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Niko Kovac und der Druck des Eröffnungsspiels

Die Morgenpost trifft Berliner WM-Helden, Teil 6: Als Spieler verlor Niko Kovac gegen Brasilien, nun fordert er den WM-Gastgeber als Trainer heraus. Und er hat große Ziele für die Fußball-WM 2014.

Foto: Reto Klar

Niko Kovac steht auf klare Ansagen. Davon durften sich im Trainingslager der kroatischen Nationalmannschaft im österreichischen Bad Tatzmannsdorf alle ein Bild machen. Am liebsten hätte sich nämlich Mario Mandzukic dort mit seinen Beratern getroffen, mit ihm und Bayern München wird es ja wohl nichts mehr, es gibt also viel zu bereden. Aber Kovac fuhr dazwischen, erteilte striktes Berater-Verbot im Teamhotel.

So ist er, der Trainer Niko Kovac. Hart. Aber auch herzlich. Mensch will er bleiben, offen und ehrlich sein. Trotz seiner nicht ganz leichten Aufgabe. Er hält jetzt die Fäden in seinen Händen, soll Kroatiens Fußball wieder schönere Weltmeisterschafts-Erlebnisse bescheren. Vor vier Jahren waren die Kroaten gar nicht in Südafrika gewesen, 2006 und 2002 schieden sie jeweils nach der Gruppenphase aus. Beide Male mit Niko Kovac im Mittelfeld, beim zweiten Mal als Profi von Hertha BSC.

Eigentlich, sagt er, „habe ich persönlich es eher lieber gemocht, als Spieler einwirken zu können“. Vielleicht kann er jetzt jedoch insgesamt mehr bewirken. Zunächst setzte er klare Grenzen. „Wenn man klipp und klar vorgibt, in welchem Bereich sich die Spieler bewegen dürfen, dann ist das für alle verständlich“, sagt der 42-Jährige. Lang ist die Leine sicher nicht, die er seinen Spielern lässt. Das hat wohl mit seinen Grundwerten zu tun – und mit denen seiner Profis.

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Geboren wurde Niko Kovac als Kroate, aber in Berlin, hier ist er auch aufgewachsen. In ihm steckt das Deutsche, ein bisschen mehr sogar als das Kroatische. Ordnung, Gründlichkeit, Disziplin, Organisation – das gehört zu den Deutschen, und es gehört zu Niko Kovac. Gerade in Sachen der Organisation handhaben die Kroaten generell alles eher lockerer, immer ein bisschen improvisierend. Das will Kovac ihnen jetzt austreiben, also bezogen auf die Nationalmannschaft. Wer da nicht mitzieht und sich diese deutschen Tugenden nicht aneignen mag, der hat bei ihm keine guten Karten.

Natürlich kommt auch der Kroate in Kovac öfter durch, impulsiv und emotional kann er genauso sein. Doch es wird kontrolliert. Entscheidungen fällt er nicht aus dem Bauch heraus, sondern rational, ganz sachlich. Er hinterfragt. Das könnte schon helfen, so ein mehr kopflastiger Mensch, der die von Natur aus doch überwiegend bauchlastigen Spieler bändigt und auf einen Erfolg versprechenden Weg bringt. Denn es ist doch häufig so: „Wir Kroaten sind immer oft dabei, aber irgendwie fehlt dann der letzte Kick, habe ich das Gefühl.“ Mit seinem deutschen Einfluss auf alle Belange rund um das Team dürfte sich das ändern.

Ein Sieg gelang – gegen den Favoriten Italien

Zumindest sind das die Erwartungen, und die fallen stets extrem groß aus im Adria-Staat. Entsprechend immens war auch die Enttäuschung 2002. Kovac, damals beim FC Bayern, trat mit dem WM-Dritten von 1998 an und scheiterte in Japan und Südkorea schon in der Vorrunde. „Die 98er-Generation war älter geworden. Diejenigen, die nachkamen, hatten noch nicht das Niveau der anderen von vor vier Jahren“, sagt Kovac. Nur ein Sieg gelang, der immerhin gegen den großen Favoriten Italien (2:1). In einem kuriosen Spiel, in dem den Italienern zwei Treffer aberkannt wurden. Aber gegen die Außenseiter Mexiko (0:1) und Ecuador (0:1) verlor Kroatien.

In Deutschland lief es noch schlechter, keines der drei Gruppenspiele wurde 2006 gewonnen. „Es ist so, dass wir bei beiden Weltmeisterschaften nicht das erreicht haben, was wir wollten. Was nicht hätte sein müssen. Wir hätten jedes Mal mit einem Matchball in die nächste Runde einziehen können.“ Gefallen hat es ihm trotzdem, ein bisschen. „Eine WM zu spielen, ist immer schön. Aber als Sportler möchte man auch weiterkommen.“ Dafür gab es in Japan, wo die Kroaten untergebracht waren, viele nette Menschen. Und in Deutschland war sowieso alles ganz besonders.

„In meiner Heimatstadt für mein Heimatland“

Die erste Partie dort bestritt Kroatien gegen Brasilien (0:1). In Berlin. „Ich habe in meiner Heimatstadt für mein Heimatland spielen dürfen, so komisch sich das anhört“, sagt der damalige Mittelfeld-Regisseur von Hertha BSC, der gemeinsam mit seinem Bruder Robert auf dem Platz stand. Im Olympiastadion schaute die Familie zu, die Eltern leben in Berlin, Freunde, Bekannte. Ein unfassbares Erlebnis. „Diese WM ist mit mehr ans Herz gewachsen als die davor. Auch wegen der vielen kroatischen Fans.“ Viele lebten und arbeiteten in Deutschland, viele besuchten das Teamcamp. Der Kontakt zu den Fans war in Deutschland sehr intensiv.

Deshalb wäre es ihm auch lieber gewesen, wenn sie 2006 ins Achtelfinale gekommen wären. Sie waren zwar dichter dran, aber gegen die Außenseiter Japan (0:0) und Australien (2:2), gegen das Kovac einen Treffer erzielte, glückte letztlich kein Sieg. „Für mich war die Enttäuschung da größer als vier Jahre vorher.“ Zumal er sich als Kapitän des Teams gewissermaßen in der Verantwortung sah. „Ich war mit Stolz erfüllt“, sagt er zu seiner Rolle, mit der für ihn auch Druck verbunden war: „Ich wollte nicht nur auf dem Platz als Vorbild dienen, sondern auch außerhalb.“ Er genoss die Funktion, und brachte damals schon ein bisschen Zucht und Ordnung nach deutschem Vorbild in die Truppe.

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An Unterstützung fehlte es nicht, mit Bruder Robert, damals bei Juventus Turin, wusste er jemanden hinter sich – als Verteidiger im wahrsten Sinne des Wortes –, auf den er sich verlassen konnte, der genauso tickte, der den gleichen Hintergrund hatte. Robert, 39, ist auch in Berlin geboren, in ihm steckt das Deutsche ganz genauso. Bei Bayern und Leverkusen spielten sie gemeinsam als Profis.

Jetzt sind sie wieder zusammen unterwegs, Robert ist Co-Trainer bei der Nationalmannschaft. Von Januar bis Oktober 2013 betreuten beide in dieser Konstellation das kroatische U21-Team. Dann wurde Niko, 83-maliger Nationalspieler, vor dem Play-off gegen Island um die WM-Qualifikation zum Cheftrainer des Verbandes berufen und nahm Robert (84 Länderspiele) mit. Weil er viele Dinge sieht, sehr gut beobachtet, weil sie perfekt miteinander kommunizieren. Als die WM-Teilnahme dann geschafft war, liefen Tränen bei Niko.

Als Trainer vermisst er es ein wenig, direkt auf dem Platz den Ton angeben zu können. „Wenn das Spiel läuft, kann ich nicht mehr viel einwirken. Eigentlich ist man hilflos“, sagt Niko Kovac. Drumherum bleiben aber immer noch Möglichkeiten, alles in die richtige Richtung zu steuern. Mit klaren Ansagen, ja, aber nicht so, dass jetzt alle vor ihm zittern müssen. Viel reden will er mit den Profis.

Dreimal Gelb für Simunic

Mit Josip Simunic muss er das nicht tun. Der wurde wegen eines umstrittenen Grußes, der von der faschistischen Ustascha-Bewegung während des Zweiten Weltkriegs benutzt worden war, nach dem Play-off gesperrt und fehlt bei der WM. Im Team von 2006 stand der Innenverteidiger und sorgte für eine Besonderheit. Im Spiel gegen Australien zeigte ihm der englische Schiedsrichter Graham Poll drei Gelbe Karten. „Ich habe das in dem Moment auch nicht mitbekommen. Es war ein Spiel auf Biegen und Brechen, da kann man dem Schiedsrichter keinen Vorwurf machen.“ Auch Simunic spielte damals für Hertha BSC.

Nach der WM 2006 wechselte Kovac nach Salzburg, wo er später auch erste Erfahrungen als Trainer sammelte. Dort lebt er jetzt noch. Die Hälfte des Monats verbringt er aber in Zagreb. In Berlin – wo er acht Jahre bei Hertha aktiv war, fünf davon in der Zweiten Liga – ist er auch ab und zu. Kontakt zu Hertha besteht nicht mehr, „aber ich habe mich gefreut, dass sie in der Liga geblieben sind“. Drinbleiben will er jetzt mit seiner Mannschaft auch, und zwar nach der Gruppenphase im Turnier. „Wir wollen das unbedingt“, sagt der Trainer, der nächsten Donnerstag gleich das Eröffnungsspiel bestreiten darf. Gegen Gastgeber Brasilien.

Vielleicht ist das gar nicht schlecht. Brasilien muss den Titel im eigenen Land gewinnen, alle erwarten das. „Diesen Druck kann man nicht messen.“ Eine gute Basis für eine Überraschung. Mexiko und Kamerun heißen die beiden anderen Gruppengegner. „Mein Gefühl ist recht positiv. Wobei ich sagen muss, dass die Welt nicht untergeht, wenn es nicht klappt“, erzählt Niko Kovac. Deutsche Tugenden lassen sich ja auch nicht von heute auf morgen einführen, das braucht Zeit.

Teil 5: Bernd Patzke - Erst Fußball, dann Stierkampf

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