Meine WM

Arne Friedrich fühlte sich in der DFB-Elf „wie im Paradies“

Die Morgenpost über Berlins WM-Helden, Teil 1: Bei den Turnieren in Deutschland und Südafrika erlebte Arne Friedrich, was ihm sein Klub Hertha nicht geben konnte.

Foto: Reto Klar

Brasilien fehlt noch auf seiner Liste. Arne Friedrich hat viel gesehen, aber Zuckerhut und Christus-Statue kennt er nur aus dem Fernsehen. Genau das eröffnet ihm nun neue Perspektiven. Der Sender Now Sports aus Schanghai will bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien die deutsche Mannschaft intensiv begleiten, mit Friedrich als Experten. Die ersten zwei Wochen, in der Gruppenphase, ist er vor Ort, dann übernimmt der frühere Mitstreiter Jens Nowotny.

Für diesen Job flog Friedrich zuletzt nach China, dort wurde er vorgestellt. „Das ist wieder eine Horizonterweiterung“, sagt er. Passt gerade super, er schaut ohnehin, was ihm so alles Spaß machen könnte. Zudem ist es interessant, die andere Seite zu sehen. Bei Weltmeisterschaften war der Berliner schon zweimal, 2006 in Deutschland und 2010 in Südafrika stand er als einziger Spieler von Hertha BSC im Auswahlkader des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Nun also die dritte WM in Folge.

Vielleicht hätte er sie sogar auf dem Platz erleben können. Stürmer Miroslav Klose ist auch 35. Nur funktionieren dessen Bandscheiben besser. Zuerst tauchten die Probleme Ende 2010 auf, vergangenes Jahr ging es einfach nicht mehr. Karriereende kurz nach dem 34. Geburtstag. „Die WM wird jetzt emotional sicher noch mal schwierig, aber wenn das vorbei ist, habe ich komplett damit abgeschlossen“, sagt Friedrich.

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Wirklich grämen muss er sich nicht über das frühe Aus, der Verteidiger hatte ein erfülltes Fußballerleben. „Die Nationalmannschaft war wie ein kleines Paradies“, sagt er. Die besten Hotels, die tollsten Städte. Bis auf Rio natürlich. Die besten Spieler als Gegner. „Mit Hertha war das schwierig. Die Nationalmannschaft hat mir das gegeben, was ich in Berlin nicht kriegen konnte .“ Sie ließ ihn große Euphorie erleben.

Bei beiden Turnieren wurde das deutsche Team von den Fans extrem positiv begleitet, bei der Heim-WM 2006 artete das schon fast in einen Belagerungszustand vor dem Teamhotel im Grunewald aus. „Aber das war okay, sie waren für uns da und wir für sie.“ Rausgekommen ist er selten, zu viel Hektik auf den Straßen. „Einmal habe ich es probiert, aber ich bin nicht vorwärtsgekommen“, sagt Friedrich. Für ihn war das die Heim-Heim-WM. Trainiert wurde auf dem Hertha-Gelände.

Damals etablierte sich das Public Viewing, viele unterschiedliche Menschen trafen sich, um gemeinsam das Team zu feiern. „2006 haben wir viel im sozialen Bereich geleistet. Das war mit das Größte, was wir erreicht haben.“ Vier Jahre später tat sich mehr im Social-Media-Bereich. Südafrika war weit weg, Twitter und Facebook sollten Nähe schaffen. Dort wurde öfter gepostet.

Im 77. Länderspiel sein erstes Tor im Nationalteam

Meist angenehme Sachen, es lief ja fast alles toll. Für die Mannschaft, für Arne Friedrich. Zweimal Platz drei, bis auf eine Partie stand er immer über die volle Spielzeit auf dem Rasen. Doch er musste nach dem Eröffnungsspiel 2006 gegen Costa Rica (4:2) Kritik einstecken: „Beide Gegentore wurden mir angelastet. Daran hatte ich zu knabbern, aber ich bin an der Situation gewachsen.“ Und in der Rolle als Außenverteidiger aufgegangen. Obwohl er vor allem dann richtig gut war, wenn er Leute ausschalten musste. Wie ein Innenverteidiger. Innen spielte er lieber. „Jeder hat eine Position, von der er denkt, dass er da am besten funktioniert. Innen hatte ich für mich mehr Wert. Aber 2006 konnte ich der Mannschaft als Außenverteidiger mehr helfen.“ 2010 spielte er dann innen, und er spielte so stark wie nie. Pässe, Zweikampfverhalten, Spieleröffnung – alles nah am Optimum. Im Viertelfinale gegen Argentinien schoss er beim 4:0 sogar sein erstes Tor im Nationalteam. Im 77. Länderspiel. Keiner hatte vorher so lange dafür gebraucht wie er.

Und das vor diesem Hintergrund. 2006 war alles friedlich bei Hertha, 2010 aber stieg der Klub kurz vor der WM ab. Extreme Höhen und Tiefen innerhalb weniger Wochen. „Bei der Nationalmannschaft ist eine Last von mir abgefallen, ich bin in ein komplett neues Umfeld gekommen.“ Das verursachte einen Schub. Er erhielt auch viel Vertrauen, wurde in den Mannschaftsrat gewählt. Verantwortung hatte er bei Hertha schon getragen als langjähriger Kapitän, aber er gehörte jetzt auch in der Auswahl zu den Ansagern.

Obwohl das nicht mehr so streng geregelt war wie 2006. Da wurde eine steile Hierarchie gepflegt, Ballack und Frings gaben den Ton an. Die alte Garde, starke Persönlichkeiten. Die entschieden für alle, deren Respekt musste man sich über Jahre erarbeiten. In Südafrika waren beide nicht mehr dabei. „Wir haben das etwas diplomatischer gemacht, alle sollten das Gefühl haben, wichtig zu sein.“ Dem Berliner gefiel das besser. Auch der Fußball unterschied sich. „2006 wurde nicht so viel Wert auf das Spielerische gelegt, sondern mehr auf das Kämpferische und Körperliche.“ Anstrengend war beides.

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Dafür bot der DFB reichlich Zerstreuung an. Jürgen Klinsmann führte von 2004 bis 2006 die Geschäfte als Bundestrainer. „Er ist ein Visionär, hat Riesenideen, hat komplett revolutioniert und Krusten aufgebrochen.“ Klinsmann machte alles anders, alles modern, im Training, in der Regeneration. Die Tischtennisplatten hielten Einzug ins Quartier, ein Snookertisch, es wurden Kurse angeboten. „2010 habe ich einen Videoschnittkurs belegt.“ Es kamen illustre Gäste: Michael Schumacher, Reinhold Messner, die neuseeländische Rugbylegende Jonah Lomu. „Von jedem einzelnen konnte man etwas mitnehmen, sehen, wie sie alles gemeistert haben.“ Friedrich war nie langweilig, in Südafrika hätte er noch länger bleiben können. Sogar eine Sauna wurde von daheim herangeschafft.

Die strenge Bewachung im Camp, die stark eingeschränkte Bewegungsfreiheit störte ihn nicht. In Südafrika rankten sich viele Bedenken um die hohen Kriminalität. Einmal, nachdem es bei der Dopingprobe etwas länger gedauert hatte, musste Friedrich allein ins Quartier chauffiert werden. „Ich habe mich gewundert, warum wir über alle roten Ampeln fahren. Es hieß, dass man um diese Uhrzeit nicht anhalten sollte.“ Er fühlte sich dennoch sicher.

Auf dem Platz auch. Joachim Löw hatte das Team gut eingestellt. „Er ist mehr der Taktiker, der sich reinfuchst. Aber nach Klinsmann hat er sich unglaublich weiterentwickelt, was die Ansprache an die Mannschaft angeht“, so Friedrich, dem die Niederlagen in den Halbfinalspielen 2006 gegen Italien (0:2 n.V.) und 2010 gegen Spanien (0:1) heute noch mehr wehtun als damals.

Bei der Heim-WM spielten die Umstände eine Rolle, im Viertelfinale gegen Argentinien (1:1 n.V./1:1, 0:0, 4:2 i.E.) ging es in die Verlängerung, es folgte das Elfmeterschießen mit dem Zettel in Torhüter Jens Lehmanns Stutzen. Die Italiener hatten leichtes Spiel mit der Ukraine (3:0). In Dortmund war dann alles drin, „aber in der erneuten Verlängerung sind uns einfach die Kräfte ausgegangen“. Vier Jahre später sahen alle dieses junge Team im Rausch, das England im Achtelfinale mit 4:1 überrollte. Das danach Argentinien und Messi mit 4:0 vom Platz fegte. „Es gab einige Spiele, die man nicht so schnell vergisst.“ Gegen Spanien brachte die Mannschaft das nicht mehr auf den Platz. „Wir hatten ein bisschen die Hosen voll. Darum haben wir nicht unser Spiel gespielt.“ Zur Pause war Friedrich völlig fertig, weil alle den Spaniern nur hinterher liefen. Am Ende wieder Platz drei, gegen Uruguay (3:2) härter erkämpft als gegen Portugal 2006 (3:1).

Auf ein Bierchen mit Angela Merkel

Bundeskanzlerin Angela Merkel feierte trotzdem wieder mit, in der Kabine. „Sie hat auch schon mal ein Bierchen mit uns getrunken.“ Friedrich beeindruckte das. Nicht minder beachtlich ist seine Wandlung, nach dem Abschied von Hertha versuchte Friedrich es beim VfL Wolfsburg. 2011 war nach 82 Länderspielen Schluss in der Nationalmannschaft, aber 2012 spielte er noch eine Saison bei Chicago Fire. Die USA veränderte Friedrich. „Ich bin da lockerer, offener geworden.“ Dieses amerikanische Lebensgefühl nahm er mit zurück nach Berlin. Er teilt jetzt viele Dinge mit anderen über Twitter.

Zum Beispiel, dass er Anfang des Jahres Mitglied bei Hertha geworden ist. „Ich lebe hier, liebe die Stadt, ich möchte weiter Herthaner bleiben.“ Dass er den B-Trainerschein gemacht hat. Friedrich interessiert sich für Körper und Ernährung, will in diesem Bereich studieren. „Ich möchte mich auf verschiedensten Ebenen weiterentwickeln um herauszufinden, was ich machen möchte.“ Und wie sieht der Fernsehexperte Friedrich Löws Team in Brasilien? „Von der Mannschaft her ist es die beste seit Jahren.“ Das Klima werde aber eine Herausforderung.

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