Die Dynamiken, von denen Sportler bei Wettkämpfen gepackt werden, sind nicht immer beeinflussbar. Manchmal trägt Unvorhersehbares dazu bei, dass Deutschland eben immer eine Turniermannschaft ist. Alfred Gislason wollte keine Anleihe an dem Bonmot aus dem kickenden Sportsektor nehmen. Aber dass die deutschen Handballer auch an den letzten drei Tagen der Europameisterschaft in Dänemark weilen und um die Medaillen spielen werden, erinnerte den Bundestrainer an den besagten Entwicklungsprozess echter Turniertruppen. „Die Mannschaft ist in diesen Wochen sehr gewachsen“, erklärte der Isländer mit dem Erfahrungsschatz von 66 Lebensjahren. „Jeder hat seinen Platz im Team gefunden und bringt Leistung. Aber was Juri heute gezeigt hat, war phänomenal.“
Handball-EM: Knorrs zehn Tore gegen die Selbstzweifel
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Das Unvorhersehbare trug beim 38:34 über Frankreich, mit dem die deutsche Nationalmannschaft den Titelverteidiger aus dem Turnier warf und am Freitag (17.45 Uhr/ARD) gegen Kroatien weiter vom ersten EM-Edelmetall seit zehn Jahren träumen darf, also den Namen Juri Knorr. Eigentlich ist es keine Sensation, von dem 25 Jahre alten Rückraumspieler so einen mutigen, die Mitspieler inspirierenden Auftritt zu erwarten. Der Mann mit dem Dutt hatte jedoch zuvor nach fahrigen Darbietungen mit schwacher Wurfausbeute den Glauben an sich selbst verloren. Nun aber wurde er in der Jyske Bank Boxen von Herning von allen gehuldigt, auch in der Hoffnung, der Dauergrübler Knorr könne nach der Leistungsexplosion mit zehn Toren gegen die Grande Nation endlich seine Selbstzweifel ablegen. „Wenn er sich gerade nicht wieder selbst zerfleischt“, sagte Gislason und blickte grinsend in der Interviewzone herüber zum Matchwinner, „würde ich sagen: Das war das beste Spiel, das ich je von ihm gesehen habe.“

Der Bundestrainer formuliert selten bunte Sträuße an Belobigungen. Unter seiner rauen Schale sitzen aber die Sensoren für die Befindlichkeiten seiner Spieler. Wer Juri Knorr anschließend zuhörte, wurde wirklich vom Bedürfnis gefasst, den 25-Jährigen in den Arm zu nehmen und ihm zu sagen: Jetzt freu‘ dich doch mal. „Das tue ich“, versicherte Knorr, stellte gleichwohl umgehend das Wie und Warum für seine sportliche Verwandlung infrage. „Ich kam mir ziemlich verarscht vor“, sagte er und sorgte für Erstaunen. „Drei Spiele funktioniert nichts und auf einmal geht jeder Gurkenwurf rein.“ Seine Auszeichnung als Spieler des Spiels empfand er als „fast ein bisschen kitschig, weil mein Vater ziemlich direkt vor mir stand und ich meine Freundin auf dem Videowürfel gesehen habe.“ Zum Glück hatte er vor dem Showdown ums Halbfinale aber als Eigenpsychologe funktioniert: „Ich habe Handball nicht vergessen und drauf vertraut, dass so eine Phase vorbeigeht. Ich hatte Glück, dass sie heute geendet ist.“
Grgic über Handballer: „Jeder schmeißt sich für den anderen ins Feuer“
Renars Uscins nutzte die Dankesworte an den Rückraumkollegen dazu, den gesamten Entwicklungsprozess der DHB-Auswahl zu würdigen. „Wenn Juri in seinen Flow kommt, macht er uns eine Klasse besser“, sagte der Linkshänder. „Aber für uns alle gilt: Wir haben nicht den einen, der immer aus Scheiße Gold macht. Wenn wir den Spielfluss haben, kann gleichwohl jeder seinen Peak setzen. Das werden wir auch im Halbfinale brauchen.“
Wir haben nicht den einen, der immer aus Scheiße Gold macht. Bei uns kann jeder seinen Peak setzen.
Renars Uscins, über das Erfolgskonzept der deutschen Handballer bei dieser EM
Die zugelegte Reife zeige sich „in unserem Charakter, wie wir mit Rückschlägen umgehen“, war sich Torhüter David Späth sicher. In der qualitativ deutlich hochwertigeren Hälfte des Turnierbaums hinter Dänemark (treffen nun auf Island) Zweiter geworden zu sein, war nur möglich, „weil wir mutig geblieben sind“, erklärte Marko Grgic, der ja auch erst seit zwei Partien richtig im Turniermodus steckt. „Wir waren mental auf so einem hohen Level: Jeder war bereit, sich für den anderen ins Feuer zu schmeißen.“ Oder wie Juri Knorr es beschrieb: „Es zeichnet diese Mannschaft aus, dass da so viel Gutmütigkeit und Wohlwollen für den Nebenmann da ist. Man ist wütend und frustriert, wenn man nicht gut spielt und nicht helfen kann. Aber das geht nicht auf Nebenkosten der anderen. Man freut sich noch immer für die anderen. Das ist kein negativer Konkurrenzkampf, jeder will helfen.“
EM-Halbfinale: Gegen Kroatien geht es richtig zur Sache
Die gegen Frankreich endlich in beiden Mannschaftsteilen tadellose Leistung öffnete bei so manchem Spieler die Gedanken für ganz Großes. „Es wurde ja schon im Vorfeld ein bisschen angepriesen, dass der letzte Titel jetzt zehn Jahre her ist“, sagte Jannik Kohlbacher. Der Kreisläufer war wie Andreas Wolff und Rune Dahmke 2016 in Krakau dabei, als die Deutschen sensationell gegen Spanien Europameister wurden. Seiner Einschätzung, „es wäre doch schön, das zu wiederholen“, wollte sich EM-Debütant Miro Schluroff nicht ganz anschließen. Der Scharfschütze setzte für die bevorstehende Reifeprüfung noch einen drauf: „Jetzt wollen wir auch Europameister werden.“
Ausgerechnet Dagur Sigurdsson, der Deutschland 2016 als Trainer zum Titel führte, wird nun mit seinen Jungs vom Balkan etwas dagegen haben. „Die Kroaten leben von Emotionen, wachsen gerade bei Turnieren über sich hinaus“, warnte Andreas Wolff. Sie wieder wie bei den EM-Generalproben in Zagreb und Hannover im Sack zu haben, könne sich jeder Teamkollege abschminken. Es werde körperlich hart, fürchteten die Nationalspieler. Möglich, dass sie sich auch wieder aus einer schwierigen Situation befreien müssen, glaubte Juri Knorr. „Aber das zeichnet uns aus, dass wir es immer wieder geschafft haben – wenn auch manchmal auf merkwürdige Art und Weise. Das ist vielleicht die Geschichte des Turniers.“ Eine Geschichte, die erst am Sonntag im Finale auserzählt werden soll.



