Meine WM 1978

Wie der Berliner Erich Beer die Schmach von Cordoba erlebte

Die Morgenpost über Berlins WM-Helden Teil 2: Hertha-Legende „Ete“ Beer erlitt mit dem deutschen Team bei der WM 1978 in Argentinien die historische Niederlage gegen Österreich.

Foto: Reto Klar

Erstaunlich, dass sich Fußballer auch noch etliche Jahre später an einzelne Spiele so gut erinnern können. Erich Beer etwa, heute 67 Jahre alt, hat eine Partie aus den Siebzigern noch genau auf dem Schirm, im Pokal gegen Köln spielte er mit Hertha BSC. In dieser Partie sah der Schiedsrichter viele Dinge anders als die Berliner, Beer schimpfte anschließend über den Unparteiischen vor den Fernsehkameras.

Kein Thema heute, das passiert ständig. Seinerzeit erhielt Beer jedoch kurz darauf einen Anruf. Wahrscheinlich ist ihm die Partie deshalb noch so präsent. Am Telefon war Helmut Schön, der Bundestrainer. „Er hat mir gesagt, ich sollte so etwas nicht noch einmal machen. Sonst wäre meine Karriere in der Nationalmannschaft vorbei“, erzählt Beer von damals.

Und er hielt sich dran. Einer seiner größten Träume konnte so in Erfüllung gehen. Beer fuhr zur Weltmeisterschaft, 1978 in Argentinien war er der einzige Herthaner in der Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB).

Fritz Walter als Inspiration

Angefangen hatte bei Erich Beer alles 1954. In seinem fränkischen Dorf gab es nur einen Fernseher, der Raum war überfüllt, als Fritz Walter und seine Mannen in Bern den ersten deutschen WM-Titel errangen. „Mein Opa hat mich auf die Schultern genommen, damit ich etwas sehen konnte. Nach diesem Erlebnis stand für mich fest, dass ich unbedingt Nationalspieler werden will“, sagt Beer. Ein paar Jahre später traf er Walter persönlich, er war kurzzeitig Trainer bei Beers Heimatverein VfL Neustadt. Als Jugendspieler erhielt er von Walter dessen Buch über die WM 1954, mit Widmung.

Über seine WM braucht Beer kein Buch, es gab ja auch kein Happy End. Die Geschichte in Argentinien war nicht schön, eigentlich zum Vergessen. Viereinhalb Wochen wie in einer Kaserne, in Ascochinga war die Mannschaft in einem Erholungsheim der argentinischen Luftwaffe untergebracht. Mit einer Gegend drumherum, die mit dem Namen, übersetzt „Toter Hund“, nicht treffender hätte beschrieben werden können. Und dann der Fußball, den die Mannschaft spielte. Das verfolgt Beer.

„Unsere Mannschaft sollte sogar entführt werden“

Argentinien war der falsche Ort für eine WM, dort regierte eine Militärjunta, der Zehntausende zum Opfer fielen. Es herrschten teils bürgerkriegsähnliche Zustände. „Unsere Mannschaft“, so Beer, „sollte sogar entführt werden.“ Zum Schutz bewachten Soldaten das Camp. Es war fast wie eingesperrt sein. „Frei bewegen konnten wir uns nicht. Das war wirklich nicht angenehm.“ Drinnen passierte auch nicht viel. Manchmal nahmen sich die Profis einen Ball und versuchten, bei Fünf gegen Fünf die Zeit totzuschlagen.

Da wirkte Franz Lambert wie ein Segen. Den Orgelspieler hatte der DFB als Unterhaltungsprogramm mit in die Pampa genommen. Zum Frühstück und zum Mittag spielte er für die Männer. „Das Gute war, jeder konnte sich Lieder wünschen. Die Kölner wollten immer Faschingsmusik.“ Sonst hellte eigentlich nur Sepp Maier die Stimmung auf. Mit der Gummipuppe, die er Beers Zimmerkollegen Bernd Hölzenbein ins Bett packte. Es heißt zumindest, dass Spaßvogel Maier das war. Es heißt auch, dass Maier ausbüxen wollte, als nachts einmal Schüsse fielen. Die Soldaten hatten etwas rascheln gehört und feuerten in die Luft.

Ständig brachen im Team die Konflikte auf

Komisches Gefühl. „Mir war es immer mulmig“, sagt Beer. Auf den Fahrten zum Stadion konnte er sich kaum auf das Spiel konzentrieren. Polizei vorn, Polizei hinten, links, rechts. Oben dröhnte ein Hubschrauber. Den Kollegen erging es offenbar kaum anders. „Wir haben nur zwei gute Spiele gemacht, der Rest war nicht doll.“ Doch die äußeren Umstände waren nicht allein verantwortlich, in der Mannschaft herrschten viele Dissonanzen. Zum Teil hatte sich der DFB das selbst eingebrockt, Anführer Franz Beckenbauer ließ man nicht mitfahren, weil er im Ausland spielte. Paul Breitner war zu aufmüpfig. Korrektive fehlten. Weil alle im Camp feststeckten und sich ständig in Trainingsklamotten über den Weg liefen, brachen die Konflikte stetig auf. Forciert zudem durch die Auftritte auf dem Platz. „Die Hierarchie hat einfach nicht gestimmt, jeder wollte für sich spielen.“ Die restlichen Weltmeister von 1974 wollten defensiver auftreten, die anderen offensiver agieren.

Trainer Schön konnte damit nicht umgehen, er vermisste Beckenbauer als rechte Hand. Berti Vogts machte als Kapitän keine gute Figur. „Er konnte keine Mannschaft führen.“ Nach dem dritten Vorrundenspiel gegen Tunesien (0:0) gab es eine Sitzung. „Die hatte Vogts einberufen. Er sagte, die Stürmer würden nur vorn stehen bleiben. Dann stand Klaus Fischer auf und sagte: Was willst du denn, du bleibst auch nur hinten und gehst kein einziges Mal über die Mittellinie. Schon war die Diskussion zu Ende. Bei Beckenbauer hätte es das nicht gegeben, da hat keiner aufgemuckt.“ Hansi Müller und Ronnie Worm sind sich sogar an den Kragen gegangen. Nicht mal das allabendliche Bierchen, eines war zum besseren Schlaf erlaubt, konnte die Spannung aus dem Team nehmen. Den Frust von der Seele reden ging auch kaum, nur ein kostenfreier Anruf pro Woche in die Heimat war erlaubt.

Berufung ins Nationalteam ein Kindheitstraum

Der Berliner Beer stand immer zwischen den Grüppchen aus den anderen Klubs. Das war schwer. „Der Kölner Trainer Hennes Weisweiler machte über die „Bild“-Zeitung große Werbung für seine Spieler.“ Beer musste sich richtig rein kämpfen – und stand im Eröffnungsspiel beim mauen 0:0 gegen Polen auf dem Platz. In noch schlechterer Erinnerung blieb der Rückflug von Buenos Aires nach Cordoba. „Es gab starke Turbulenzen, da sind einige fast gestorben. Klaus Fischer und Rüdiger Abramczik, die haben geschrien.“ Die beiden, die vor dem Turnier darüber sinnierten, wer von ihnen nun der große WM-Star würde. Eine für Beer eigentümliche Einstellung. Er betrachtete das Nationalteam ganz anders, nicht als Raum für Selbstdarstellung. Als er 1975 zum ersten Mal berufen wurde, wurde sein Kindheitstraum wahr. Seine Leistung explodierte. In der Folgesaison schoss er als Mittelfeldspieler 23 Tore in der Bundesliga für Hertha. Die WM sollte die Krönung werden.

Nach dem Auftakt musste er zwei Partien zusehen. In der Finalrunde kam Beer wieder zum Zug, mit einem schwachen 0:0 gegen Italien ging es los. Gegen die Niederlande verspielten die Deutschen kurz vor Schluss die mögliche Finalteilnahme (2:2). Das Spiel um Platz drei wäre noch drin gewesen, ein Unentschieden gegen Österreich hätte gereicht. An sich Formsache. Aber dann: die Schmach von Cordoda. So lange Beer auf dem Platz stand, war alles gut, Deutschland führte 1:0 zur Pause. „Ich war stinksauer, als ich für Hansi Müller runter musste.“ Das Spiel drehte sich, Eigentor Vogts, zweimal Hans Krankl, Österreich gewann 3:2. „I wer’ narrisch“, entfuhr es dem österreichischen Radioreporter Edi Finger angesichts des ersten Sieges gegen Deutschland seit 47 Jahren.

Der denkbar schlechteste Abgang für Beer, es war sein letztes Länderspiel. „So aufzuhören, ist nicht schön.“ Die Friedhofsstimmung in der Kabine verflog wieder, Bilder und Worte blieben. Ein Jahr spielte Beer danach noch für Hertha, dann zwei Jahre in Saudi Arabien. 1981 hängte er eine Saison bei 1860 München in der Zweiten Liga dran. „Da hast du österreichisches Fernsehen, dort hat mich das immer wieder eingeholt.“ Das tut es bis heute. Immer wieder dieser Satz, „I wer’ narrisch“. Seinen Frieden konnte er nie ganz machen mit Cordoba. Bis heute nicht: „Ich sage zu meiner Entschuldigung, dass ich nur die erste Halbzeit gespielt habe, und da haben wir geführt.“

Der Enkel ist Hertha-Mitglied

Obwohl die Nähe zu Österreich seelische Schmerzen bedeutete, blieb Beer in München-Grünwald. Als Fuhrparkchef von BMW arbeitete er, inzwischen ist er Rentner, reist aber noch viel. Auch nach Berlin, in acht Jahren bei Hertha wurde er dort eine Legende und der Klub Herzenssache. Ungefähr zehn Spiele im Jahr schaut er sich im Stadion an. Gerade hat er seinen Enkelsohn als Mitglied angemeldet, er selbst ist es auch. Das musste sein, denn der Patenonkel, der Sohn von Ex-Bayern-Star Hans-Georg Schwarzenbeck, hatte ihn bereits bei Bayern angemeldet. „Das geht so nicht, habe ich gesagt.“ Jetzt ist der Kleine Doppelmitglied.

Beer hatte auch mal ein Angebot von den Bayern. „Dort wäre ich einer von vielen gewesen. Bei Hertha bin ich einer, den man noch kennt.“ Beer hatte großen Anteil an den besten Zeiten des Klubs. Im Uefa-Cup stand Hertha in Beers letzter Saison in Berlin im Halbfinale, im DFB-Pokal zudem im Finale. Gut ein Jahr nach der Schmach von Cordoba ergaben sich für Erich Beer also noch ein paar fußballerische Dinge, an die er sich mit etwas besseren Gefühlen zurückerinnert.

Teil 1: Arne Friedrich fühlt sich in der Nationalelf wie im Paradies

Teil 3: Die Tragödie von Reinhard „Mäcki“ Lauck

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