Andreas Wolff ist niemand, der mit seiner Meinung, auch mit seiner Kritik zurücksteckt. Extern gerichtete an die Mitspieler wie interne an sich selbst. Wer den Torhüter der deutschen Handball-Nationalmannschaft ohne Kenntnisstand über den Zwischenstand zur Pause des EM-Halbfinals gegen Kroatien beobachtete, musste Fürchterliches ahnen. Wolff schimpfte vor sich her, schlug mit seinem Arm ein Luftloch vor Verärgerung. Seine achte Parade des Spiels eben hatte der 34-Jährige auch noch mit einem Abschluss ins leere Tor krönen wollen. Doch der Ball klatschte Zentimeter neben dem linken Pfosten des verwaisten Kroaten-Gehäuses auf. Wenn Wolff sich ärgern will, dann muss es auch raus.
Handball-EM: Deutschland erstmals seit 2016 im Finale
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Als die letzten Sekunden des Halbfinals jedoch liefen, war davon nichts mehr zu sehen. Andreas Wolff, dessen Stern vor zehn Jahren beim letzten deutschen EM-Triumph aufging, riss die Arme hoch und ließ einen Urschrei los, der den 12.000 Zuschauern in der Jyske Bank Boxen von Herning durch Mark und Bein ging. Deutschland hat durch das 31:28 (17:15) gegen Kroatien die erste EM-Medaille seit 2016 sicher und steht am Sonntag (18 Uhr/ZDF) im Finale. Die Spieler lagen sich in den Armen, tanzten im Reigen, Julian Köster machte ein Sieger-Selfie auf dem Platz. Deutschland ist bereit für den großen Coup gegen die Super-Dänen (31:28-Halbfinalsieger gegen Island). „Ich bin extrem stolz“, sagte Bundestrainer Alfred Gislason. „Wir sind durch die Todesgruppe bis ins Finale gekommen – phänomenal.“

Die Deutschen mussten sich auf eines der ausgebufftesten Teams des Welthandballs einstellen. Knallhart in der Abwehr, hitzig und auch nicklig. „Dafür sind sie bekannt, das ist ihr Spiel“, sagte Lukas Zerbe. Doch auch dank der Topleistung des Rechtsaußens aus Kiel spielte die DHB-Auswahl wieder eine starke erste Hälfte. Zwar durfte Ivan Martinovic seine fünf Tore in Abwesenheit des weiter erkrankten Abwehrmonsters Tom Kiesler viel zu nah vor Wolffs Nase erzielen, als diesem lieb war. Doch auch mit Schwächen gegen den kroatischen Rückraum und zu häufig verlorenen zweiten Bällen nach Wolff-Paraden spielte das Gislason-Team aufmerksam. Juri Knorr holte seine eigenen verworfenen Würfe zurück, der starke Zerbe fitschte zwischen die Pässe der Kroaten und ermöglichte leichte Tore, Kreisläufer Justus Fischer blockte Bälle, traf unter Vollkontakt und holte Siebenmeter raus. Zumindest vorübergehend brachten die Deutschen ihren früheren Europameistermacher Dagur Sigurdsson zum Schweigen.
Wutrede: Kroaten-Trainer wird zum Handball-Trapattoni
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Sein isländisches Feuer hatte Sigurdsson am Tag vor dem Halbfinale für sein Team eingebracht, als er eine Attacke gegen den europäischen Verband EHF ritt. Der Turnierplan und die Logistik sei „eine absolute Schande“ gewesen, polterte der 52-Jährige in einem dreiminütigen Monolog. Die Kroaten hatten ihre Hauptrunde in Malmö schadlos überstanden und mussten am Donnerstag (nach zwei Einsätzen am Dienstag und Mittwoch) vier Stunden mit dem Bus von Schweden nach Dänemark übersetzen, fühlten sich dabei „wie gefrorenes Hähnchen in einen kalten Bus“ gepackt. Erst am Abend konnte der Handball-Trapattoni Sigurdsson sein Team auf die Aufgabe Deutschland vorbereiten.

Donnerstag
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Die Antwort der EHF, künftig die Spielpläne genauer zu betrachten und sie gegebenenfalls zu modifizieren und mehr auf die belasteten Spieler Rücksicht zu nehmen, bringt Sigurdsson beim Turnier nichts mehr. So anfällig das deutsche Team während der Tage in Dänemark zu Beginn der zweiten Halbzeit gewesen war, so furios kam es diesmal aus der Kabine. Der innere Abwehrverbund blockte sich die Hände rot, Knorr feuerte Raketen aus seinem Arm ab oder bediente mit Zauberanspielen die Kollegen. Das 25:18 durch Kapitän Johannes Golla war die erste Sieben-Tore-Führung, die Deutschland nicht mehr abgab. Neben Dreizehn-Paraden-Torhüter Wolff überragten Lukas Zerbe (6/davon 2 Siebenmeter), Juri Knorr, Johannes Golla, Lukas Mertens, Renars Uscins und Justus Fischer (je 4) als Torschützen. „Es war noch ein bisschen Druck auf dem Kessel“, sagte Zerbe, „jetzt wollen wir den Titel.“

Bad Boys 2.0? Kohlbacher dankt ab, Gislason Guys sind aber Alternative
Nun also steht Deutschland am Sonntag zum vierten Mal im EM-Endspiel. 2002 gab‘s Silber, 2004 und vor zehn Jahren den Titel. 2016 war das sensationelle 24:17 über Spanien die Geburtsstunde der Bad Boys. Andreas Wolff (34), Rune Dahmke (32) und Jannik Kohlbacher (30) sind von der Truppe noch übrig, die der damalige Bundestrainer Dagur Sigurdsson als zu brav empfand und ihr deshalb einen Imagewandel verordnete. Kohlbacher: „Wir haben damals alles verprügelt, was auch nur ansatzweise in den Neuner reinkommen wollte.“ Auf die Bad Boys 2.0 hat der Kreisläufer keine Lust: „Das werde ich nicht ausrufen“, sagt Kohlbacher und grinst. „Jeder Trainer hat so seine Handschrift. Nichtsdestotrotz wollen wir immer noch die Tugenden von damals leben.“ Gislason Guys wären ja auch eine Alternative für Sonntag.










