Zweite Liga

Union-Manager Schäfer: „...dann kann uns nichts aufhalten“

Nico Schäfer, Unions kaufmännisch-organisatorischer Leiter, über den Status der Köpenicker, seinen Job und einen Problemfall.

Nico Schäfer ist seit 2011 kaufmännisch-organisatorischer Leiter der Lizenzspielerabteilung des 1. FC Union

Nico Schäfer ist seit 2011 kaufmännisch-organisatorischer Leiter der Lizenzspielerabteilung des 1. FC Union

Foto: Jörg Carstensen / picture alliance / dpa

Mit dem Premier-League-Klub Crystal Palace hat Fußball-Zweitligist 1. FC Union am Sonnabend zum dritten Mal in Folge (zuvor Celtic Glasgow und FC Sevilla) einen namhaften Gegner bei der Generalprobe für eine Saison zu Gast. Ein Verdienst nicht zuletzt von Nico Schäfer, Unions kaufmännisch-organisatorischem Leiter. Die Morgenpost sprach mit dem 47-Jährigen über die Stellung des Berliner Fußball-Zweitligisten im deutschen Fußball und die Herausforderungen auf dem Transfermarkt.

Berliner Morgenpost: Wie laufen die Vorbereitungen für die Aufstiegsparty im kommenden Jahr, Herr Schäfer?

Nico Schäfer: (überlegt lange) Wir haben ja klar gesagt, welches unsere Ziele sind, nämlich Platz eins bis sechs. Deshalb wäre es sicher zu früh, jetzt schon eine Aufstiegsparty zu planen.

Platz eins bis sechs ist aber auch ein klares Signal, dass Union den Aufstieg anpeilen will. Wie überrascht waren Sie, dass Trainer Norbert Düwel dieses Ziel schon so früh, beim Trainingsauftakt, und so explizit verkündet hat?

Wenn man grundsätzlich diese Festlegung für sich getroffen hat, die wir ja auch innerhalb des Vereins besprochen haben, ist es ja nicht überraschend, wenn es dann gesagt wird. Wenn man nur einen Korridor von vier bis sechs angibt, ist das sicherlich falsch. So eng wie die Zweite Liga ist, ist dann auch alles möglich, wenn man in Schlagweite ist.

Zumal dieses Ziel auch in gewisser Weise die Position widerspiegelt, die Union sich in den vergangenen Jahren im deutschen Profifußball erarbeitet hat.

Obwohl ich sogar gelesen habe, dass wir eine unspektakuläre Saison gespielt haben. Intern habe ich das etwas spektakulärer erlebt, zumal wir auch sehr schlecht gestartet sind. Aber es ist immer so, wenn Änderungen in einem Verein stattfinden, können die nicht immer sofort greifen. Alle müssen diese Änderungen erst einmal verinnerlichen. Aber dieser Prozess ist nachweislich – auch für die Statistikfreunde – sehr gut gelungen.

Stichwort Änderungen: Sie sind nun schon seit 2011 bei Union, was hat sich seitdem im Verein verändert?

Bis auf den Verein in Leipzig gibt es keinen Zweitligisten, der – ausgehend von seiner Ausgangsposition – prozentual so stark gewachsen ist wie Union, was Umsatzzahlen etc. betrifft. Nebenbei sind noch Meilensteine entstanden wie die Haupttribüne. Das alles im laufenden Spielbetrieb zu realisieren, war eine Herkulesaufgabe, die der Verein sehr gut gelöst hat. Natürlich hat man sich in der einen oder anderen Saison, insbesondere in der vorletzten, gewünscht, dass auf eine gute Hinrunde auch zumindest eine durchschnittliche Rückrunde folgt. Aber grundsätzlich sind wir konstant in der oberen Tabellenhälfte gelandet und haben uns kontinuierlich verbessert. Dieser Weg ist der richtige.

Hat sich das, was Sie sich 2011 von Union vorgestellt haben, verwirklicht?

Wenn man Zugereister ist, muss man einen Verein ja auch erst kennenlernen, seine Philosophie, seine Kultur. Die Dinge, die man meint, einbringen zu können, sollte man nicht gleich am ersten Tag einbringen. Es gibt auch vieles, was ich bei Union gelernt habe.

Zum Beispiel?

Die unheimlich kurzen Wege bei Union, um Entscheidungen zu treffen. Auch ein Präsident wie Dirk Zingler, der praktisch täglich vor Ort ist, hat enorme Vorteile, weil es die Entscheidungen erleichtert und man sehr viel mitbekommt. Was ich gelernt habe, ist auch der deutliche Umgang miteinander. Das habe ich früher anders erlebt, da hat man mehr zwischen den Zeilen gesagt. Das lässt vielleicht auch mehr Platz für Interpretationen. Es gibt auch Aussagen, die schwerer fallen, wenn man sie direkter sagt. Aber man kann das lernen und auch ins Positive umsetzen.

Welchen Verdienst haben Sie an den Veränderungen, wenn man Ihre Vernetzung in den Spielermarkt betrachtet oder ihr Verhandlungsgeschick?

Diese Frage sollten sicherlich andere beantworten.

Das klingt sehr bescheiden…

Ich glaube schon, dass ich einiges einbringen konnte, was Union weitergebracht hat.

Sind Sie bei Vertragsgesprächen eigentlich ein harter Verhandlungspartner?

Ich selbst fühle mich als gut vorbereitet. Ich habe aber von anderen auch schon gehört, dass ich ein harter Verhandlungspartner wäre. Aber den lauten Ton brauche ich nicht, um in einer Verhandlung hart zu sein.

Haben Sie in Sachen Sebastian Polter, der jetzt für Queens Park Rangers spielt, hart genug verhandelt?

Ich habe eineinhalb Jahre erst einmal verhandelt, dass er überhaupt zu uns kommt. Er hat bessere Angebote gehabt, hat sich aber entschieden, zu Union zu kommen, weil dieser Verein ihn so umworben hat. Dann ist uns zumindest emotional gelungen, aus dieser Situation mehr zu machen. Aber es gibt natürlich auch sachliche Gründe, die in einer Spielerkarriere den Ausschlag geben. Von daher kann ich den Weg, den Polter geht, verstehen. England war immer sein kommuniziertes Wunschziel.

Empfinden Sie den Weggang Polters ein wenig als persönliche Niederlage?

Nein, die sachlichen Gründe müssen in einer Spielerkarriere immer im Vordergrund stehen. Aber die emotionale Seite ist so ausgeprägt, dass wir einen Spieler haben, der sich nach außen zwar gegen Union entschieden hat, den wir aber wieder mit offenen Armen bei uns empfangen können, wenn es in England anders läuft. Was ich ihm natürlich nicht wünsche.

Bei Bobby Wood haben emotionale Gründe offenbar überwogen. Auch er soll bessere Angebote gehabt haben.

Es ist immer eine Kombination aus beidem. Er war ein sehr umworbener Spieler am Markt, bei dem man zudem nur wenig Phantasie braucht, um sich vorzustellen, dass er in der bevorstehenden Saison trifft. Sicherlich muss man ein vernünftiges Angebot abgeben, wir sind ja auch in einer Konkurrenzsituation. Und für 1860 München war es auch eine schwierige Situation, einen Stürmer ohne Ersatzlösung abzugeben. Aber er war unser Topkandidat, dieses Gefühl haben wir ihm immer gegeben, und er hat es zu schätzen gewusst.

Was macht Sie so sicher, dass er treffen wird?

Die Entwicklung, die er genommen hat. Die ist nicht nur an der Trefferquote, sondern auch an der Spielweise zu messen. Er ist ein junger Mann, der sich extrem schnell entwickelt hat und aus einer Situation explosiv sehr viel machen kann. Wenn er dies kontinuierlich in einem Umfeld macht, in dem er sich wohlfühlt… Zumal auch US-Coach Jürgen Klinsmann ihn sehr unterstützt. Das würde er nicht tun, wenn er nicht vieles von diesem Spieler erwarten würde.

Der Transfer von Wood zeigt also, dass der emotionale Faktor den finanziellen Nachteil offenbar ausgleichen kann?

Wir sind definitiv in einer Position, die für die Spieler schon deutlich macht, dass Union ein Verein ist, in dem Kontinuität herrscht, tolle Ideen sind und sehr viel im Umfeld gemacht wird, was ein Spieler auch zu schätzen weiß. Dann ist am Schluss nicht mehr entscheidend, ob am Ende zwei, drei oder 4000 Euro im Monat mehr herausspringen. Ich gehe doch als Spieler lieber in einen Verein, in dem ich mich weiter entwickeln, eventuell aber auch meine Ziele erreichen kann. Diesen Status haben wir inzwischen erreicht.

Wie lange wird sich Union mit dieser Andersartigkeit noch behaupten und konkurrenzfähig bleiben können? Die Zahl der Investoren im deutschen Fußball nimmt stetig zu, ganz zu schweigen von den Millionen, die die englischen Klubs in der Lage sind zu investieren…

Das ist immer ein schwieriger Spagat. Sicher ist England aktuell ein „Problem“ weil da schon in der Zweiten Liga enorme Summen gezahlt werden können. Wenn ein Spieler für diesen Markt interessant ist, kann man finanziell auf gar keinen Fall mithalten. Doch am Schluss haben wir immer noch die beste erste und zweite Liga der Welt, gerade deshalb wollen manche auch gern in Deutschland bleiben. Und wenn ein Verein sich kontinuierlich entwickelt, lässt er sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen. Wie lange wir unser Konstrukt aufrechterhalten können, muss immer wieder überprüft werden, das tut der Verein. Aber wenn ich sehe, wie zum Beispiel bei Leicester City mit der „Ware Mensch“ umgegangen wird, wo ein thailändischer Investor erst einmal die halbe Mannschaft rausgeschmissen hat, dann macht so etwas auch in Spielerkreisen die Runde. Ich glaube nicht, dass sich ein Spieler dann immer für das schnelle Geld entscheidet. Und so kann sich der Markt auch wieder in die richtige Richtung regulieren.

Wenn man sie so hört, müssten Sie nicht „nur“ kaufmännisch-organisatorischer Leiter sein, sondern Manager oder Sportdirektor des gesamten Klubs…

Ich hatte ja zehn Jahre bei Rot-Weiß Essen eine andere Funktion inne (Geschäftsführer und Vorstandsmitglied, d. Red.), habe mich bei Union aber bewusst für die Position, so wie sie jetzt strukturiert ist, entschieden. Mich hat in den Jahren davor immer genervt, dass ich sportliche Leiter hatte, die sich zu gut oder zu schlecht mit dem Trainer verstanden haben. Das wurde dann immer teuer für den Verein. Ich dachte mir, das muss doch anders gehen. Und die sportlichen Entscheidungen hat immer der Trainer zu fällen, da brauche ich keinen zweiten, der das auch noch tut, und dann sucht man sich etwas aus. Der Titel ist eine Eigenart, an die ich mich inzwischen gewöhnt habe.

Sind Sie vielleicht sogar ganz froh, dass Sie mehr der Strippenzieher im Hintergrund sind?

Die Hintergrundfunktion aus Sicht der Öffentlichkeit fand ich schon immer gut. Ich glaube, hier ist es gar nicht anders möglich. Grundsätzlich ist es schwierig, wenn so viele Personen sich öffentlich äußern. Da kann man sich noch so sehr abgesprochen haben, es gibt nachher immer kleine Unterschiede und man hat unglaublich viel damit zu tun, alles wieder zu harmonisieren. Das kostet manchmal bis zu drei Tage. Bei Union äußert sich der Präsident zur Strategie des Vereins, der Trainer zum Sport, ich punktuell dort, wo es nötig ist.

Bei den Spielen wirken Sie auf der Tribüne dennoch immer sehr angespannt…

Wenn ich nicht ein emotionaler Mensch wäre, wäre ich in diesem Job auch falsch. In der Woche kann ich es komplett ausschalten, das muss ich auch in meinem Job. Beim Spiel ist das für mich normal, weil man ja mit der Mannschaft mitfiebert und hinter dem Verein steht, für den man arbeitet, und man die gesamte Planung in dieser Woche miterlebt hat.

Fühlen Sie sich in diesem Moment auch ein wenig auf dem Prüfstand? Schließlich spielt ja die Mannschaft, bei deren Zusammenstellung Sie mitgeholfen haben…

Dieser Verantwortung muss man sich stellen. Es ist ja mehr, als nur einen Transfer abzuwickeln. Und wir haben ein sehr gutes Beurteilungssystem, an dem sich mehrere Leute beteiligen und das auch schriftlich niederlegen. Natürlich fühlt man sich da auch auf dem Prüfstand.

Wieviel Fußball nehmen Sie noch mit nach Hause?

Mit einigen wenigen engen Mitarbeitern im Verein bespreche ich immer noch, welche die beste Entspannungsmethode ist. Ich habe ja noch ein paar Jahre Zeit, die richtige zu finden. Die einzige, die richtig wirkt, ist zu zeitintensiv. Ich habe in Irland gemerkt, dass ein entspanntes Golfspiel Wunder wirkt. In Berlin sind dafür die Wege zu weit.

Selbst Trainer Düwel schafft es nicht, bei Ihnen für Entspannung zu sorgen, trotz der Entwicklung, die die Mannschaft durch ihn hin zum moderneren Fußball genommen hat?

Beruflich absolut, weil ich gemerkt habe, dass die Mannschaft den Weg verstanden hat, den ihnen der Trainer gezeigt hat. Es macht Spaß zuzusehen, wie intensiv Training und Analyse vorbereitet und auch vermittelt wird. Ich hoffe, alle Spieler wissen das auch so zu schätzen. Wenn das so ist, dann kann uns eigentlich nichts aufhalten.

Also sind doch schon Planungen für die Aufstiegsfeier im Gange?

(lacht) Das passiert, wenn wir endgültig so weit sind.