Plötzlich wird es laut auf dem Platz. „Was ist denn los?“, schallt es aus dem Pulk der Spieler: „Jeder jetzt noch mal mit voller Konzentration.“ Die Spieler des 1. FC Union, das ist in jenem Moment zu spüren, straffen sich für die letzten Minuten jener Partie, in der es mitnichten um drei Punkte oder gar schon um einen Aufstiegsplatz geht.

Es ist ein Trainingsspiel, so wie es unzählige solcher Spiele im Laufe der Vorbereitungen gibt. Nur verlieren, das mag Stephan Fürstner selbst in solch eher unbedeutenden Matches gar nicht.

Später, nach getaner Arbeit, sagt der 27-Jährige entspannt. „Man kann durch Reden viele Laufwege ersparen.“ Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, warum Trainer Norbert Düwel den defensiven Mittelfeldspieler aus Fürth verpflichten wollte, so hat Fürstner ihn gerade geliefert. Er übernimmt Verantwortung auf dem Platz, auf einer Position, die im modernen Fußball immer wieder als Schlüsselposition deklariert wird.

Noch nie Verantwortung gescheut

„Ich habe mich noch nie gescheut, Verantwortung zu übernehmen. Das ist natürlich auch abhängig von der Position in der Zentrale, wo ich viele Dinge beeinflussen kann, vor allem die Ordnung auf dem Platz“, erzählt Fürstner: „Ich habe mir ein bisschen angeeignet, Dinge anzusprechen und nicht einfach nur laufen zu lassen. Zumal die Zentrale mir Spaß macht, weil ich meine Tugenden wie Laufstärke einbringen kann.“

Es ist fast schon die logische Folge, dass ihn der Coach neben Michael Parensen gleich zum Vize-Kapitän ernannt hat, obwohl der gebürtige Münchner erst diesen Sommer an die Alte Försterei gewechselt ist. Das Vertrauen in den Profi, der mit Fürth vor drei Jahren in die Bundesliga aufstieg, ist groß. Die Erwartungen in ihn vielleicht noch größer.

Fürstner hat jedoch längst gelernt, damit umzugehen. Weil er trotz aller professioneller Berufsauffassung erfahren hat, dass es da mehr gibt als Fußball. 18 Jahre war er alt, als eine Begegnung in Indien sein Leben verändern sollte.

Plötzlich ein Star des FC Bayern

Sein Blick schweift in die Ferne, als er von seiner Reise als Jungprofi mit dem FC Bayern auf den Sub-Kontinent erzählt. Von jenem Waisenhaus, als „mich nichts ahnend ein Kind an die Hand nimmt, weil es mich erkannt hat, mich in sein Zimmer führt – und dann hängt da ein Bild von mir an der Wand“. Von ihm, nicht von den Stars wie Bastian Schwein­steiger und Co.

„Das war schon beeindruckend, ein Moment, den ich nie vergessen habe.“ Monate habe es gedauert, bis er diese Erlebnisse verarbeitet hat. „Wer schon mal in Indien war, weiß, dass das für einen Europäer schon ein Kulturschock ist“, sagt Fürstner: „Schon erstaunlich, wie die Kinder mit ihrer Situation umgehen. Die haben oft wenig, sind aber trotzdem glücklich und probieren, das Beste aus ihrer Situation zu machen.“

In jener Zeit reifte bei ihm der Entschluss, sich verstärkt für Kinder einzusetzen, denen es noch schlechter geht. Die mit der Krankheit Krebs zu kämpfen haben. „Deshalb habe ich mich entschlossen, eine eigene Stiftung zu gründen, um zielgerichtet etwas tun zu können und auch nah dabei zu sein“, erzählt Fürstner. Mit der Cnopf’schen Kinderklinik in Nürnberg arbeitet seine Stiftung zusammen.

Berliner Klinik soll von seiner Stiftung profitieren

Jetzt, da er für Union spielt, soll auch eine Klinik in der Hauptstadt von seinem Engagement profitieren. „Ich habe auch schon mit Union gesprochen, ob es eine vergleichbare Einrichtung in Berlin gibt und der Klub mir den Einstieg erleichtern könnte“, sagt Fürstner. Die aufkommende Freude, auch in Berlin etwas für krebskranke Kinder tun zu können, ist nicht zu übersehen.

Es ist dieses Engagement, mit dem er auch etwas von dem zurückgeben möchte, was ihm der Fußball ermöglicht hat. Fürstner spricht von Demut, wohl wissend, welche Freude er bei den kleinen Patienten auslösen kann. So wie bei einem Überraschungsbesuch in Nürnberg, als Fürstner einen Ball mitgebracht hatte: „Ein Kind, das an zahlreiche Geräten angeschlossen war, war so euphorisiert, dass es gar nicht mehr an all die Schläuche gedacht und alles mitgerissen hat. Da war es weit weg von allen Sorgen.“ Für Fürstner sind es Momente, für die es sich zu leben lohnt.

Keine Frage, Fürstner, dessen Vertrag bei Union bis 2017 läuft, hat viel vor in Berlin. Und es klingt wie ein Versprechen, dass er all die in ihn gesetzten Hoffnungen auch erfüllen wird, wenn er sagt: „Alles was ich mache, mache ich zu hundert Prozent.“ Selbst wenn es nur ein Trainingsspiel ist.