmer. Völler verstand es auch, Spielern wie Rehmer zu vermitteln, dass sie ob ihrer Rolle im Team nicht hinten dran sind. Dennoch: „Das Zuschauen war schon schwierig, sonst hätte man wohl auch seinen Beruf verfehlt.“ Rehmers großes WM-Gefühl war die Hoffnung. Sie erfüllte sich nach der Gruppenphase, in der Deutschland noch 1:1 gegen Irland spielte und Kamerun 2:0 schlug.

Von Japan ging es nach Südkorea. So viel anders war es dort nicht. Die großen blonden Männer sorgten in beiden Ländern für viel Aufsehen. „Oliver Kahn war ein Held dort, nach dem waren alle total verrückt.“ Völler sagte Rehmer in Seogwipo bald, dass er dabei sein würde im Achtelfinale gegen Paraguay. Körperlich passte es einigermaßen, „aber die Spielpraxis war nicht da“. 105 Tage lag sein letztes Pflichtspiel zurück. Das fiel auf bei dem Mann, der eine Zeit lang der schnellste deutsche Nationalspieler war. Die Pässe kamen nicht gut, das Stellungsspiel saß nicht immer. Zu allem Übel knickte er im Zweikampf mit Roque Santa Cruz auch noch um, mit dem lädierten Knöchel. „In der Pause kam Rudi gleich an, weil er gesehen hat, dass ich immer einen Tick brauche. Ich war nicht voll da“, erzählt Marko Rehmer. Ehrlich zu sich selbst musste er sein, es machte keinen Sinn mehr. Er hatte schon ein, zwei gefährliche Situationen heraufbeschworen. Den Erfolg des Teams riskieren? Rehmer sagte, dass sich ein anderer warm machen soll. „Das kostet Überwindung, du gehst ja nicht wegen jedem bisschen vom Platz.“ Schon gar nicht bei einer WM.

Fast die ganze Manschaft mit Klamotten im Pool

Deutschland gewann 1:0, es wurde ordentlich gefeiert. Als zuvor der Gruppensieg feststand, landete fast die ganze Mannschaft mit Klamotten im Pool. Torhüter Lehmann hatte das wohl mit einer Wette losgetreten. Diesmal blieben alle trocken. Und Rehmer war da klar, dass zu seinen 45 Minuten gegen Paraguay nichts mehr hinzukommen dürfte. Die Verletzung begleitete ihn letztlich über die WM hinaus. Das Halbfinale gegen Gastgeber Südkorea (1:0) und das Finale in Yokohama gegen Brasilien (0:2) sah er von der Bank aus. Die Niederlage fühlte sich trotzdem so an, als wäre er auf dem Platz gewesen. „Du läufst am Pokal vorbei, solltest dich freuen, siehst aber die anderen jubeln.“ Aber wer hätte nach der EM 2000, als das Team in der Gruppenphase schon rausgeflogen ist, und nach der Qualifikation überhaupt an das Finale gedacht?

Das machte alle stolz. Ebenso die Stimmung, die in Deutschland mit jeden Spiel besser wurde. Über das Internet bekamen sie das mit in Japan und Südkorea. Dort wurde die Atmosphäre trotz des verlorenen Finales auch schnell wieder freundlicher. „Bei der Feier hatten alle gut Durst.“ Bundeskanzler Gerhard Schröder schaute vorbei, die Band Pur spielte live. War schön. Eine Platte von denen kaufte er sich danach trotzdem nicht.

Das vergessene Turnier

Seit 2002 schaffte es kein deutsches Team mehr ins Finale. Mehr in Erinnerung blieben aber Platz drei bei der Heim-WM 2006 und in Südafrika 2010 sowie schöner Fußball. „Die WM 2002 vergessen viele immer“, sagt Rehmer, dessen Mannschaft etwas rustikaler agierte. Ein paar Länderspiele bestritt er nach dem Turnier, 2003 war nach 35 Auftritten im Nationaltrikot Schluss. Da spielte Rehmer noch bei Hertha, seine Karriere endete 2007 in Frankfurt. Er kehrte zurück nach Berlin.

Sowohl bei Hertha als auch bei Union lässt sich Rehmer öfter im Stadion sehen, bei Hertha ist er sogar Mitglied. Beiden Vereinen habe er viel zu verdanken, sagt er, aber die ganz große emotionale Nähe, die habe er nicht. „Ich war nie richtig Fan eines Vereins.“ Das jetzt noch anzufangen, würde vermutlich seinen Zeitrahmen sprengen. Hoffentlich kann er bei der kommenden WM überhaupt genug Spiele sehen. „Die ersten beiden Wochen bin ich auf der MS Europa und nehme dort an einem WM-Talk teil“, erzählt Marko Rehmer. Von Lissabon nach Hamburg verläuft die Route. Ein WM-Talk im Alexa steht auch noch auf dem Programm, im Robinson Club Fleesensee gibt es ein Fußballturnier. Immer unterwegs, immer beschäftigt, dieser Mann.

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